Zerbrochene Harmlosigkeit: Lisa Kränzler beim Bachmannpreis

Inés Gutierrez

Kindheit und Jugend sowie der Übergang vom einen zum anderen dominieren bislang die Texte, die sich 2012 um den Bachmannpreis bewerben. Für Aufsehen sorgte am Freitag, wie die Freiburgerin Lisa Kränzler damit umging: Ihr "Willste abhauen" verstörte und stieß dennoch - oder gerade deshalb - auf einhellige Anerkennung der Jury. Kandidat für den Bachmannpreis wird man auf Vorschlag eines Jurymitglieds; Kränzler war von Hubert Winkels vorgeschlagen worden.



Die Geschichte scheint harmlos in eine Kindergartenkindheit einzutauchen, doch diese Harmlosgkeit zerbricht in immer dichterer erotischer Atmosphäre, die sich nicht mit Kindergartenniedlichkeit verträgt. Im weiteren Verlauf verstört der Text unter anderem durch die detaillierte Schilderung der Tötung von Katzenjungen, geht sanft über in das Spiel zweier kleiner Mädchen - eine spielt ein gerettetes Kätzchen, die andere die Retterin - von dort zu Streicheln und Zärtlichkeit und wieder zurück in Gewalt. Die zarte Lisa Kränzler las ihre Geschichte mit viel Tempo und viel Energie, wie ihr Text erzeugte sie dadurch Kontraste.


Der Vorsitzende der Jury, Burkhard Spinnen, ordnete die Geschichte in das Sujet Kindheit als Heimat ein, in die wir nicht zurückkehren können. Ein Schriftsteller stehe dabei vor dem Problem, dass man das kindliche Bewusstsein nunmal nicht mehr habe; jeder Versuch der Rückkehr führe ins Befremden. Kränzlers Text sei ein „hoch instrumentalisierter Versuch“, erwachende Sexualität zu zeigen, die Zuneigung zum Andersartigen. Das tue sie mit „großer Souveränität“. Dem zollte Spinnen Respekt, doch er habe diese Darstellung wie durch eine Panzerglasscheibe empfunden.

Meike Feßmann sprach von einer „Böse-Mädchen-Geschichte“, in der verschiedene Arten von Missbrauch auftauchen. Sie wurde aber von der unkindlichen Darstellung an Doku-Soaps im Privatfernsehen erinnert. Kränzler zeige einen Spiegel der Gesellschaft, das aber „irrwitzig kokett“.

Lob für die Sprache des Texts gab es von Corina Caduff, sie nannte sie „absolut durchgearbeitet“. Für sie stand das Thema Konstruktion und Entwicklung von Körperlichkeit im Zentrum - ein zwar diskursiv schon sehr besetztes Thema, durch Kränzlers Sprache aber erneuert.

Das kindliche Bewusststein in der Geschichte sah Hildegard E. Keller „packend und abgründig“ dargestellt. Obwohl die Erzählerin die Handlung bestimme, die Spiele in der Hand habe und kippen lassen könne, scheine ihr die eigene Kindheit dann doch nicht zu gehören.

Daniela Strigl äußerte sich von einigen Schilderungen im Text sehr angetan, zum Beispiel von der Darstellung erotischer Verzückung, entdeckte daneben aber einige „sehr erwartbare“ Formulierungen. Dass offen gelassen werde, wie die Figuren heißen und wo sie wohnen, mache die Geschichte exemplarisch.

Von seiner ersten Begegnung mit dem Text berichtete Hubert Winkels: Ihn habe der Text beim ersten Lesen überraschend „angefasst“, die von Spinnen angeführte Trennwand zum Leseerlebnis könne er nicht nachvollziehen. „Mit großer Eleganz und Souveränität“ habe Kränzler die Zwitterhaftigkeit des Sprechens über Kindheit gemeistert, Winkels sprach von einer „Eindinglichkeit, die mich in den Stuhl wirft“.

Paul Jandl wiederum war vor allem begeistert von der Sprache, vom „hohen ästhetischen Reflexionsniveau“ des „sehr intensiv durchgearbeiteten“ Textes. Er erzähle keine große Geschichte, erzähle aber großartig vom Changieren zwischen Zärtlichkeit und Gewalt.

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Wer Kommentare zum Bachmannpreis auf Twitter mitverfolgen möchte, findet sie unter dem tag #tddlfür Tage der deutschsprachigen Literatur.


  [Bilder: Tddl/Johannes Puch]