Zeitschriften-Trash (Teil 1)

Dirk Philippi

Nachdem ich die 'Presseschau der Subkultur' auf jetzt.de gelesen hatte, zogen mich all die bunten Druckgrotesken am Bahnhofskiosk beinahe magisch an. Nach stundenlangem Blättern, Ermahnungen durch die Verkäuferin und ihrem fassungslosen Blick beim Sichten der zu bezahlenden Ware, konnte ich sie mein Eigen nennen: die acht trashigsten Zeitschriften des Freiburger Kioskwesens. Heute: Teil eins.



Hermeneutische Aspekte:

Der ALPENSTAR ist die Zeitschrift für alle Liebhaber gepflegter Lederhos´n-Blasmusik – teils auch (fast) ohne Lederhos´n und ohne Musik. Welthit-Rezensionen auf anspruchsvollem Niveau („Unsterbliche Melodien“) und ethnologisch-ökologische Wissenschaftsstudien („Almabtrieb in Tirol“/„Weinlese am Kranachberg“) bieten im Austausch mit Hintergrund-Portraits („Das Duo Hautnah und ihr großes Herz“) und soziologischen Tabubrüchen („Michelle: Einem Mann würde ich kein Lied widmen!“) jedem Unterhuber ein Zuhause.

Semantische Stimuli:

„Schon 50 Jahre und noch viele Pläne!“ - „Frischer Klang mit alten Instrumenten!“ - „Aus der Scheune auf die Showbüne!“

Fotobeweis:

Bildzitat (S.37): „Ja so was, i wird doch koan Augenfehler ham, bei dem Balkon!“

Das exemplarische Leserbriefzitat:

„Ich bin ein begeisterter Rudy-Giovanni-Fan und singe während der Arbeit auf meinem Bauernhof seine Lieder, was ihm auch bekannt ist. Einmal habe ich ihn getroffen und neulich stieg Rudy bei einem Konzert im Zelt mitten auf einen Tisch und sagte völlig unerwartet in das Mikro: „Sepp, wo bist Du? Komm herauf! Zusammen sangen wir dann „Ja, so schön ist nur in Südtirol!“

Die beeindruckendste Werbung:

„Karl Moiks Hochzeitstags-Reise: 8 Tage türkische Riviera für 2 Personen ab € 398.- für alle Ehepaare, die seit mindestens 15 Jahren verheiratet sind!“



Hermeneutische Aspekte:

Das TELETUBBIES MAGAZIN offenbart allen Neugeborenen, die schon alleine zum Kiosk krabbeln können, linguistisches Infotainment („Ah-oh!“ – „Ooooh!“ – „Uiiiiii“), geometrische Nachhilfe („Auch die runden Räder an meinem Rundräder-Rutschauto sind rund!“), Action-Abenteuer („Folge mit dem Finger der Linie und verfolge mit den Teletubbies die flüchtende Blase“) und soziale Kompetenz („Tinky Winky will mit Dipsy spielen … deshalb gibt er Po seinen Drachen!“). Damit Babys gute Babys werden!

Semantische Stimuli:

„Prrrr“ - „Wooooosch“ - „Oh-Oh“

Fotobeweis:


Bildzitat (S. 22):
„Wo ist Blase?“

Das exemplarische Leserbriefzitat:

- Trotz einer Leserbrief-Adresse (!!!) noch kein Abdruck -

Die beeindruckendste Werbung:

„My First Kuschel-Wuschel-Teletubby Laa-Laa für € 22,95.- Lizenzprodukt!“



Hermeneutische Aspekte:

Die BIKER´S-POWER ist das Integrations- und Identifikationsinstrument männlicher Zweirad-Fahrer, die sich auf ihrem Weg zum eigenen Ich Harley fahrende Jesus-Bildnisse im Kettenhemd auf die Haut ritzen lassen und ihre heißen Schnitten, äh, Schlitten gerne im Aufklappmodus vor die Klobrille hängen. Inhaltlich überzeugt der rasant geschriebene Höllentrip mit technischen Hilfestellungen („Die rekluse Kupplung“), einem zweigeschlechtlichem Veranstaltungskalender („Babes&Dates“) sowie einem Blick über den Felgenrand („Erotik-Studio Susi“) und theologischer Missionierung („Bikerpastor Holy Riders“).

Semantische Stimuli:

„Sea, Sex, Sun, Fun, Rock & Bikes!“ - „Benzin in der Nuckelflasche!“ - „Angels Never Die!“

Fotobeweis:


Bildzitat (S.51): „Edersee-Meeting in Nordhessen: Zivile Preise bei Bratwurst, Steaks und Bier!“

Das exemplarische Leserbriefzitat:

„Wo man auch hinblickte, überall zufriedene Rocker und ihre abgefuckten Maschinen und Bräute.“

Die beeindruckendste Werbung:

„Pit Bull – Das Schlimmste erwarten. Das Beste erhoffen.“



Hermeneutische Aspekte:

PULSAR, die Zeitschrift für aktives Bewusstsein und innere Entwicklung, ist ein Haus der Liebe für all diejenigen, die sich zwischen Diesseits und Jenseits noch nicht entscheiden konnten. Inkarnationstheoreme aus der Baghavadghita tragen genauso zum Seelenheil bei wie naturheilkundliche Tricks und Kniffe bei chronisch rezidivierenden Atemwegsinfektionen. Maskuline Frauen und feminine Männer freuen sich nach einer langen Reise durch Bio-Gold-Hirse-Felder, Human-Design-Studien, pränataler Schicksalszwänge und schamanistischer Energethiker-Diskussionen im Pulsar anzukommen und das physikalische Weltbild einen kalten Furz sein zu lassen.

Semantische Stimuli:

„Karma ist unerledigter Schicksalsmüll!“ - „Das Erdenleben als Geschenk zur Befreiung von Niederem aus dem Vorleben!“ - „Gespräche mit Drüben!“

Fotobeweis:


Bildzitat (S.55):
„Schaue Deiner Atmung ganz genau zu und löse Dich von der menschlichen Form!“

Das exemplarische Leserbriefzitat:

„Die Meditationsfarbe des Tierkreiszeichens Zwillinge ist ein helles Blau. Das bedeutet doch, wir können uns bei Meditationen die von Zwillinge regierte Körperzonen, die Arme, in bläuliches Licht gehüllt vorstellen und damit kräftigend, harmonisierend und heilend wirken. Oder nicht?“

Die beeindruckendste Werbung:

„Fernreinigung von Mensch, Raum, Haus und Garten!“

Mehr dazu:

Zeitschriften-Trash (Teil 2)