Vierter Prozesstag

Zellengenosse verstrickt sich in widersprüchlichen Aussagen – Vernehmung der Pflegeeltern verschoben

Florian Kech

Am vierten Prozesstag im Mordfall Maria L. sollten vor dem Freiburger Landgericht vier Zeugen vernommen werden. Zunächst werden ein afghanischer Zeuge und der Zellengenosse von Hussein K. gehört. Dieser verstrickt sich in widersprüchlichen Aussagen. Die Vernehmung der Pflegeeltern musste verschoben werden.

Fazit

Der mit Spannung erwartete Auftritt der Pflegeeltern von Hussein K. musste verschoben werden. Zu lange hatte die Vernehmung des ehemaligen Zellengenossen gedauert, der weite Teile seiner früheren Aussagen aus dem Polizeiprotokoll zur allgemeinen Verwunderung widerrief. Dazu gehörten insbesondere die schweren Vorwürfe gegen den Angeklagten. Dass dieser ihm in der Zelle gestanden habe, Maria L. "wie ein Tier" getötet zu haben, wollte der Zeuge so plötzlich nicht mehr zu Protokoll gegeben haben. Was ihn zu diesem Widerruf bewogen haben mag, darüber kann nur spekuliert werden. Hatte der Dolmetscher einst tatsächlich falsch übersetzt? Oder hatte der Zeuge es mit der Angst zu tun bekommen vor dem Ex-Zellengenossen K.? Insgesamt verlief der sechsstündige Verhandlungstag sehr zäh. Richterin Schenk ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und machte einen durchweg souveränen Eindruck.

14:57 Uhr – und Ende des Prozesstages

"Ich halte es kaum mehr aus", sagt Zeuge S. nach stundenlanger Befragung. Verteidiger Glathe verweist auf drei Seiten mit weiteren Fragen. Diese müssen allerdings am nächsten Prozesstag gestellt werden. "Ich will nicht mehr aussagen. Ich muss lange hierher fahren", klagt der Zeuge. "Dafür haben Sie den Vorteil, flexibel zu sein", antwortet die Richterin dem Häftling.

Um 15 Uhr endet der Prozesstag.

14:48 Uhr:

Der Zeuge S. wiederholt, dass ihm der Dolmetscher im Dezember geraten habe, eine Aussage zu machen. Dies würde sich günstig auf sein Asylverfahren auswirken. Außerdem habe der Dolmetscher unabhängig vom anwesenden Polizisten eigene Fragen gestellt. Der Polizist habe ungefähr zwei Minuten nur zugehört. Ohne das Versprechen des Dolmetschers hätte er die Aussage nicht gemacht.

"Das war das Thema, nicht nur in der Stadt, sondern auch in der JVA." Verteidiger Glathe
S. gibt an, er habe von dem Dreisam-Mord wochenlang nichts mitbekommen. Erst ein Landsmann habe ihm in der Haft davon erzählt. Dieser Behauptung will Hussein-Verteidiger Glathe keinen Glauben schenken: "Das war das Thema, nicht nur in der Stadt, sondern auch in der JVA."

14:35 Uhr:

Staatsanwalt Thorsten Krapp wendet sich an den Zeugen S.: "Sie erinnern sich an viele Details, doch es fällt auf, immer, wenn es um Husseins sexuelle Delikte geht, verlässt Sie die Erinnerung." S. verweist erneut auf die Fehler des Dolmetschers. Der Staatsanwalt fragt den Zeugen, ob er weiß, dass er sich mit einer Falschaussage strafbar mache. "Ich habe nichts Falsches gesagt", sagt S.

Der Staatsanwalt kommt noch einmal auf die Chinesin zu sprechen, die Hussein K. an der Endhaltestelle in Littenweiler belästigt haben soll. Im Dezember hatte Zeuge S. noch ausgesagt, Hussein habe ihm gestanden, er habe die chinesische Frau vergewaltigen und töten wollen. Jetzt bestreitet S. diese Aussage. Der Staatsanwalt nimmt den Zeugen jetzt in die Mangel: "Auf dem Protokoll steht Ihre Unterschrift." "Das wurde mir so nicht vorgelesen", behauptet S.

