Worthülse Ferien

Philipp Aubreville

Die Klausuren sind vorbei und eine Exkursion nach Koblenz beendet das erste Semester. Offiziell. Denn noch schwebt das Damokles-Schwert "Nachprüfung" über Erstsemester und fudder-Autor Philip. Und dann wäre da noch die Hausarbeit...



Mit dem Gefühl in der Magengegend, das ungefähr 900 gutsituierten Haushalten in Deutschland mit Blick auf die nächsten Tage bekannt vorkommen dürfte, verlasse ich den Hörsaal. Die letzte Klausur ist abgehakt, doch so richtige Feierlaune will nicht aufkommen.


Bei den drei vorherigen Prüfungen war ich mir sicher: Es hat alles geklappt. Zwar tut mir mein Politik-Dozent wegen der panischen zwei Seiten, die ich in den letzten zehn Minuten mit Buchstaben und anschließenden wellen- und kringelförmigen Strichen eher bemalt als beschrieben habe, leid. Und natürlich ärger ich mich, dass meine doch ziemlich zufriedenstellende Seminarsklausurnote nicht in die Endnote einfließt. Dennoch: Der gefühlte Soundtrack nach den ersten drei Klausuren war eindeutig von den Beach Boys dominiert und lässt sich ganz gut mit einem bekannten Sven Väth-Zitat umschreiben.

Doch nun scheint alles anders. Mit der Unsicherheit Karls des Großen bei der Einordnung der coloni – um mal einen Einblick in die groben Themenwelten zu geben – habe ich die meisten Fragen beantwortet. Und bin damit nicht allein: Während ein Kommilitone das abgefragte „Detailwissen“ moniert, disputieren andere die gestellten Fragen durch.

Nach dem Abitur hat zumindest in meiner Heimatstadt mancher seine Unterlagen in einem Akt der Befreiung verbrannt – ein Karteikarten-Autodafè zur Einleitung der Semesterferien kommt für mich allerdings nicht in Frage: „Nachprüfung“ heißt – vielleicht etwas wehleidig, vielleicht berechtigt – das Damokles-Schwert über und in meinem Kopf; dabei sollte es in diesem eigentlich um etwas ganz anderes gehen: Die Hausarbeitsphase hat begonnen.

Nun, wo der Klausurstress zumindest vorerst vorüber ist, habe ich noch zwei Wochen Zeit, um den notenrelevanten Teil meines Seminars fertig zu stellen. Gleich zu Beginn stelle ich fest, dass ich im Vorfeld etwas unter Selbstüberschätzung gelitten habe. Die Forschungspositionen, die ich im Hinterkopf schon längst zerlegt geglaubt hatte, erweisen sich auch als besser durchdacht als angenommen.

Doch zum Glück haben auch Teile der Geschichtswissenschaft etwas von 2Pac und Notorious B.I.G. – stellt der eine eine These auf, kommt ein anderer und „battelt“ ihn. Klingt es plausibel, steige ich gerne beim Positionenbashing mit ein – soviel Mut kannte man zuletzt von Roman Reusch. Was man hier an Selbstachtung eigentlich verlieren müsste, gleicht sich durch die Erkenntnis aus, dass auch der ein oder andere „anerkannte Wissenschaftler“ die Flexibilität von Klaus Zumwinkels Steuerberater besitzt.

Ganze Theorien werden mit „zentralen Textstellen“ belegt, die sich beim Folgen der Fußnoten als... ich will nicht sagen irrelevant, aber... nun ja, doch nicht so eindeutig wie angenommen herausstellen.

Das hilft beim Positionenbashing und verspricht zwei wissenschaftlich-amüsante Wochen.