CSD Freiburg 2016

Worum es beim CSD geht: "Ich wünsche mir einfach nur Akzeptanz"

Benjamin Wissing

Bunt, laut und vielfältig sind die Paraden zum Christopher-Street-Day. Doch es geht um mehr als um Party und Provokation. Freiburgerinnen und Freiburger haben uns von ihren Wünschen und Forderungen erzählt.

Unter dem Motto "Mein Herz schlägt gegen Rechts" steigt am Samstag der CSD in Freiburg. Aktivistinnen und Aktivisten wollen zugleich für die Rechte von LSBTTQI und gegen Diskriminierung demonstrieren – und auf den Rechtsruck in der Gesellschaft hinweisen.

Martin, 24

Student an der Uni Freiburg
"Ich möchte, dass die Ehe für alle geöffnet wird. Zwar gibt es das Lebenspartnerschaftsgesetz, aber es handelt sich eben nicht um eine Ehe, sondern nur um eine Lebenspartnerschaft. Ich bin für die Öffnung der Familie und will, dass man die unterschiedlichen Lebensformen und Lebensentwürfe als Grundwerte unserer pluralistischen und demokratischen Gesellschaft ansieht. Das Grundgesetz schützt die Familie und die Ehe besonders, definiert dabei aber nicht, dass die Ehe der heterosexuellen Norm entsprechen muss."

Freddy, 25

Ausstattungsassistent am Theater Freiburg
"Ich habe Freunde, die für den CSD einen Wagen machen. Die sind alle nicht schwul, unterstützen uns aber. Ich finde, dass es sich mehr vermischen sollte und dass wir aufhören müssen, in Schubladen zu denken. Das Einzige, was uns eint, ist der Oberbegriff ’gleichgeschlechtliche Liebe’, ansonsten sind wir alle genauso eckig und kantig wie jeder andere Mensch auch."

"Ich will alles: die Ehe für alle, Adoptionsrecht, echten Diskriminierungsschutz." BettyBBQ

Martha Magnum, alterslos

Dragqueen
"Ich wünsche mir ganz einfach nur Akzeptanz. Die Leute müssen mich nicht toll finden, sie sollen einfach akzeptieren, wie ich mein Leben lebe und wie oder wen ich liebe. Dabei darf es keine Rolle spielen, ob ich als Martha oder als Privatperson unterwegs bin. 99 Prozent meiner Freunde sind nicht schwul. Denen ist es einfach egal und sie akzeptieren mich als Individuum."

Charly, 25 & Chris, 30

Einhörner
"Wir wollen Händchen haltend durch die Straßen laufen können und uns küssen, ohne dass ständig doofe Kommentare oder komische Blicke von den Leuten kommen. Es ist einfach anstrengend und diskriminierend, sich ständig für die eigene Lebens- und Liebesart rechtfertigen zu müssen."

Ireneus, 33

Marktbeschicker auf dem Münstermarkt
"Viele behaupten, der CSD sei überholt, wir hätten ja ein bisschen was erreicht, und das sei ja schon ganz gut. Aber das ist Quatsch. Im Grundgesetz steht, dass alle Menschen gleich sind, aber ich finde, in bestimmten Bereichen wird das einfach noch nicht umgesetzt. Akzeptanz entsteht durch Präsenz. Deshalb ist Präsenz – wie eben beim CSD – sehr sehr wichtig. Dadurch, dass ich völlig offen mit meiner Sexualität umgehe, habe ich viel weniger Probleme im Alltag. Klar, ein paar Idioten gibt es immer und überall, aber gefühlt ist die Akzeptanz gewachsen, je offener ich in der Gesellschaft auftrete."

Helena, 23

Sozialarbeiterin
"Mein Anliegen ist, dass Menschen darüber nachdenken, inwieweit sie selbst indirekt oder direkt an Ausgrenzung beteiligt sind. Niemand sollte wegschauen, wenn Menschen aufgrund ihres Aussehens oder ihrer sexuellen Orientierung beleidigt werden. Menschen sollten sich ganz allgemein gegenseitig Respekt entgegenbringen und füreinander einstehen. Homo- und Transphobie verdecken Vielfalt. Wenn man ein Mädchen fragt, ob es einen Freund hat, und einen Jungen, ob er eine Freundin hat, impliziert man bereits eine geschlechtliche Norm. Würde man stattdessen fragen, ob sie oder er verliebt ist, wäre das Geschlecht von vorneherein offen. Dadurch bekommen Menschen, die nicht heterosexuell sind oder sich nicht eindeutig einem Geschlecht zuordnen das Gefühl: Ok, ich bin nicht alleine und mein persönliches Empfinden hat einen Raum in der Gesellschaft."