"Nein, das hat er nicht gesagt. Gott ist mein Zeuge." Zeuge S.
Der Zeuge berichtet außerdem von einer Tätowierung an Husseins Körper. Es habe sich um ein Hakenkreuz gehandelt. Hussein habe es sich entfernen lassen, "weil die Polizei ihn belästigt hatte". Er sei im griechischen Gefängnis von den Wärtern wegen der Tätowierung geschlagen worden. Er habe sich das Hakenkreuz dann mit Zigarettenkippen selbst weggebrannt.

Auf eine Nachfrage des Nebenklage-Anwalts Bernhard Kramer, erklärt S., dass es in Afghanistan vorkomme, dass kleine Jungen in Mädchenkleider gesteckt und missbraucht werden. Hussein K. hatte sich in seinem Geständnis als Opfer eines solchen Missbrauchs beschrieben.

Der Oberstaatsanwalt geht mit dem Zeugen die einzelnen Begriffe durch und will wissen, ob Hussein gesagt habe, er habe die junge Frau "wie ein Tier" umgebracht. "Nein, das hat er nicht gesagt. Gott ist mein Zeuge", sagt S., der keine Erklärung dafür hat, wie diese Aussage in sein Vernehmungsprotokoll gelangt ist.

14:27 Uhr:

Nach der Pause wird die Verhandlung fortgesetzt. Dabei werden weitere Details zur Verschiebung der Vernehmung von den Pflegeeltern erläutert: Die Pflegeeltern werden nun getrennt voneinander aussagen: die Pflegemutter am 10., der Pflegevater am 17. Oktober.

13:31 Uhr:

Zeuge S. schildert die Nächte, in denen Hussein den eigenen Kopf gegen die Zellenwand geschlagen habe. "Ich hatte Angst vor ihm, weil er mich einmal bat, ihm die Adern aufzuschlitzen." Im Dezember sagte S. noch aus, er habe Angst vor Hussein, weil er "draußen seine Leute" habe. An diese Aussage will sich S. heute nicht mehr erinnern. Hussein habe ihm nicht gedroht.

Die Zeit läuft davon. Eigentlich sollte der Prozesstag um 14.30 Uhr abgeschlossen sein. Bis dahin sollten noch die Pflegeeltern, bei denen Hussein K. wohnte, aussagen. Die Vernehmung der Pflegeeltern wird auf einen anderen Tag verschoben, so der Beschluss der Richterin.

13:16 Uhr:

Gegenüber der Polizei hat der Zeuge S. Hussein K. als Lügner bezeichnet. Die Richterin geht nun Satz für Satz das Vernehmungsprotokoll vom Dezember durch. S. korrigiert immer wieder seine alten Aussagen und verweist auf falsche Übersetzungen des Dolmetschers. Ein sehr mühsamer Abgleich.

"Haben Sie sich über Frauen unterhalten?", fragt die Richterin. Antwort von S.: "Ich weiß nicht, was er über Frauen denkt." Im Polizeiprotokoll hörte sich das noch so an: "Hussein sagte mir, Frauen seien nur zum Ficken da." Auf Nachfrage der Richterin bestätigt der Zeuge das Zitat. Er erklärt den Kontext: Man habe sich damals über Homosexualität unterhalten, worauf Hussein meinte, nur mit Frauen Sex haben zu wollen.

Zeuge S. beteuert: Hätte ihm Hussein von der Tat erzählt, wären sie sofort in Streit geraten. Denn in ihrer Kultur würde man Mütter und Frauen ehren. S. beschreibt Hussein jetzt als Mann, der immer, wenn er eine Frau sieht, daran denke, mit ihr Sex zu haben.

Der Dolmetscher habe dem Zeugen bei der Vernehmung im Dezember gesagt: "Du bist ein Asylsuchender. Wenn du uns hilfst, wird dir die Polizei auch helfen."

Es ist auffallend: Hussein K. hebt kaum ein Mal den Blick, während sein ehemaliger Zellengenossen aussagt.

Zeuge S. sagt, er habe Hussein nicht gemocht. Und Hussein habe ihn auch nicht gemocht. Dass Hussein ihm gegenüber dennoch seine Taten offenbart habe, erklärt er sich so, dass sie einander brauchten, um ihre Probleme loszuwerden.

