X für U: Freiburgs Comicinstitution

Anselm Müller

Den Comicladen X für U hat es schon an mehreren Freiburger Standorten gegeben. Seit drei Wochen verkauft Inhaber Uli Pröfrock Comics an der Rempartstraße. Bei fudder erzählt er etwas über die Geschichte des Ladens und listet die zehn Comics auf, die er auf eine einsame Insel mitnehmen würde.



X für U gibt es schon seit 1985. Damals bot der Laden, in Räumen an der Theaterfront, dort wo heute das Othello ist, alles zu den Themen Science Fiction, Rollenspiel und Comics.


"Ich hatte davor insgesamt fünf Jahre in einem Briefmarken- und Münzauktionshaus gearbeitet und keine Lust mehr auf diesen Job", erzählt Inhaber Uli Pröfrock. "Mit einem Freund zusammen kam uns die Idee für das X für U. Da erst Anfang der Achtziger in Deutschland französische und belgische Comics verlegt wurden und ich diese kannte und eine der größten Science-Fiction-Sammlungen besaß, dachten wir, wir könnten diesen Wissensvorsprung nutzen und versuchten es."

Schon früh kam der heute 53-jährige diplomierte Volkswirt, der aus Wuppertal stammt, mit der französischen Comickultur in Kontakt. Er lebte in Paris und bekam von seinen Großeltern ein Abo des legendären Magazines: Tintin, das in Deutschland später von Carlsen als Tim und Struppi aufgelegt wurde.

Sein intensivstes Comic-Ereignis war der Tag, an dem die erste Ausgabe von Schwermetall (Orginaltitel: Métal hurlant) erschien. "Ich weiß es noch ganz genau", erzählt Uli. "Mein Stamm-Comicladen hatte noch nicht offen und ich wartete vor der Tür. Im Cafe gegenüber saßen Moebius, Enki Bilal und Philippe Druillet, die alle in der ersten Ausgabe vertreten waren. Als ich das Magazin in der Hand hatte, war das wie eine Offenbarung. So etwas hatte es bis dahin noch nie gegeben. Die Comicwelt wurde durch die Veröffentlichung revolutioniert."

1992 zog das X für U wegen des Theaterumbaus und der kleinen Ladenflächen an den Rathausplatz. Aus der Not einen Laden zu besitzen, der durch einen langen Flur die beiden Verkaufsräume miteinander verband, machte die X-für-U-Crew eine Tugend. "Auf der einen Seite erweiterten wir das Sortiment, indem wir Kunstdrucke und signierte Bilder bekannter Comickünstler in den Flur hingen und Bücher verkauften, von denen wir meinten, dass sie es wert sind bekannt gemacht zu werden und oft abseits des Mainstreams waren. Auf der anderen Seite lösten wir uns vollkommen vom Thema Rollenspiel", beschreibt Uli den Sortiments- und Ortswechsel.



Der Comic-Boom, der Mitte der Achtziger Jahre eingesetzt hatte, hielt noch an. Deutsche Verlage produzierten alles, was es 20 Jahre davor schon in Frankreich und Belgien gab und hatten in Deutschland einen großen Markt eröffnet.  Wurden 1985 insgesamt 50 Alben im Jahr verlegt, sind es heute, wenn man die drei großen Gebiete Comicalben, Mangas und Superhelden zusammennimmt, über 2.000 Neuerscheinungen im Jahr.

Aufgrund des Umstandes, dass deutsche Verlage in den Siebziger und Achtziger Jahren die Crème de la Crème der französischsprachigen Comicwelt auflegten, wurden die deutschen Comicleser, die in den Siebziger und Achtziger Jahren zu lesen begannen, auf einem äußerst hohen Niveau verwöhnt. Als dann Anfang und Mitte der Neunziger dieser Fundus abgeschöpft war, kam die Enttäuschung und die Leser kauften nicht mehr so viel.

"Das deutsche Comicpublikum ist das verwöhnteste in der ganzen Welt", sagt Uli über diese Entwicklung. "Wenn du jahrelang mit Kaviar gefüttert wirst und danach nur noch Lachs vorgesetzt bekommst, ist die Frustrationschwelle ziemlich gering." Natürlich hat der Verfall auch ökonomische Gründe. Wurden anfangs jährlich zehn Supercomicalben herausgegeben, waren es nach einigen Jahren 120, welche das Topniveau nicht mehr erreichten.

Ein Weltphänomen der Comickultur sind Mangas. Doch auch diese Leserschaft ist eine ganz spezielle: die Leser sind jung, meist zwischen zwölf und achtzehn. "Es gibt sehr wenige, die über 20 sind", sagt Uli. Der Boom, der Mitte der Neunziger einsetzte, wurde auch durch Verwässerung abgeschwächt. "Die Blase könnte bald platzen. Genauso wie die deutschen Verlage irgendwann das Maß an Publikationen mit französischen Comics überschritten, passiert dasselbe mit den Mangas. Die Kids können und wollen es sich einfach nicht leisten, auf alle 50 monatlichen Neuerscheinungen zu reagieren. Außerdem sind in diesem Alter auch andere Dinge wie Roller, erste Freundin und Weggehen Themen, die die Comicsammellust verringern."



Uli's Top Ten-Liste - 10 Comics für die einsame Insel

Georg Herriman: Krazy Kat
Eine Dreiecksliebesgeschichte zwischen einer Maus, einer Katze und einem Hund.

Will Eisner: The Spirit
Die Geschichte eines Detekitvs, der öfters mit seinen Opfern sympathisiert. Sehr sozialkritische Geschichten.

Hugo Pratt: Corto Maltese
Der Kapitän ohne Schiff bereist die Welt Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts und ist ein kritischer Beobachter des Zeitgeschehens.

Carl Barks: Einfach alles!
Über den Schöpfer von Entenhausen muss nichts mehr gesagt werden.

Andre Franquin: Spirou und Fantasio
Die Reihe begleitet den ehemalige Hotelpagen Spirou und den Lebenskünstler Fantasio auf ihren Arbenteuern, bei welchen Sie zum Beispiel das Marsupilami kennenlernen.

Moebius: Jerry Cornelius / Luftdichte Garage
Schaut einfach rein!

Chris Ware: ACME Novelty Library
Die Bücherei von Ware kennt wiederkehrende Figuren. Experimentierfreudiges Labor der Stile und Genres.

Neil Gaiman: Sandman
Erzählt in zehn Bänden die Geschichte von Dream, dem Herrscher des Traumreiches, und seiner Gefangennahme durch einen Mystiker.

Garth Ennis/Steve Dillon: Preacher
Prediger Jesse Custer sucht Gott, um ihn daran zu erinnern, dass er die Verantwortung für seine Schöpfung übernehmen sollte.

Jiro Taniguchi: Vertraute Fremde
Ein Erwachsener erlebt in seinem 14-jährigen Kinderkörper noch einmal die Trennung seiner Eltern.

Mehr dazu:


X für U

Rempartstraße 7
79098 Freiburg
Telefon 0761. 36741

Öffnungszeiten
Montags bis Freitags 10 bis 19 Uhr
Samstags 10 Uhr bis 17:30 Uhr