Zeit für Kinder: Wie Freiburger Studierende Flüchtlingskindern bei der Integration helfen

Mathis Tometten & Raphael Rombach

Im Flüchtlingswohnheim in der Hammerschmiedstraße leben Roma-Familien mit ihren Kindern. Für die Kinder, die dort wohnen, engagieren sich Freiburger Studierende in der Initiative 'Zeit für Kinder'. Die Lehramtsstudentin Anja Gerlach ist seit drei Jahren freiwillige Patin der zwölfjährigen Dzuljana. Zwei bis drei Mal im Monat verbringen die beiden ihre Freizeit miteinander. Warum gemeinsames Plätzchen backen etwas mit Integration zu tun hat:



Ein Nachmittag im Dezember. Zeit zum Plätzchen backen. In der Küche der Studenten-WG von Anja Gerlach (Bild unten) in Freiburg-Littenweiler stehen die Zwillinge Dzuljana und Dzuljeta zusammen mit ihrer Cousine Elvira (Name geändert) am Küchentisch. Der Teig ist schon fertig zubereitet. „Aber zuerst die Hände waschen!“, ruft Dzuljana. Danach kneten acht Hände den Teig, schlagen und rollen ihn aus. Sie nehmen verschiedene Ausstechformen – Herzen, Monde, Sterne - und stechen mit ihnen die Plätzchen aus. Zielstrebig und flink huschen die Hände der Mädchen über den Küchentisch; vorsichtig legen die vier die rohen Plätzchen auf ein Backblech.


Auf Dzuljanas Wunsch backt Anja heute mit ihrem Patenkind sowie deren Zwillingsschwester und Cousine. Zwei bis drei Mal im Monat verbringen die 24 Jahre alte Grundschullehramtsstudentin und das zwölfjährige Roma-Mädchen Zeit miteinander: seit drei Jahren ist Anja Dzuljanas freiwillige Patin im Rahmen der Initiative 'Zeit für Kinder'.

„Die Kinder sind froh, aus dem Wohnheim zu kommen“, sagt Anja. Kommilitonen machten sie bereits im ersten Semester auf das soziale Projekt aufmerksam, bei dem sich Studierende als Paten für Kinder des Flüchtlingswohnheims Hammerschmiedstraße engagieren. Seitdem sie das erste Mal bei einem Treffen der Initiative im Büro für Migration in der Uhlandstraße in der Wiehre war, engagiert sie sich dort ehrenamtlich.



Neben Anja sind rund 20 Studierende bei 'Zeit für Kinder' aktiv. Sie treffen sich mit ihren Patenkindern in ihrer Freizeit. Mal gehen sie ins Kino, mal ins Schwimmbad – je nach Lust und Laune. Obwohl die Familie von Dzuljana und Dzuljeta kein Weihnachten feiert, wollten die Mädchen zum dritten Advent mit Anja Plätzchen backen. Zuhause schmücken sie auch einen Weihnachtsbaum.

Dieser Baum steht im Wohnzimmer der Familie in ihrer kleinen Wohnung im Flüchtlingswohnheim in der Hammerschmiedstraße. Rings um das Gelände der Wohnblocks nahe dem Mösle-Stadion, direkt an Bahnlinie und Kappler Tunnel, stehen Zäune, auf denen ausgeklopfte Teppiche hängen. An der Pforte grüßen Jugendliche mit offenem Blick und einem freundlichen Zunicken. Interessiert spähen Kinder mit großen Augen durch die Vorhänge der vielen mit Satellitenschüsseln versehenen Fenster.

Das Leben, das sich dort abspielt, gleicht einer eigenen kleinen Welt im Stadtteil Waldsee. Auf dem Platz innerhalb des Geländes ist selbst bei leichtem Regen viel los: Kinder spielen auf quietschenden Schaukeln, ein junger Mann schiebt einen scheppernden Einkaufswagen voller alter Elektrogeräte über den Platz. Die Tür zur Wohnung der Familie im Erdgeschoss steht offen, viele Jugendliche gehen ein und aus. Eine trockene Wärme füllt den Raum. Seit 12 Jahren sind die Zwillinge mit ihren Eltern und den drei Geschwistern hier zuhause; wenig Platz für sieben Leute.

Anja lebt mit einer Mitbewohnerin in einer Wohngemeinschaft; jede hat ein eigenes Zimmer. In der WG-Küche sitzen Dzuljana, Dzuljeta und Elvira am Küchentisch. Die drei Zwölfjährigen streuen eifrig Schokostreuel auf die ausgestochenen Plätzchen.

„Ich hätte gern ein eigenes Zimmer in einer Wohnung weg vom Wohnheim“, sagt Dzuljana, als das Gespräch am Tisch auf das Thema Weihnachtswünsche kommt. „Ich will gerne wieder in die Hammerschmiedstraße ins Wohnheim ziehen“, sagt hingegen Elvira. Seit Anfang Dezember wohnt sie mit ihrer Familie nicht mehr im Wohnheim, sondern in einer Wohnung in Zähringen.