Im Polizeiprotokoll wurde Zeuge S. mehrfach damit zitiert, Hussein würde Frauen hassen. Heute widerruft er diese Aussage. Hussein sei unglücklich verliebt in seine Cousine gewesen, wurde von ihr aber abgewiesen, weil er schon mit zehn Jahren mit Drogen angefangen habe, erinnert sich S.

12:40 Uhr:

Der Dolmetscher bei der Vernehmung im Dezember habe kein richtiges Dari gesprochen, nur Kurdisch, behauptet Zeuge S., so sei es zu dem Missverständnis gekommen. Der Dolmetscher habe Dinge hinzugefügt, "weil er mehr wusste, als ich wusste."

Die Richterin konfrontiert den Zeugen nun mit einer anderen Aussage vom Dezember. Hussein K. habe ihm gestanden, im Iran ein weiteres Mädchen vergewaltigt zu haben. "Das ist richtig", sagt S. Er sei im Iran wegen einer anderen Geschichte sechs Monate im Gefängnis gewesen. Wegen der Vergewaltigung sei er nicht angeklagt gewesen, behauptet S., dafür sei er zu jung gewesen, habe ihm Hussein K. erzählt. Laut Hussein habe er mit dem von ihm vergewaltigten Mädchen verheiratet werden sollen. Doch der Vater des Mädchens sei dagegen gewesen, weil Hussein kein Iraner sei. Er sei von einem Mann dann auf einem öffentlichen Platz mit einem Knüppel verprügelt worden, bis der Vater des Mädchens gesagt habe, dass es genug sei.

Hussein K. habe S. erzählt, er sei im Iran aufgewachsen. Sein Vater sei auf dem Bau tätig und habe Drogen genommen. Husseins Vater habe sich durch einen Sturz so schwer verletzt, dass er nicht mehr arbeiten konnte. Hussein und sein älterer Bruder hätten dann für den Unterhalt gesorgt und angefangen, Drogen zu konsumieren. Die Richterin hakt nach, ob Husseins Eltern schon immer im Iran gelebt hätten. So habe er es ihm erzählt, bestätigt der Zeuge. Hussein habe ihm gesagt, seine Eltern stammten aus Afghanistan, er selbst sei aber im Iran geboren.

"Stimmt, er war 27." Zeuge S.
Im Gefängnis habe Hussein gesagt, wenn er aus dem Gefängnis herauskäme, sei er ein alter Mann. Er habe angegeben, 26 Jahre alt zu sein. In seiner früheren Vernehmung sagte S. noch 27 Jahre. Die Richterin verweist auf die Diskrepanz. S. erinnert sich: "Stimmt, er war 27."

Die Zellengenossen unterhielten sich auch über den Vorfall auf Korfu. S. bittet die Richterin, seine alten Aussagen vorzulesen, damit er diese bestätigen oder gegebenenfalls korrigieren könne. Die Richterin lacht und besteht auf eine Aussage. S. beginnt: Hussein habe ihm erzählt, er sei mit griechischen Jugendlichen in Streit geraten, nachdem ihm dieser eine Kette vom Hals gerissen habe. Daraufhin habe Hussein diesen über das Geländer die Klippe hinuntergeschupst. Dass im alten Vernehmungsprotokoll von einem Mädchen die Rede gewesen sei, sei ebenfalls auf einen Fehler des Dolmetschers zurückzuführen, behauptet S.

12:13 Uhr:

Der zweite Zeuge, Hussein K.s Zellengenosse, nimmt Platz. S., trägt T-Shirt und zurückgegeltes Haar, spricht brüchiges Deutsch, die Richterin empfiehlt, die Dienste des Dolmetschers in Anspruch zu nehmen. Er sagt, er sei 19 Jahre alt. Momentan befinde er sich im Jugendgefängnis.

Der Zeuge fragt, ob er Probleme bekommt, wenn er komplett die Aussage verweigere. Die Richterin erklärt, sie sehe keinen Grund, womit er dies begründen wolle. Der Verteidiger Husseins gibt zu Bedenken, dass S. eigentlich im Beisein des Rechtsanwalts erscheinen wollte. Zeuge S. sagt aus, er habe mit dem Rechtsanwalt vor zwei Monaten zum letzten Mal Kontakt aufgenommen, allerdings keine Antwort erhalten. Die Richterin fragt nach: "Wäre es Ihnen lieber, die Aussage mit anwaltlichem Beistand zu machen?" S.: "Das, was gesagt worden ist, kann ich Ihnen sagen. Das, was ich nicht weiß, kann ich Ihnen nicht sagen." Mit der lapidaren Antwort sorgt er für Gelächter im Saal. Die Richterin schlägt vor, dass mit der Vernehmung begonnen wird. Sollte der Eindruck entstehen, dass er eines Anwaltes bedürfe, könne man immer noch unterbrechen.

S. erzählt, wie er Hussein kennengelernt hat. Sie seien sich auf einer Party für minderjährige Flüchtlinge begegnet. Eine Woche später hätten sie sich auf einer weiteren Party getroffen. Bei diesen beiden Treffen sei es außerhalb der Justizvollzugsanstalt geblieben. Man habe sich damals nicht miteinander unterhalten.

Im Gefängnis teilten sie sich die Zelle. S. sagt, er habe ihn nach dem Haftgrund gefragt. Hussein K. habe gesagt, er habe viele Probleme. Konkreter wurde er zunächst nicht.

Während der Aussagen des ehemaligen Zellengenossen blickt Hussein K. auf den Boden.

Kurzer Exkurs zur Person: S. sitzt seit einer Schlägerein im Colombipark im Gefängnis. Einer der Beteiligten sei ein Freund Husseins gewesen. Sie seien alle "nicht bei sich" gewesen – ein Streit unter Betrunkenen. S. wurde zu drei Jahren Haft verurteilt, wohl wegen schwerer Körperverletzung. Genau kann er das nicht sagen.

Der Zeuge S. erzählt nun sehr detailliert über die gemeinsame Zeit mit Hussein K. in der Zelle: Am ersten Abend habe Hussein K. geweint. Am darauffolgenden Tag habe er sich S. offenbart. Hussein habe gesagt: "Man sagt zu mir, dass ich jemanden getötet haben soll. Daran kann ich mich nicht erinnern." Hussein schilderte ihm die Erinnerungen an die Tatnacht. Er habe sich am Bahnhof mit einem Freund getroffen. Dieser habe ihn dazu animiert, Alkohol zu trinken. Hussein habe zunächst abgelehnt, weil in dem Monat für Schiiten Alkoholkonsum streng verboten gewesen sei. Er habe schließlich nachgegeben und sie seien in den Seepark gegangen, wo sie sich betrunken und Haschisch geraucht hätten. Danach seien sie zum Bahnhof zurückgekehrt. Dort habe ihm ein arabischer Junge eine Ecstasy-Pille gegeben, ehe sie weiterzogen in den Colombipark. Die Wege hätten sich getrennt, Hussein sei allein in die Stadt zurückgegangen, wollte sich einen Döner kaufen. Der Dönerverkäufer habe ihn weggeschickt, weil Hussein K. zu betrunken gewesen sei. Dasselbe sei ihm vor einer Disko passiert. Hussein K. sei in eine Straßenbahn nach Littenweiler gestiegen. An der Endhaltestelle habe er sich einen Joint gedreht und ein Mädchen angesprochen, offenbar eine Chinesin. Sie habe gesagt, er sei sehr besoffen und in einem Taxi verschwunden. Da soll es vier Uhr gewesen sei. Er sei danach nach Hause gegangen und habe geschlafen. Als er aufgewacht sei, sei ihm übel gewesen, er habe geahnt, dass er etwas angerichtet habe. All das, berichtet der Zellengenosse S. im Zeugenstand, habe Hussein K. ihm erzählt.

"Die haben mich falsch verstanden." Zeuge S.
S. sagt, bei seiner letzten Vernehmung habe ihn der Dolmetscher teilweise nicht korrekt wiedergegeben. Das sorgt für Verwunderung im Saal. Die Richterin verliest daraufhin die polizeiliche Vernehmung aus dem Dezember 2016. Damals gab S. an, Hussein K. habe ihm gestanden, ein Mädchen an der Dreisam vergewaltigt und getötet zu haben. S. gibt nun an, er könne sich an diese Aussagen nicht mehr komplett erinnern. Hussein habe ihm nur gesagt, dass er etwas getan habe, woran er sich nicht mehr erinnern könne. Das Publikum grummelt. Der Zeuge S. widerruft seine Aussage.

