Yeast Nation im Crash: Wie singende Hefezellen das Musical-Genre rehabilitieren könnten

Melissa Betsch

Im November spielt die Freiburger Gruppe Good Company das Musical "Yeast Nation" im Crash. Melissa Betsch hat mit Manuel Buchmüller und Rafael Orth gesprochen - über Shakespeare die Faszination des Off-Broadway-Musicals.

Was macht "Yeast Nation" zu einem Stück, das man unbedingt gesehen haben muss?

Orth: Ich würde sagen, das Musical generell ist eigentlich die interessanteste Art von Kunstform, die man erleben kann und hat so ein großes Potenzial. Dieses Stück speziell setzt das wirklich durch die Art und Weise, wie alles ineinander greift, auf eine unglaublich gute Art um. Es ist einfach unglaublich interessant, unterhaltsam und eben nicht oberflächlich.

Buchmüller: Wir sprechen damit hauptsächlich Leute an, die vielleicht noch gar nichts mit Musicals zu tun hatten. Da sind auch wirklich Menschen in unsere Show gekommen und haben gesagt: "Ich mag eigentlich generell diese Mainstream-Musicals überhaupt nicht, aber ich habe euch gesehen und das ist etwas ganz anderes und ich finde das total cool." Das ist ein Grund, warum man uns mal gesehen haben sollte und einen richtig interessanten, lustigen und geilen Abend bei uns haben kann. Man muss kein Musical-Fan sein, um das genießen zu können, was wir machen.

"Inhaltlich geht es um die ersten Lebewesen, die es auf der Erde gab" Rafael Orth

Vor diesem Hintergrund: Wie fielen die bisherigen Reaktionen der Zuschauer auf das Stück aus?

Buchmüller: Die Premiere war ein sehr großer Erfolg. Von den Zuschauerreaktionen habe ich bisher eigentlich nur durchweg Positives gehört. Natürlich gehen manche Leute raus und sagen: "Puh das war aber skurril, das war schon echt etwas ganz Anderes." Ich habe auch von einigen gehört, die Story ist "Wow" und so "Okay krass, da war ich jetzt erst mal ein bisschen überwältigt davon, aber ich fand‘s trotzdem irgendwie ziemlich cool."

Um was geht es in "Yeast Nation" überhaupt?

Orth: Inhaltlich geht es um die ersten Lebewesen, die es auf der Erde gab, einzellige Mikroorganismen, die in einem Königreich vor drei Milliarden Jahren unter Wasser leben, wo es nur Felsen, Salz und Sand gibt. Wir lernen diese "Yeasts" zum Zeitpunkt einer großen Krise kennen. Die Salzvorräte, von denen sie sich ernähren, sind fast aufgebraucht, daher gibt es eine Beschränkung, wie viel man davon essen darf. Isst man zu viel davon, teilt und vermehrt man sich nämlich.

"Man muss sich als Zuschauer auf das Setting einlassen können." Manuel Buchmüller


Buchmüller: Man muss sich als Zuschauer auf das Setting, also auf singende, tanzende und zweisprachig sprechende Hefezellen vor drei Milliarden Jahren, einlassen können. Hat man das geschafft, erinnert die Geschichte, die sich daraus entwickelt, sehr stark an Shakespeare oder an griechische Tragödien. Es gibt viele Intrigen, es geht um Revolution, Liebe, hinterhältige Zweitgeborene und einflussreiche Berater, die den König gegen seinen eigenen Sohn ausspielen wollen. Solche Geschichten verbergen sich auch in diesem Stück.

Orth: Es ist wirklich sehr lustig, was da alles passiert und gleichzeitig ist es auch ein sehr ernstes Stück. Ich frage mich bis heute, ob das eigentlich ein ernsthaftes Stück mit humorvoller Verpackung oder ob es ein lustiges Stück mit einem ernsten Zusatz ist. Ich tendiere eher zur ersten Variante.

