Zeitschriften-Trash (Teil 4)

Dominik Schmidt

Von den meisten kaum beachtet, verstauben im Freiburger Bahnhofskiosk Zeitschriften, die nur wenige kennen. Randgruppenjournalismus oder einfach nur Zeitschriften-Trash. Das ist nicht böse gemeint, denn ein Blick in die Welt der speziellen Interessen zeigt Liebe fürs Detail von skurril verrückt bis süß detailliert. Dieses Mal: Press-Kurier und Streetbuzz.



Press-Kurier

Hermeneutische Aspekte:

Beim Durchblättern dieser „ultimativen Zeitschrift für Eisenbahnfreunde“ versicherte ich mich mehrmals mit einem Blick aufs Cover, ob dieses Heftchen in diesem Jahrhundert produziert wurde. Die Fotos suggerieren einem noch gute, alte Eisenbahnidylle. Keine graffiti-verschmierten S-Bahnen, sondern Dampf und harte Männerarbeit, wo der Blick auch hingeht.

Ganz angetan scheinen die Macher von Verschneitem zu sein. Schweres Räumgerät wie der „VII K 991784“ und der „97-09-43“ pflügen sich ihren Weg durch romantische Schmalspurstrecken, um „für die Fahrtage zum WinterDampf zu rüsten“. Als kleiner Seitenhieb: „Einige Spötter und Klimawandel-Anhänger fragten schon regelmäßig, wozu die Fräsen wieder angebaut würden.“ Banausen!

Schön ist auch, wie der Hobbybahner mit den wichtigsten Informationen versorgt wird. Fast schon wie eine Hiobsbotschaft mit Fettdruck und eingerahmt wird angekündigt, dass die „Brücke am km 18,6 nahe des Haltepunktes Forellenhof erneuert“ wird. Und als wäre das nicht genug, „erfolgt voraussichtlich auch im Bahnhof Schmalzgrube die Erneuerung einer Weiche“.

Semantische Stimuli:

„Die Autoren haben einen überaus interessanten und liebevoll geschriebenen Wanderführer vorgelegt, welcher sich hervorragend auch für Ausflüge mit weniger an der Eisenbahn begeisterten Personen (umgangssprachlich Partnerinnen) anbietet.“

Fotobeweis:


„Wie lange bleibt Kipsdorf wohl ohne Bahnanschluß?“

Die exemplarische Kleinanzeige:

„Broschüre „Heizhausgeschichten“, 8€“

Das exemplarische Leserbriefzitat:

„Hat man denn in Sachsen nicht schon genügend Schmalspurbahnen[…]? Die Gemeinden haben doch ganz andere Aufgaben, als sich mit Eisenbahnbau zu befassen.“

Informelles:

Der Press Kurier Ausgabe 1 / 2010 | Auflage 2.200 Stückpreis 2,80 Euro | presskurier.de

Streetbuzz

Hermeneutische Aspekte

Eine Mofaprüfungsbescheinigung braucht man. Dazu einen Baumarktroller und ein ccm-Kit, einen Sportpott, Stage 6 Keilriemen und natürlich ein „gecleantes Heck“. Schon fällt man in die Zielgruppe des „Streetbuzz –Magazin für Rollertuning“.

Blättert man durch das Heftchen, taucht man in eine Onaniervorlage für Mopedfetischisten ein. Was mit 16 für die meisten cool war, scheint für die Protagonisten des Heftes eine Lebensaufgabe zu sein. Böse könnte man von Hängengebliebenen sprechen. Nach dem Motto: Wenn es für was Gescheites nicht reicht, pimp ich halt mein 50 Kubik Moped.

Munir Gassim (Titel: „Head of Besenkammer“) philosophiert im Editorial über die Szene in Frankreich: „Auf den dortigen Scootertreffen feiern die Mofaheimer genauso mit wie die Schaltmopedgangster“. Zuvor wirbt der Kopf der Besenkammer für ein Abo des Heftes „Falls Du nicht so gerne mit den Arschgeigen in Deinem Kaff redest, bleibt dir natürlich immer noch die Option eines Abos.“

Highlight des Heftes ist die Rubrik „Girly Tuning“. Junge Frauen liegen mit Abgasrohren in pink bezogenen Betten. Bildtitel lauten „Alle Rohre glatt poliert!“, „Hello Titty“ oder „Zunge raus, nicht die Titten. Obwohl…“. Die Fragen an die jungen Frauen locken aber dann auch mal eine Neuigkeit hervor: „Ich lass die Katze mal aus dem Sack. […] Habe mir eine Adly zugelegt. Die wird auf Japansprinter getrimmt.“

Semantische Stimuli

„Warum er lieber Roller als Auto fährt, fragen wir. „Damit kann ich immer direkt hier bis an’n Fluss zum Angeln fahren, is’ doch super!“, freut er sich. Recht hat er, allerdings hat er sich bei der Offroad-Fahrt mit dem Vorderrad nen schicken Kackhaufen eingefangen.“

Fotobeweis



„Meine Eltern sagen jedes Mal: „Steck da kein Geld mehr rein!“ –aber egal…“

Das exemplarische Leserbriefzitat:

„Hi, ich habe mal ne frage […] !!!!! kannst du mal Rum fragen nach nem roller wer ein verkaufen will Zder kann auch Ständert sein mit krazern oder so […] den muss man gut tiunen können!!!!!!!“

Informelles:

Streetbuzz Ausgabe 06/2010 | Stückpreis 3,90 Euro | streetbuzz.de

Mehr dazu: