Würdigung eines rauhen Genies

Ricardo Magnus

Ricardo Magnus (oder auch Thelonious Fonk), 28 Jahre alt und aus Buenos Aires stammend, ist Veranstalter und Resident der monatlichen "Rebeat Funk Night" im Ruefetto. Anlässlich des dort heute stattfindenden Tributs an James Brown würdigt Magnus den großen Soulsänger im folgenden Text.



Eigentlich handelte es sich um einen Routine-Check beim Zahnarzt. Eigentlich endeckte dieser nur eine Erkältung. Eigentlich hätte James Brown nicht sterben sollen.

Der „Godfather of Soul“ starb ausgerechnet am Weihnachtstag, in den frühen Stunden des 24. Dezember 2006 in New York. Er war 73 Jahre alt und kein bisschen müde.


Das war er eigentlich nie. Wer seine Shows mal erlebt oder sonstwo gesehen hat, weiß, dass Brown reichlich Pfeffer im Hintern hatte. Seine Shows waren impulsgeladene Vorstellungen, die obligatorisch mit einem Fanfarenstoß begannen, gefolgt von der Erscheinung eines dünnen Mannes mit Boxernase namens Danny Ray, Browns Master Of Ceremony. Browns Innovationen aufzuzählen, wäre mühselig. Viele wertvolle Funkbands würde es ohne die Inspiration von James Brown nicht geben. Auch keinen Hip-Hop (Browns „The Funky Drummer“ Break!) gäbe, auch keine musizierenden Michael Jackson und Prince. 

Über Mr. Brown wurde viel geschrieben und spekuliert. Wie bei alten Funksingles dubioser Herkunft weiß man trotz Internet und Datenbanken nicht mal, wann James Brown genau geboren ist. Wieviele Singles und Platten hat er tatsächlich aufgenommen ? Keine Ahnung. Paradox auch die so genannte Funkbewegung. Funk hat die gesamte Popmusiklandschaft stark beeinflusst, obwohl nur wenige wissen, was Funk ist oder sein Repertoire kennen.

„Funk“, erklärt James, „ist etwas, bei dem sich die Leute gut fühlen sollen. Ist das so, spielt man weiter. Andere Songs enden, nicht so Funk." Er ist bereit, dies auch zu erklären, den Funk, mit welchem er ab 1965 den Strukturwandel des Pop von einer melodiegeprägten zu einer rhytmusdominierten Musik einleitete und so die moderne Tanzmusik definierte. "Ich wusste“, sagt Brown, „dass in unserem Herzen Gott zuerst kommt. Gospel würde immer die Musik Nummer eins sein. Aber für viele Musiker ist der Jazz das Höchste. Also habe ich die die Stimmung des Jazz mit den Akkorden des Gospel kombiniert. Und die Leute akzeptieren es. Auch in der Kirche“, und das ist ihm sehr wichtig, „kann man die meisten meiner Songs spielen. Sogar sex machine.“

Das gemeinhin als schmuddlige Machonummer bekannte Stück drehe sich nicht um das, was es vorgibt, erklärt Brown. „Man muss den Text anhören!, “The way I like it, is the way it is / I got mine / don’t worry about his”, rezitiert er aus seiner berühmtesten Nummer. "Das hat nichts mit Sex zu tun! Ich spreche zu einer Frau, wir sitzen da, tun nichts. Nun beginnt die Musik zu laufen. Get up! Sage ich zu Ihr, I feel like a sex machine. Es geht ums Tanzen, nicht ums Liebemachen“, ein heiseres Lachen folgt.

Die vielfachen, auch negativen Meinungen über diesen kleinen, energiegeladenen Mann beurteilen sein rauhes Leben: seine nicht gewaltfreien Teenagerjahre, in denen er für seine Einbruchsdelikte zwischen 8 und 16 Jahren Haft verurteilt wurde; die Schlägereien mit seinen Frauen oder sein despotischer Regiestil bei den Sessions mit seiner Band; seine politischen Engagements, hauptsächlich an der Seite von Präsident Nixon, und seine mächtige Aura als Kopf der gesamten „Black Power“ Bewegung. Viele fragen sich sogar, wieviel James Brown an seiner Musik eigentlich Teil hat. Denn man weiß, daß Fred Wesley und Maceo Parker  viel mehr für die musikalischen Markenzeichen der JB’s verantwortlich waren als Brown selbst.

War der Antreiber und Propagandist Brown in der Dramaturgie seiner Musik ein Dirigent, der für die Musiker das Stück interpretierte? Oder war er ein Bandleader, der Solos anzeigte und Schlusskadenzen abrief? Oder ein bis dato nie gesehener Tänzer?

Was Brown sicherlich einzigartig verkörpert hat, war seine Rolle als erster Vertreter des Publikums, des Kollektivs. Ein Motivator, der auf die Bühne geraten war und nun ständig rief, was alle dachten: „Mach weiter! Hör nicht auf! Ja, es ist heiß, aber es soll noch heißer werden! Ist es funky hier oder was?“

Angefangen mit „Night Train“, über eine Kette radikal innovativer Stücke wie „Out of Sight“, „I Got You“, „Papa’s Got a Brand New Bag“ und „Cold Sweat“ wirkte James Brown weniger wie ein Musiker, der unter dem Diktat steht, entweder zu unterhalten oder seine eigene emotionale Realität auszudrücken, sondern wie jemand, der seine Musiker und Zuhörer bis an den Rand einer akustischen Idee treiben muss, und dann darüber hinaus, bis er schliesslich, mehr oder weniger offiziell, zum Erfinder eines ganzen musikalischen Genres namens Funk wurde.

Bei Browns Tod sollte von „Verlust“ nicht die Rede sein. Wenn jemand wie James Brown so viel für die Musik, insbesondere für Funk und Soul, geleistet hat, wäre es ungerecht, von Verlust zu sprechen. Lasst uns lieber seine Musik zelebrieren, so, wie er es sich gewünscht hat.

Mehr dazu:

Was: Rebeat Funk Night, Tribute to the Godfather James Brown (auch mit Musik seines Umfelds)

Wann: Freitag, 19. Januar, 21.30 Uhr

Wo: Ruefetto, Granatgässle 3, Eintritt 4 Euro