Buchmüller: Auch die Musik ist ein bunter Mix aus verschiedenen Einflüssen. Wir haben teilweise richtig rockige Nummern und auch eine sehr poppige Nummer drin, die man vielleicht am besten mit Abba vergleichen könnte. Von der Klangwelt erinnert es aber auch an Queen, Supertramp oder das Musical "Hair". Das alles, also das Setting, das Shakespeare‘sche und die Musik, muss man sich in einem Gesamtkunstwerk vorstellen, dann hat man ein grobes Verständnis dafür, was da eigentlich passiert.

Was hat Euch dazu bewogen, ein thematisch und inhaltlich so ungewöhnliches Musical zu produzieren?

Orth: Das hat sehr viel mit "Urinetown", also unserem letzten und gleichzeitig ersten Stück, zu tun. "Urinetown" ist ein Welterfolg, welcher auch bei uns sehr gut lief, weil es keines dieser oberflächlichen, fröhlichen Musicals ist, die man in Deutschland sonst mit Musicals assoziiert. Ich hab dann spontan auf der Website des Autors geschaut, was er noch veröffentlicht hat und "Yeast Nation" schien mir von der Beschreibung her ganz interessant zu sein, weil dieser Style so etwas universelles, zeitloses hat.

Buchmüller: Dadurch, dass ein Musical Dialog und Musik miteinander verbindet, kann es unheimlich viel mehr ausdrücken als nur das eine oder das andere getrennt. Dieses Potenzial, diese Ausdruckskraft, die dieses Format mitbringt, zu nutzen oder damit eine Geschichte zu erzählen, die auch wirklich eine Message hat, die die Leute ein bisschen herausfordert – ich glaube das ist es, was uns letztendlich auch überhaupt erst in diese Off-Broadway-Schiene gebracht hat.

Orth: Und die Tatsache, dass wir dieses Stück als erste in Europa spielen, ist natürlich ein Faktor, den man nicht unterschätzen darf. Da kann man auch sehr stolz drauf sein.

Buchmüller: Das ist keine reine Freiburger Sache, sondern wird auch ein wenig über die Grenzen von Freiburg und sogar von Deutschland hinaus beachtet, was für so eine junge Gruppe aus Freiburg nicht selbstverständlich ist.

"Eventuell ein Stück pro Jahr wäre unser Ziel." Rafael Orth

Was versprecht Ihr euch von Eurer neuen Produktion?

Buchmüller: Wenn ich so kühn sein darf: Ich würde mir zum Beispiel versprechen, dass wir für das Genre Musical und diese Off-Broadway-Sachen ein gewisses Publikum in Freiburg gewinnen und das als Kunstform hier auch gut etablieren können. Das ist so eine Szene, die in Deutschland gerade am Erwachen ist, es erscheinen immer mehr Gruppen, die diese Kunstform für sich entdecken und wir sind wirklich unter den Allerersten mit dabei. Gerade auch in Freiburg fände ich es extrem toll, wenn das in den Köpfen der Leute und generell in der Kulturszene Fuß fassen könnte, weil es wirklich so eine tolle Sache ist. Und wir wollen da vorne mitmischen.

Orth: Eventuell ein Stück pro Jahr wäre unser Ziel.

Buchmüller: Wir haben sogar jetzt schon eine Einladung nach Hamburg, sozusagen in die Musical-Hauptstadt. Ich glaube schon, dass wir auf einem guten Weg sind, um uns da einen Namen zu machen in dieser wachsenden, neuen Szene.
Rafael Orth ist Regisseur und musikalischer Leiter/ Dramaturg der Good Company. Von Haus aus ist er klassischer Pianist.

Manuel Buchmüller ist Teil der Produktionsleitung, Darsteller von "Jahn der Weise".

  • Was: Musical "Yeast Nation" von der Good Company
  • Wann: Immer um 19.30 Uhr an diesen Spieltagen:

    Donnerstag, 9. November 2017

    Freitag, 10. November

    Sonntag, 19. November

    Montag, 20. November

    Dienstag, 21. November

    Mittwoch, 22. November

    Donnerstag, 23. November

    Freitag, 24. November
  • Wo: Crash, Schnewlinstraße 7
  • Eintritt: Parkett: 23 Euro (ermäßigt)/ 29 Euro
  • Tribüne: 18 Euro (ermäßigt)/ 24 Euro