Zecken: Die Nymphe sticht mit Widerhaken

Stephan Elsemann

Wer sich in der vergangenen Woche gegen das durch Zeckenstich übertragene FSME-Virus impfen lassen wollte, wurde vom Arzt vertröstet. Die Hersteller des Impfstoffs mussten wegen der großen Nachfrage einen Lieferengpass vermelden. Denn gerade in Freiburg und Umgebung ist die Ansteckungsgefahr heuer besonders hoch, die Schutzimpfung dementsprechend gefragt. Doch absolute Sicherheit vor einer Infektion gibt es nicht. Was man tun kann, um eine solche zu verhindern, hat Stephan Elsemann recherchiert.



"Zecken haben kein Gewinde", sagt Sigrid Maassen, Zeckenexpertin im  Freiburger Gesundheitsamt. Und Herausdrehen, wie es früher geraten wurde, sollte man sie nicht, wenn man gestochen wurde. "Zecken stechen. Sie können nicht beißen."


Die Ärztin räumt mit einigen Vorurteilen auf. Das beliebte Ersticken mit Klebstoff oder Öl vor dem Entfernen erhöht die Infektionsgefahr ungemein. Weil das Tier bei seinem Erstickungstod Sekrete absondert, die zur Infektion führen. Besser ist es, Zecken mit einer Pinzette zu entfernen, herauszuziehen, ohne den Magen zu quetschen oder hauszuhebeln. Schnell sollte dies geschehen.



Denn Zecken übertragen gefährliche Krankheiten. Zum einen die FSME, eine Virus-Infektion, die eine Hirnhautentzündung auslösen kann. Die zweite Krankheit ist eine Bakterieninfektion, die Lyme-Borreliose.

Wer die ungewöhnliche Lebensweise von Zecken kennt, kann den Infektionen besser aus dem Weg gehen. Zecken lassen sich abstreifen, mitnehmen, wenn sie einen Warmblüter wahrgenommen haben. Abstreifen, wohlgemerkt, nicht von Baum fallen. Joggen auf einem breiten Waldweg birgt wenig Risiko. Eine große Gefahr dagegen besteht beim Picknick am Rand eines Laubwaldes.

Im Wald finden die Zecken ihre Wirtstiere: Mäuse, Igel und Rehe. Jäger tragen einiges zur Verbreitung bei, indem sie die Zahl der Wirtstiere im Wald hochhalten. Rehe schleppen in der Regel einige Hunderte von Zecken mit sich herum. Aus denen sind in der kommenden Generation womöglich schon eine Million geworden.



Rund 2000 Eier legt eine Zecke, aus denen 0,5 Millimeter große Larven schlüpfen. Mit dem Blut des ersten Wirtstieres nehmen sie die ersten Krankheitserreger auf. Nach der ersten Mahlzeit häuten sie sich und werden zu 1-1,5 Millimeter großen Nymphen, die auch größere Tiere und Menschen befallen können.

Sie sind besonders gefährlich, weil sie so klein sind und selten entdeckt werden. Zecken sind nicht auf bestimmte Wirtstiere festgelegt, aber sie sind überaus pingelig, wo sie auf der Haut zustechen. Mehrere Stunden verbringen sie damit, sich einen Platz zu suchen. Bevorzugte Stellen sind etwa die Leistengegend, Kniekehlen und Bauchnabel.

"Je dünner die Haut, desto besser für die Zecke." Den Stich selbst bemerkt man nicht, denn die Zecke sondert ein Betäubungssekret ab.

Mit Schneidwerkzeugen ritzt sie die Haut an und fährt mit einem mit Widerhaken besetzten Stachel in die Haut. Andere Sekrete verhindern die Blutgerinnung an der Einstichstelle. Die zweite Mahlzeit kann beginnen.



Nach einer weiteren Häutung ist das Tier erwachsen und zwei bis vier Millimeter groß. Und wartet auf den nächsten Wirt. Die Wartezeiten können ewig dauern. Bis zu zwei Jahre können Zecken auf Nahrungsaufnahme verzichten. Bis zu zwölf Minusgrade halten sie aus. Und Sonne mögen sie überhaupt nicht. Sie sitzen unter Grashalmen und lauern.

Ihr Stoffwechsel ist dabei extrem reduziert, vergleichbar einem Winterschlaf. Sobald ein Wirt vorbei kommt, werden sie wach, ihre einzige Chance zum Überleben. Die dritte Mahlzeit ist gewaltig. sie bläht das Tier auf das 200-fache seiner Größe auf.

Ein erwachsenes Tier hat sich vermutlich spätestens beim zweiten Wirt infiziert – mit FSME oder Borreliose. Die Verbindung von Zeckenstich und Hirnhautentzündung ist schon lange bekannt, die Gefahr regional unterschiedlich. In und um Freiburg herum ist das Infektionsrisiko mit FSME besonders hoch. Sigrid Maassen rät dringend zu einer Schutzimpfung gegen FSME. Anders als viele glauben, kann man sich das ganze Jahr über impfen lassen. Die Impfung erfolgt in drei Stufen.

Bereits nach der zweiten Impfung tritt die Schutzwirkung ein. Nach der dritten Impfung ist man für drei bis fünf Jahre vor der FSME geschützt.



Mit der Borreliose verhält es sich anders. Borrelien sind Bakterien, die im Mitteldarmtrakt der Zecke hausen. Die Durchseuchung ist hoch. Im Schnitt ist fast jede zweite Zecke mit Borrelien infiziert – und das bundesweit. Hier hilft rasches Handeln. Wenn es einen erwischt hat und die Zecke noch am gleichen Tag entfernt wird, hat man recht gute Chancen, unbehelligt zu bleiben.

Denn meist erst danach bekommen die Borrelien im Darm das Signal, die Zecke zu verlassen und sich auf den neuen Wirt zu stürzen. Borrelien sind mit dem Erreger der Syphilis verwandt.

Borreliose tritt in Schüben auf, kann jahrelang ohne Symptom bleiben, um plötzlich wieder auszubrechen. Es ist eine äußerst tückische Krankheit, deren Symptome viele Jahre mit Gicht und Rheuma verwechselt wurden. Erst 1982 fand man im waldreichen Städtchen Lyme in Connecticut/USA heraus, dass die Borreliose von Zecken übertragen wird.

Mehr dazu:

  • Fragen zur Schutzimpfung beantwortet der Hausarzt oder die Impfberatung beim Gesundheitsamt Freiburg. Telefon: 0761-2187-3222
[Bilmaterial: Baxter]