Wunder geschehn - das WM-Tagebuch (4)

Rudi Raschke

Was als Fieber begann, hat sich bei mir inzwischen zum sanften Wahnsinn ausgeweitet. Die ecuadorianische Zeitung "El Diario" sagt exakt, wie es sich anfühlt: "Wenn es ein Traum ist, dann weckt uns nicht auf. Wenn es Realität ist, dann lasst uns nicht schlafen."

Fangen wir mit den Wundern vor der Haustür an: Der Rollrasen auf der “Freifläche” vom “Valentinsstüberl” gegenüber grünt immer noch und wächst gigantisch - obwohl er mit nur wenig Erde auf blankem Beton verlegt ist.


In den Münchner Nächten herrscht eine Magie, wie es sie in dieser Stadt, die sich so viel auf ihr Leuchten einbildet, noch nie gegeben hat. In den biederen Lokalen am Marienplatz - vergleichbar mit den Kneipen am Freiburger Münsterplatz - läuft brasilianische Insider-Musik für Fans, die jede Zeile mitsingen. Es liegt ein nicht mehr wegzuzauberndes, geradezu bekifft-seliges Grinsen auf den Gesichtern der Einheimischen, wenn sie auf Fans aus Australien oder Argentinien treffen.

Ausgerechnet Deutschland, einer der größten Globalisierungsverlierer in Fußball-Europa, bejubelt modernen Fußball und fordert schöne Spiele, wenn sich Mannschaften wie Brasilien oder Portugal mit einem 1:0 zufrieden geben. Und die “Klinsmannschaft” (Süddeutsche Zeitung) hat sich mit zeitgemäßen Methoden die Archaik eines Siegtors in letzter Minute zurück gekämpft. (Und zum Glück nicht auf die Veteranen-Debatte gehört, die uns seit Wochen Libero, Manndecker und andere Fußball-Dinos aufschwatzen will)

Mein Freund und Kollege Mario hat mich aus dem Dortmunder Stadion Mittwochnacht angesmst, weil er beim Torjubel unserem verhassten Ex-Chef, der vor ihm saß, um den Hals gefallen ist. Es wird nicht die einzige psychologisch wundersame Übersprungshandlung an diesem Abend gewesen sein.

Bis auf ein Spiel, dass ich in der U-Bahn nach dem Stadionbesuch verpasst habe, habe ich alle 25 Spiele angeschaut. Eine ansprechende Startwoche mit guten Spielen und wenig Überraschungen, während die zweite Runde mit Paukenschlägen durch Deutschland und Argentinien startete. Ein ecuadorianischer Spieler hat sich beim Torjubel eine gelbe Spiderman-Maske übergezogen, einer aus Trinidad hat mit einem TV-Reporter seines Landes kooperiert, um seiner Verlobten während des Matchs gegen England die Ehe anzutragen. Und das alles findet im sonst schlecht gelauntesten Land der Welt statt.

Es ist so wahnsinnig, dass ich mir fast komisch vorkomme, wenn ich so profane Dinge wie heute morgen einen Friseurbesuch organsieren muss. In dem zusammengeklappten Gartenstuhlgewühl auf dem Stüberlrasen gegenüber halluziniere ich längst eine Spielertraube, die sich für den Anpfiff einschwört.

Nur ein Anti-Wunder gilt es zu verzeichnen: Bei meinem nächsten Stadionbesuch am Mittwoch habe ich mit den Serben ausgerechnet eines jener zwei Teams erwischt, bei denen ich mich frage, warum sie überhaupt angereist sind. Aber hey, sie spielen gegen die Elfenbeinküste - und spätestens, wenn ich auf die Arena zugehe, werde ich mich fühlen wie auf dem Weg zu einem Champions-League-Finale. Und nur nicht dran denken, dass es schon das 40. von 64 Spielen sein wird.
[Der gebürtige Freiburger Rudi Raschke ist der Autor unseres WM-Tagebuch-Blogs, das wir in den kommenden vier Wochen auf fudder führen werden. Er lebt in München und arbeitet als Redakteur des Playboy]