Die Richterin konfrontiert S. mit der alten Aussage, Hussein K. habe vergewaltigt und getötet "wie ein Tier". S. widerspricht: "Das hat er mir nicht gesagt." "Und warum erzählten Sie das der Polizei?", fragt die Richterin. "Die haben mich falsch verstanden." Die Richterin verweist auf das schriftliche Protokoll, das S. auch unterzeichnet habe. "So wurde es mir nicht vorgelesen", sagt S. Die Richterin muss an der Stelle an das Publikum appellieren, Gelächter zu unterlassen.

Jetzt sagt S. plötzlich doch, Hussein habe ihm gesagt, dass er Jemanden getötet habe, aber nicht, dass es sich um eine Frau handelte. Die Aussagen wirken zunehmend verwirrter. Kurz darauf sagt S., Husseins Vormund habe behauptet, Hussein K. habe jemanden getötet. Hussein selbst habe sich dagegen an nichts erinnern können.

"Sie müssen hier die Wahrheit sagen", erklärt die Richterin. "Ich sage das, was ich weiß", sagt S., "ich sage nichts Falsches. Ich habe nicht vorgehabt, bei der Polizei zu lügen, noch hier zu lügen."

11:05 Uhr:

Der Zeuge H. erzählt, er habe versucht, Hussein in Freiburg ein neues Leben zu ermöglichen, durch Arbeit und Leistung. "Aber ich habe es nicht geschafft." Husseins Verteidiger fragt, warum er als guter Freund Hussein nicht zu ärztlicher oder psychologischer Hilfe geraten habe. Es sei ihm einfach irgendwann zu viel geworden, antwortet H.

"Ich weiß nicht, wo Hussein die Drogen gekauft hat, aber konsumiert hat er sie im Colombipark." Zeuge H.
Gelegentlich habe Hussein auch von den Pflegeeltern erzählt, dass die Pflegemutter ihn irgendwo hingefahren habe, sie gemeinsam Essen gegangen seien oder sie ihn zum Zahnarzt gebracht habe. Er habe Angst gehabt, dass die Pflegeeltern ihn eventuell rausschmeißen würden, wenn er betrunken nach Hause kam. "Aber er hatte einen eigenen Schlüssel" und habe sich reinschleichen können.

"Ich weiß nicht, wo Hussein die Drogen gekauft hat, aber konsumiert hat er sie im Colombipark", erzählt der Zeuge außerdem. H. beschreibt Hussein als keinen religiösen Menschen, nennt ihn einen Atheisten, der "zwar an einen Gott geglaubt hat", das aber nicht sonderlich ernst nahm.

Der psychiatrische Sachverständige Hartmut Pleides will wissen, ob H. seinen Freund Hussein in Freiburg auch mal nüchtern erlebt habe. "Manchmal schon", sagt H., aber oft sei er bekifft oder besoffen gewesen.

Die Vernehmung des ersten Zeugen ist abgeschlossen. Nach einer kurzen Pause geht es mit dem Zellengenossen von Hussein K. weiter.

10:31 Uhr:

Als der Zeuge H. von der Tat in Freiburg gehört hat, habe er es kaum glauben können. Hussein habe ihm aus dem Gefängnis geschrieben, dass ihm die Tat leid tue.

H. sagt, er gehe davon aus, dass Hussein so alt wie er sei. Hussein habe das auch einmal bestätigt. Er habe aber nie einen Ausweis gesehen.

Als er erfuhr, dass Hussein in der Homosexuellen-Kneipe Sonderbar verkehrte, habe H. Hussein gefragt, ob er schwul sei. Hussein habe die Frage verneint.

"Wer würde sich gerne als guten Freund eines Menschen bezeichnen, der solche Taten begangen haben soll? Ich hatte Angst." Zeuge H.
In seiner ersten Aussage gegenüber der Polizei hat H. behauptet, er habe Hussein erst in Freiburg kennengelernt. Der Staatsanwalt fragt nach dem Grund. "Ich hatte Angst", sagt H., habe nicht gewollt, dass die Freundschaft herauskäme. Später hat er die Aussage bei der Polizei korrigiert.