548 Roma-Flüchtlinge leben nach Angaben der Stadt aktuell in Freiburg; darunter viele Kinder und Jugendliche. Obwohl die Familien eigentlich nur kurz im Wohnheim leben, und so bald wie möglich in eigene Wohnungen ziehen sollen, sind manche Familien schon seit Jahren hier. Die finanziellen Mittel der Familien und ihre Einkaufsmöglichkeiten sind durch eine Chipkarte vorgeschrieben. Das Leben der Kinder fern der Schule spielt sich größtenteils in den Grenzen des Wohnheims ab.

Dzuljana und Dzuljeta gehen in die 6. Klasse der Albert-Schweitzer Werk-Realschule. Obwohl Dzuljana eine Realschulempfehlung bekam, wollte sie unbedingt mit ihrer Schwester in die gleiche Klasse. Dzuliana spielt in der Schule Fußball, tanzt in der Tanz-AG. Sie sei schon mal gefragt worden, ob sie in einen Verein gehen möchte – aber das hat sie abgelehnt.

„Leben im Asylbewerberwohnheim heißt, auf engstem Raum mit Eltern, Geschwistern und anderen Menschen zusammen zu wohnen und Teil einer großen Familie zu sein, in der oft für den einzelnen wenig Zeit bleibt“, erklärt die Initiative 'Zeit für Kinder' auf ihrer Website. „Des Weiteren bedeutet es, wenig Kontakt zu deutschen Menschen und zur hiesigen Kultur zu haben. […] Meist sprechen die Kinder unsere Sprache, haben aber durch den wenigen Kontakt keine realistische Vorstellung von Deutschland und seinen Bewohner.“



Genau hier setzt das Patenschaftsprojekt der 2006 von Beate Campe gestarteten Initiative an: „Bei Ausflügen in Freiburg und der Umgebung erkunden die Kinder mit ihnen ihre neue Heimat. Durch die Ehrenamtlichen haben die Kinder jemanden, der ihnen zwei bis drei Mal im Monat seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt. So hat jedes Kind die Chance, einmal sich selbst zu sein und muss sich während dieser Zeit nicht im Konkurrenzkampf um Aufmerksamkeit behaupten.“ 2012 erhielt das Projekt den ersten Freiburger Integrationspreis „Für eine offene Stadt“.

Zurück in Anjas Küche backen die Plätzchen im Ofen; ihr verführerischer Duft breitet sich aus. Für die Mädchen gibt es nichts mehr zu tun. Da sie zum ersten Mal in Anjas neuer WG zu Besuch sind, erkunden sie neugierig die Wohnung. „Darf ich die Tür aufmachen?“, fragt Dzuljeta vor Anjas Zimmer. „Ja!“ sagt Anja. Die Mädchen gucken sich alles genau an, jede setzt sich einmal in den Stuhl an Anjas Schreibtisch.

Danach gehen Dzuljeta und Elvira ins Badezimmer – zum Schminken. „Unsere Kultur sagt,wir sollen uns nicht oder wenn überhaupt nur wenig schminken“, sagt Dzuljana. Ihre Zwillingsschwester und die Cousine greifen trotzdem ganz schön tief in den Schminktopf. Danach fragen sie Anja, ob sie ihren Laptop benutzen dürfen – um Facebook zu checken, ganz ungestört.

„Ich würde die Initiative 'Zeit mit Kindern' nennen“, sagt Anja. Sie empfindet ihr Engagement als persönlichen Gewinn. Zusammen mit Dzuljana macht sie häufig Unternehmungen, für die sie sich sonst keine Zeit nehmen würde. Mindestens ein halbes Jahr soll jede Patenschaft dauern; Anja und Dzuljana sind schon seit drei Jahren ein Team. „Die Zeit mit Dzuljana hat meinen Horizont erweitert - und sie macht Spaß.“



„Die Plätzchen sind fertig!“ sagt Dzuljana. Alle vier probieren die Plätzchen und teilen sie gerecht untereinander auf. Der gemeinsame Nachmittag ist zu Ende, die Mädchen machen sich auf den Weg zurück ins Wohnheim.

Eins ist deutlich geworden: Integration ist nicht einseitig. Beiden bleiben: Erinnerungen, Erfahrungen, Erlebnisse.



Mathis Tometten
(21, Psychologie) und Raphael Rombach (24, Wirtschaftswissenschaft) studieren an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Am Zentrum für Schlüsselqualifikationen haben sie im Wintersemester 2012/2013 an einem Berufsorientierungskurs zum Thema "Online-Journalismus" teilgenommen, den die fudder-Redakteure Manuel Lorenz und Carolin Buchheim angeboten haben. Diese Reportage ist im Rahmen dieses Kurses entstanden.

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