Year Zero: Trent Reznors Andere Realität

Carolin Buchheim

Werbung für neue Alben ist in Zeiten sinkender Tonträger-Verkäufe meist wenig spektakulär: Ein paar Plakate, eine handvoll Anzeigen in der Fachpresse, ein billiges Video für YouTube, eine Mirco-Website für die Single, fertig. Oder eben nicht. Mitte April erscheint das neueste Album der Band Nine Inch Nails, Year Zero, und dazu läuft seit einigen Tagen eine Kampagne, die mehr ist als nur ein bisschen Werbung: Sie ist ein erstklassiges, beängstigendes Alternate Reality Game.



Es soll am vorvergangenen Dienstag, dem 13. Februar, gewesen sein.
Vor dem Nine Inch Nails (NIN) -Gig im Coliseum in Lissabon, Portugal, soll ein Fan einen USB-Stick auf einer der Herrentoiletten gefunden haben.

Auf dem USB-Stick befand sich der brandneue NIN-Song A Violent Heart, und wenige Stunden nach dem Gig lud der Fan den Track zu einer File-Sharing-Website hoch und alarmierte die NIN-Fans im Fan-Forum Echoing the Sound.

Am nächsten Tag, in Madrid, soll dieser Vorfall sich wiederholt haben. Ein anderer Fan soll, wieder auf einer der Toiletten, einen zweiten USB-Stick gefunden haben, der ebenfalls den Track 'A Violent Heart' enthielt. Vergangenen Montag, am 19. Februar soll ein Dritter Fan auf dem Boden der Konzerthalle in Bilboa, Spanien ebenfalls einen USB-Stick entdeckt haben, der einen anderen neuen NIN-Track enthielt, Me, I'm not. So weit, so harmlos: Häufig werden mysteriöse Geschichten erzählt, wenn Bands neue Songs unter die Fans bringen, also 'leaken'.  Aber diese drei USB-Sticks entpuppten sich als die Spitze des Eisbergs, als die ersten Teile eines Puzzles, das sich immer noch in der Aufdeckung befindet.

Am Ende des Tracks 'My Violent Heart' befand sich statisches Rauschen das, so will es die Legende, eifrige NIN-Fans im Spektograph anschauten, und dabei dieses beunruhigende Bild fanden.
Zeitgleich tauchten auf Message-Boards Fotos von aktuellen NIN-Merchandise-T-Shirts auf, auf denen einzelne Buchstaben vergrößert waren und hintereinander gelesen den Satz 'I am trying to believe' ergaben.
Fans fanden danach die Website iamtryingtobelieve.com, und damit begann die große Year Zero-Schnitzeljagd.



Nach und nach entdeckten Fans insgesamt sechs Websites, diverse Morse-Codes, 2 Sound Files und eine Telefonnummer, deren Inhalte, zusammen gesehen, eine verstörende Geschichte aus der Zukunft erzählen.

Trent Reznor hatte das neue Album 'Year Zero' bereits Mitte Dezember als 'highly conceptual' angekündigt, und hatte Anfang Februar den Mitgliedern seines Online-Fanclubs 'The Spiral' in einem Blog-Beitrag mitgeteilt, dass es sich bei Year Zero um ein Konzeptalbum handeln werde, in dem es um die amerikanische Gesellschaft einer 15 Jahre entfernten Zukunft gehen werde. In dieser Nahen Zukunft regierten Gier und Macht und Staat und Kirche seien zu einer Institution verschmolzen seien, erklärte Reznor, und genau dieses Bild untermauern die Year Zero-Websites.