H. sagt, er habe mit Husseins leiblicher Familie keinen Kontakt gehabt. Nur mit dem Bruder habe er einmal telefoniert. Hussein hatte ihn in dem Brief aus dem Gefängnis gebeten, Kontakt mit der Mutter aufzunehmen, ihr aber nichts von der Haft zu erzählen. H. beteuert, die Telefonnummer oder Anschrift von Husseins Mutter nicht zu kennen.

H. beschreibt Hussein als emotionalen, impulsiven Menschen. "Rational ist der nicht."

Husseins Verteidiger fragt den Zeugen noch einmal nach dem Motiv seiner ursprünglichen Falschaussagen gegenüber der Polizei. "Wer würde sich gerne als guten Freund eines Menschen bezeichnen, der solche Taten begangen haben soll? Ich hatte Angst", wiederholt dieser.

10:11 Uhr:

H. sagt, er habe gesehen, wie Hussein Haschisch rauchte und Alkohol trank. Er habe Wodka in großen Mengen getrunken. "Eine Flasche hat nicht gereicht." An H.s 19. Geburtstag sei er "sehr besoffen" gewesen. Damals wohnte H. noch in Norsingen. Es habe gelegentlich Streit gegeben. H. habe Hussein wegen des Drogenkonsums kritisiert. Hussein habe gesagt, er würde aufhören und gelächelt.

Während der Vernehmung schaut H. nicht zum Angeklagten. Hussein K. folgt den Aussagen regungslos.

Früher habe er Hussein als "lustigen, friedlichen" Menschen erlebt. Die Drogensucht habe ihn melancholischer gemacht. Er sei immer unzufriedener geworden mit seiner Situation, habe unter Einsamkeit gelitten. Das sei zu Husseins Grundstimmung geworden, auch ohne Drogen. Zuletzt habe er "immer unter Alkohol und Drogen" gestanden, so sein Eindruck. Die Richterin hakt nach, woran der Zeuge das gemerkt habe. "Es war einfach sein Verhalten, die Bewegungen. Das merkt man doch."

Die Richterin spricht ihn auf die angeblich gemeinsame Herkunft an. "Hatten Sie mal Zweifel daran, dass Hussein aus derselben Stadt kommt?" Der Zeuge antwortet: "Wir redeten nicht darüber, das war mir nicht wichtig." Der Dialekt sei etwas anders gewesen. Aber H. mutmaßte, dass Hussein diesen durch seinen Aufenthalt im Iran verloren habe.
"Ich habe ihm geglaubt." Zeuge H.
Über die "Sache in Korfu" hat H. mit Hussein angeblich in Freiburg gesprochen. Hussein habe ihm gesagt, es sei ein Unfall gewesen. "Ich habe ihm geglaubt." Hussein habe ihm geschildert, wie er das Mädchen damals an der Tasche gezogen habe und es über die Klippe gefallen sei. Hussein sei nach seiner eigenen Aussage nach total betrunken gewesen. Der Zeuge H. gibt an, dass er zuvor gesehen habe, wie Hussein eine Flasche Wein bei sich hatte. In Griechenland habe er aber weniger getrunken als in Deutschland. Drogen habe er keine konsumiert. "Er konnte es sich nicht leisten."

Zwischendurch lobt die Richterin den Zeugen für die Offenheit.

"Wir unterhielten uns auch über Frauen. Ganz normal wie jeder andere. Sexistische Aussagen habe ich von ihm nie gehört", sagt H.

9:46 Uhr:

Um 9.05 Uhr betritt der Angeklagte mit seinem Verteidiger Sebastian Glathe den Gerichtssaal. Auf der Gegenseite wird Oberstaatsanwalt Eckart Berger heute durch Staatsanwalt Thorsten Krapp vertreten.