"Wir wollen Händchen haltend durch die Straßen laufen können und uns küssen, ohne dass ständig doofe Kommentare oder komische Blicke von den Leuten kommen." Charly & Chris

Adrian, 19

Bundesfreiwilligendienstleistender
"Ich würde mir wünschen, dass die Menschen allgemein respektvoller und verständnisvoller miteinander umgehen. Denn auch in der LGBT-Community wird oft das gemacht, was man außerhalb kritisiert. Das Einteilen von Menschen in Gruppen findet nicht nur in der Mehrheitsgesellschaft statt, sondern auch untereinander. Jeder Mensch ist individuell und theoretisch könnte man sieben Milliarden einzelne Gruppen definieren."

BettyBBQ, alterslos

Dragqueen
"Ich will alles: die Ehe für alle, Adoptionsrecht, echten Diskriminierungsschutz. Außerdem sollten Straftaten gegen Schwule, Lesben und Transsexuelle in der Kriminalstatistik aufgeführt werden. Davon abgesehen habe ich aber auch einen ganz konkreten Wunsch an Freiburg, und das ist mehr Sichtbarkeit, denn nur mit der Sichtbarkeit kommt die Normalität. Schwules und queeres Leben, Kunst und Kultur finden in Freiburg immer noch sehr versteckt statt. Wir gehören auch zu dieser Stadt und sind ein Teil davon. Wir müssen laut und bunt sein und diesen Platz einfordern. Heimat ist nicht nur Schwarz -Weiß."

Christian, 27

Student an der Uni Freiburg
"Ich wünsche mir, dass jeder gesellschaftlich, rechtlich und politisch gleichbehandelt wird, unabhängig von Sexualität oder geschlechtlicher Identität. Von der Gesellschaft wünsche ich mir einen offeneren und reflektierteren Umgang mit anders Lebenden und anders Liebenden."

Stefan, 36

Sozialarbeiter bei der AIDS-Hilfe Freiburg/ Projekt Gentle Man
"Gleiche Rechte – gleiche Pflichten. Das bedeutet die komplette Gleichstellung ohne ’ein komisches Bauchgefühl’, wie Angela Merkel sagte. Ich wünsche mir, dass man nicht wie Liebende zweiter Klasse behandelt wird."
Der Christopher-Street-Day (CSD) ist ein Gedenk-, Fest- und Demonstrationstag in Erinnerung an den Aufstand Homo- und Transsexueller im Juni 1969 in der Christopher Street in New York. Damals kam es nach anhaltenden willkürlichen Kontrollen und Razzien zu tagelangen Straßenschlachten mit der Polizei. Weltweit finden in den Sommermonaten CSD- und Gay-Pride-Paraden statt, um für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgendern, Transsexuelle, Queers und Intersexuellen (LSBTQI) zu demonstrieren. Dabei ist der CSD sowohl bunte Parade als auch politische Demonstration. In Freiburg gibt es seit 2014 wieder einen jährlichen CSD mit Parade. Unter dem Motto "Mein Herz schlägt gegen Rechts" findet der CSD vom 8. bis 10. Juli statt. Die Parade durch die Innenstadt startet am Samstag, 9. Juli, um 15 Uhr am Konzerthaus und endet mit einem Fest mit Konzerten auf dem Stühlinger Kirchplatz. Außerdem gibt es ein Vortrags- und Partyprogramm. Mehr Informationen gibt es auf http://csd-freiburg.de/
  • Was: CSD Freiburg – Parade
  • Wann: Samstag, 9. Juli 2016, ab15 Uhr
  • Wo: Start am Konzerthaus
Weitere CSD-Termine in Baden-Württemberg: 30./31. 7. Stuttgart, 6.8. Ulm, 12./13.8. Mannheim.