Verzerrte Bilder, zusammen gepuzzelte Texte, mysteriöse Internet-Foren, Morse-Code und Telefonmitschnitte erzählen von dem Medikament Parepin, das von der Regierung ins Trinkwasser gemischt wird, und die Menschen willig und folgsam macht, von der neuen Droge 'Opal', von einer fanatischen religiösen Gemeinschaft, von einer Luftwaffen-Division, Entführungen durch die Regierung und von einer mysteriösen Widerstandsbewegung, der ein Mann namens Angry Sniper angehört.
Die Menschen im Jahre Null halluzinieren oder sehen tatsächlich The Presence, eine aus dem Himmel herunterreichende Hand, die ja, genau so aussieht wie das Bild, das im Spektograph des Rauschens am Ende von 'My violent Heart' zu sehen war. Die Verknüpfungen zwischen den Websites sind dabei vielfältig und bis ins letzte Detail geplant.

Schickt man etwa an die Parepin-Website 'I am trying to believe', die von einem Aussteiger des Medikaments geführt wird, ein eMail (water@iamtryingtobelieve.com), so erhält man eine beunruhigende Standard-Mitteilung: "Thank you for your interest. It is now clear to me that Parepin is a completely safe and effective agent developed to protect us from bio-terrorism. The Administration is acting purely in the best interests of its citizens; to suggest otherwise was irresponsible and I deeply regret it. I'm drinking the water. So should you."

Uh. Creepy.



Die NIN-Fans, wie immer gut organisiert, bündeln ihre Bemühungen, Year Zero zu analysieren; Schließlich scheint jede neu gefundene Verbindung die Veröffentlichung eines weiteren Tracks nach sich zieht.

Auf 'Echoing the Sound', einem angenehm pedantisch geführten Fan-Forum an dem sich auch Trent Reznor selbst unter dem Namen Teitan von Zeit zu Zeit beteiligt (meist, um Leuten, die in schlechter Qualität gerippte Files anpreisen, Fistfucks und Schläge anzudrohen, und wenige Tage später dann die Tracks in guter Qualität zu leaken; die Tracks die von den bisherigen Year Zero-Leaks vorliegen, sind übrigens alle in bester 320kb/s Qualität) wurde eine extra Year Zero-Sektion eingerichtet, auf der Fans Details,  Zahlenkombinationen und möglische Schlüssel ausführlich diskutieren. Die halbernste Überschrift des Forums? 'The new album and related....issues'.

Manche Threads in diesem Teil des Boards sind bereits hunderte von Seiten lang. Ein neugegründetes Wikiwird ebenfalls zum Sammeln und Teilen von Theorien und Schlüsseln benutzt, es gibt einen IRC-Kanal und über einen Jabber-Tracker kann man sich per GoogleChat benachrichtigen lassen, wenn eine der entdeckten Seiten sich verändert.

Es scheint, als haben hunderte gelangweilter NIN-Geeks endlich eine Beschäftigung gefunden.

Was Nine Inch Nails, also Trent Reznor, unterstützt von der Agentur 42 Entertainment, hier betreibt ist zweifelsohne Virales Marketing, Werbung, die ein existierendes soziales Netzwerk ausnutzt, um Aufmerksamkeit auf ein Produkt, das neue Album, zu lenken, Die Nachricht, die Geschichte des Albums, die Websiten und Geheimcodes, sie verbreiten sich epidemisch, wie ein Virus.
Neu ist das nicht: Blair Witch Project profitierte 1999 von einer Viralen Online-Kampagne, und gerade erst im vergangenen Herbst setzte der Opel-Konzern die fiktive Puppen-Band C.M.O.N.S. ein, um den neuen Opel Corsa zu bewerben (fudder berichtete).
Was hier jedoch geschieht ist noch mehr als Virales Marketing, denn Reznor richtet sich hier primär an ohnehin schon 'konvertierte' NIN-Fans; Er nutzt ein soziales Netzwerk, dessen Mitglieder ohnehin alles kaufen, was er produziert. Hier geht es um mehr als nur um den Verkauf des Produkts, es geht um Bindung und Botschaft.