Als erster Zeuge sagt H. aus, ein ehemaliger Bekannter von Hussein K.. Der 20-Jährige stammt aus Afghanistan, spricht fließend Deutsch, braucht nur selten die Hilfe des Dolmetschers. Er ist Schüler und wohnt in Freiburg. Er lernte Hussein an der Grenze zum Iran kennen, befand sich in der selben Schleusergruppe und zog mit ihm in die Türkei und Griechenland. In Deutschland nahmen sie wieder Kontakt auf. H. sagt, er habe Hussein kontaktiert, um auch nach Freiburg zu kommen. Die beiden seien in der selben Stadt geboren, sind sich in Afghanistan aber nie begegnet.

Auf Nachfrage der Richterin wird H. konkreter. Mit fortlaufender Aussage wirkt H. immer sicherer, legt die Anfangsnervosität ab. Er nennt Hussein einen Freund. Befragt nach seinen Erlebnissen unterwegs, fragt H.: "Soll ich das alles erzählen? Das dauert Stunden." Die Richterin lächelt und bittet ihn, fortzufahren. Er erzählt davon, wie er und Hussein ihren Schleuser fesselten und vor diesem flohen. Sie fühlten sich von ihm bedroht.

H. wirkt höflich und smart, bringt die Richterin und das Publikum immer wieder zum Schmunzeln.

Die beiden waren auch gemeinsam auf Korfu, H. sagt, für fünf oder sechs Monate. Sie hätten dort in einer alten Olivenfabrik gelebt, die meiste Zeit allein, manchmal seien andere Flüchtlinge dazugekommen. Sie hätten Essen aus der Mülltonne vor einem Supermarkt gesucht, in einem Park holten sie Wasser. Die Richterin fragt nach Diebstählen. H. sagt, er selbst habe nie gestohlen. Was Hussein getan habe, wisse er nicht. Gelegentlich sei er mit frischen Lebensmitteln zurückgekommen. Auf Nachfrage habe Hussein geantwortet, er habe das gekauft.

Die Richterin spricht ihn auf den Gewaltdelikt auf Korfu an, als Hussein eine junge Frau eine Mauer hinuntergestürzt haben soll. H. sagt, er habe erst am nächsten Morgen davon erfahren, als Hussein bereits festgenommen worden sei. Danach habe man sich erst in Deutschland wieder getroffen.

Am 28. August 2013 sei H. nach Deutschland gekommen. Über Facebook nahmen Hussein und H. wieder Kontakt auf. Hussein schrieb, dass er aus dem Gefängnis sei und wollte Ratschläge, wie man in Deutschland ein anständiges Leben führen könne. Hussein übernachtete damals bei Freunden in Köln.

2015 hätten sie sich in Freiburg getroffen. Anfangs, als Hussein noch niemanden kannte, in Deutschland und kein Deutsch sprach, sei das Verhältnis sehr gut gewesen. "Danach hat es sich verschlechtert." Er habe erfahren, dass er Drogen nimmt und "säuft".

Rückblick

Der afghanische Flüchtling Hussein K. ist angeklagt des heimtückischen Mordes in Tateinheit der schweren Vergewaltigung. Seit dem 5. September 2017 läuft der Prozess gegen den jungen Mann. Die Jugendkammer mit Richterin Kathrin Schenk hat insgesamt 16 Verhandlungstage angesetzt, die sich über knapp drei Monate erstrecken. Im Prozess sollen 45 Zeugen und zehn Sachverständige zu Wort kommen. Das Urteil könnte am 8. Dezember fallen.

Was ist am vierten Verhandlungstag geplant?

Am Donnerstag wird ab 9 Uhr nur halbtags verhandelt. Neben den Pflegeeltern werden auch afghanische Zeugen und der Zellengenosse von Hussein K. gehört. Der Angeklagte soll ihm den Sexualmord an Maria L. und auch eine weitere Vergewaltigung in früheren Jahren gestanden haben. An den folgenden Prozesstagen (10. und 12. Oktober) sollen weitere Bekannte des Tatverdächtigen vor Gericht erscheinen. Geladen sind auch zwei Jugendamtmitarbeiter, die für die Betreuung von Hussein K. zuständig waren.
Der Name Maria L. hat traurige Bekanntschaft erlangt. Bundesweit berichten Medien über den mutmaßlichen Mörder. Das Opfer tritt dabei in den Hintergrund. Wer war Maria L.? Wie erinnert man sie? Mehr dazu

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