Zeitreisen: Schüler lernen Geschichte anhand von Tagebüchern

Fabian Vögtle

Eigentlich sind fremde Tagebücher tabu. Fürs Deutsche Tagebucharchiv in Emmendingen gilt das Gegenteil: Hier sollen sie gelesen werden, jene sogenannten Ego-Dokumente. Und genau das tun seit September 2011 Schüler aus der Region. Tutoren von der Uni Freiburg helfen ihnen dabei.



„Zahnarzt, 1 Stunde Zähne geschliffen! Schnauze voll!“ Robin Stein blättert in einem Tagebuch vom Zweiten Weltkrieg. Die 14-jährige Schülerin trägt weiße Handschuhe, da sie das Original vor sich hat. Sie amüsiert sich über Einträge wie „Alle Glieder tun weh. Ein Muskelkater!“ und wundert sich über die günstigen Preise für Kino und Friseur sowie andere Freizeitaktivitäten.


„Dann ging es denen gar nicht so schlecht“, ist ihr erster Eindruck beim Lesen. Was ihr allerdings auffalle, sei wie sich der Tagebuchschreiber über Kleinigkeiten wie etwa einen Kuchen freue. Und wie ist das Gefühl mit Handschuhen in einem so persönlichen Tagebuch zu lesen? „Komisch, aber cool“, antwortet sie und fügt hinzu: „Man kann sich besser in die Leute dieser Zeit reinversetzten.“ Danach blättert sie staunend und schmunzelnd weiter.



Für Martina Boos ist genau das der Sinn des Tagebuchprojekts „Zeitreisen. Alltag und Erfahrung in historischen Ego-Dokumenten“. Sie will ihren Schülerinnen einen persönlichen und lebendigen Zugang zur Geschichte ermöglichen. Die junge Geschichtslehrerin vom St. Ursula Gymnasium versucht die Recherche in Emmendingen im Unterricht vor- und nachzubereiten. „Die Schülerinnen sind sehr interessiert“, lobt sie deren selbständiges Arbeiten. Dass es dabei hin und wieder zu Frustrationserlebnissen komme, weil ein Tagebuch nicht zu finden oder die alte Schrift nicht gut zu lesen sei, gehöre dazu.

„Es geht darum, Geschichtsunterricht mal anders zu erleben und den Schülern zu zeigen, dass die Quelle im Archiv eine eigene Suggestivkraft hat“, erklärt Jörn Leonhard mit anderen Worten das Zeitreisenprojekt. Der Historiker der Uni Freiburg ist einer der Projektleiter und hat im vergangenen Jahr zusammen mit Kollegen die Ausschreibung der Bosch-Stiftung als Gelegenheit erkannt, eine Zusammenarbeit mit Gymnasien und dem Tagebucharchiv „am Schopfe zu greifen“. Die Stiftung fördert das für drei Schuljahre ausgeschriebene Projekt mit 50.000 Euro. „Das Besondere am DTA ist, dass die Quellen extrem gut erschlossen sind“, erklärt Leonhard die Bedeutung des Archivs. So könnten die Schüler aus den Tagebüchern erfahren, wie die Menschen hier in der Region etwa die Weimarer Republik oder die Weltkriege erlebten.



Die neunte Klasse des St. Ursula Gymnasiums ist eine von vier am Projekt teilnehmenden Schulen. Wie in den anderen Klassen auch, arbeiten die Schülerinnen und Schüler meist in Zweiergruppen an einer historischen Quelle. Sie lesen Kriegstagebücher, Reiseberichte und Briefe und untersuchen diese auf eine bestimmte Fragestellung. Viele der 8500 Quellen im DTA sind transkribiert und kopiert. So können die Schüler auch im Unterricht und Zuhause weiter in ihren ausgewählten Tagebüchern lesen und ihre Abschlusspräsentation erarbeiten.

Diana Batista (15) und Dorothee Hoffmann (14) beschäftigen sich etwa mit Reiseberichten von Jugendlichen in ihrem Alter. Diese verbrachten im Sommer 1939 mit einer Gruppe am Bodensee. „Es geht in ihren Erzählungen um die besuchten Orte, ihre Aktivitäten und etwa die Jugendherbergen, wo sie auf Strohsäcken geschlafen haben“, erläutert eine der lesenden Schülerinnen und findet: „Die waren eigentlich sehr sorglos und haben nicht an den nächsten Tag gedacht.“ Für Tutoren, Lehrer und Historiker steht fest: Dieser Blick auf die Alltagsgeschichte, etwa zu Beginn der NS-Zeit, den Schulgeschichtsbücher meist nicht leisten können, erweitert den historischen Horizont der Schüler.



So auch im bebilderten Tagebuch eines Jungen von 1944, dem sich Lovis Hinz und Laura Thober widmen. Die beiden 15-jährigen Schülerinnen sind erstaunt, dass ihr Altersgenosse trotz des Krieges mit anderen Dingen beschäftigt ist. Er reise viel und schreibe etwa, dass ihn der Opernbesuch (Zauberflöte) gelangweilt habe. Außerdem stellen sie erschrocken fest, dass er stolz den Hochzeitstag seiner Eltern auf einer Tagebuchseite mit Adolf Hitlers Geburtstag beschreibt, samt „Führerfoto“.

Um die Quellen schließlich richtig einzuordnen sowie wissenschaftliche Tipps und Hinweise zu geben, stehen während des Projekts studentische Tutoren wie Moritz Schulz beiseite. Er und seine Kollegen bieten für die Schüler auch Sprechstunden an, um offene Fragen zu klären, die im Tagebucharchiv oder im Unterricht nicht geklärt werden konnten.

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[Bilder: Fabian Vögtle]