Überraschen sollte eine solche Kampagne aus den Händen von Trent Reznor nicht, nutzt er doch bereits seit Jahren das Internet mit all' seine Möglichkeiten in seinem Fanclub The Spiral, in dem er Streams von seien Konzerten zeigt, bloggt und mit Fans chattet.
Reznor ist berüchtigt dafür, im Zweifelsfall Songs selbst zu leaken und als Torrent (!) bereit zu stellen.; Erst vor Weihnachten veröffentlichte er selbst per Torrent die DVD 'Closure', die von Interscope nicht mehr vertrieben werden sollte.
Auch visuell passt die Year Zero-Kampagne in das Gesamtbild von NIN, trägt doch jede der Websites, bis in die letzte Verzerrung hinein, die Handschrift von Hausgrafiker Rob Sheridan.

Die Year Zero-Kampagne ist allerdings mehr als nur virales Marketing: Sie ist ein Alternate Reality Game (ARG), ein Spiel,  in dem Realität und Fiktion miteinander verschmelzen. Die Serie 'Lost' wurde in den USA ebenfalls mit einem ARG beworben, und auch der schon erwähnte Film 'Blair Witch Project' ist ein frühes Beispiel für ein ARG.

'This is not a Game' ist der Grundsatz jedes ARG; Für die Spieler verschmelzen Realität und Fiktion im Spiel. So ist der Song mit dem versteckten Stereograph-Bild real; Seine Botschaft jedoch Fiktion, genau so wie die Story, wie er den Weg in die Realität gefunden hat. Mittlerweile sind die Merchandise T-Shirts mit der versteckten Botschaft und die gefundenen USB-Sticks mit ziemlicher Sicherheit als Rabbitholes, als geplante Einstiege in das ARG so gut wie enttarnt.

 



Und trotzdem sticht auch in der Welt der ARGs die Year Zero-Kampagne hervor: Sie ist nicht nur Werbung, nicht nur ARG, sondern zugleich auch Teil des Album-Konzepts das sie bewirbt. Sie ist Teil der Botschaft und in ihr wird, wie so oft in Science Fiction-Szenarien, Kritik an der Gegenwart deutlich.

Reznor verachtet, wie auch schon auf seinem Album 'With Teeth' deutlich wurde, die aktuelle Regierung seines Heimatlandes und sorgt sich um die Verbindung von Religion, Öl und Macht und Geld; Seine Haltung gegen den Irak-Krieg und seine Unterstützung für die Opfer des Hurricane Katrina sind wohl dokumentiert.
Teil der Year Zero-Historie ist ein zurückliegender Iran-Feldzug der USA, eine Bombe auf Teheran. Ein solcher Krieg ist in der realen Welt wohl nicht nur Trent Reznors liebstes Alptraum-Szenario.

Reznor muss sich wohl zugleich bestürzt und bestätigt fühlen, wenn er dieser Tage auf 'Echoing the Sound' liest, dass einige amerikanische Fans seine Kampagne allein als Werbung verstehen, und ihm und seinem Werk jede politische Wirkung absprechen wollen.
Nur wenige Fans argumentieren für sein Gesamtkunstwerk aus Platte, Konzept und dazugehörendem ARG und dessen eindeutig politische Botschaft. Die Deutsche Fan-Szene ist derweil immer noch perplex ob der Komplexität der Websites und scheint das Ganze noch nicht einmal sprachlich zu verstehen.

Reznors Year Zero-ARG ist nicht nur beängstigend, verwirrend und spannend, sondern macht dazu auch noch verdammt viel Spass.
Und zwar nicht nur, weil man ganze Nachmittage damit verbringen kann, Überlegungen von NIN-Fans aus der ganzen Welt über Zahlenkombinationen zu lesen, sich schlau fühlt, weil  man auf der offiziellen Website yearzero.nin.com ein verstecktes Bild gefunden hat oder die politische Haltung, die hier vermittelt wird, teilt: Nein, das Beste ist, dass die bisher geleakten Songs des Albums wirklich verdammt gut sind.

Toll.



Mehr dazu:

  • With Teeth: Website(Deutsche Fansite)