World of Warcraft: "Ich will nicht mehr!"

Carolin Buchheim

Finn Jansen (Name von der Redaktion geändert) ist 26 Jahre alt, studiert Soziologie und ist leidenschaftlicher Computerspieler. Eins seiner Lieblingsspiele: World of Warcraft (WOW), das größte Massively Multiplayer Online Role-Playing Game (MMORPG) der Welt. 16 Millionen Menschen spielen WOW. Doch Finn hat jetzt damit aufgehört.



"Ich habe zwar nicht besonders lange World of Warcraft gespielt, nur knapp 10 Monate, aber dafür sehr intensiv mit einer elitären Gilde, die von ihren Mitgliedern viel Engagement erwartet hat. Mit meinen beiden Charakteren habe ich beinahe alles erreicht, was man erreichen kann: Stufe 70, Skill und Berufe auf 375 und meine Gilde spielt auf T4.


Meine Gilde ist sehr gut, und das ist wirklich wichtig, denn nur mit einer guten Gilde kann man richtig spielen. Wenn man das einfach mit wahllos zusammengewürfelten Leuten macht, funktioniert es nicht. Man braucht bestimmte Leute mit bestimmten Fähigkeiten, und die müssen auch ordentlich miteinander kommunizieren können.

Um bei meiner Gilde Mitglied zu werden, muss man sich bewerben, angeben, was man für einen Charakter spielt, welche Ausrüstung man hat und vor allem wie viele Stunden man Zeit hat, um sie bei WOW zu verbringen. Außerdem sind wir sehr gut organisiert; es gibt klare Regeln, an die man sich halten muss. Bei uns herrscht zum Beispiel kurz vor dem Encounter (Anmerkung von fudder: dem Zusammentreffen mit dem Boss einer Instanz, einer Art Level) immer absolute Stille; dann redet nur der Raid-Leiter oder der Gildenchef.

WOW ist ein zeitaufwendiges Hobby. Natürlich spielt man an manchen Tagen nicht, aber dafür an anderen eben auch mal zehn oder mehr Stunden. Besonders wenn Raids (Anmerkung von fudder: umfangreiche Aufgaben, die mit der Gilde gelöst werden müssen) anstehen. Im Durchschnitt habe ich sicher zwei, drei Stunden täglich mit WOW verbracht.

Mein Tag bestand nur noch aus schlafen, essen, arbeiten und WOW. Zum Glück hat meine Freundin in der Zeit viel gearbeitet und hatte ein Theaterprojekt – da hat es sie nicht gestört, dass ich so viel vor dem Computer saß.

Wenn man eine Weile lang WOW spielt, merkt man allerdings schnell, mit was für billigen Tricks man im Spiel gehalten wird; manche Aufgaben brauchen ewig und werden repetitiv.

Wenn ich weiß, dass am Freitag für meine Gilde ein Raid ansteht, und dafür brauch ich noch "10 Uhr-Wasser", dann muss ich losgehen, und mir das besorgen. Dafür muss ich dann Gegner platt hauen, die droppen das mit einer Wahrscheinlichkeit von 10 Prozent. Ich brauch' davon aber 100 Stück, und muss also wahrscheinlich 1000 Stück hauen. Das ist nicht sonderlich spannend. Ich muss zwar mit voller Konzentration spielen, bin vier, fünf Stunden dabei, aber habe am Ende dann trotzdem nichts erreicht. Das Erfolgserlebnis fehlt irgendwann. Und deshalb habe ich keine Lust mehr auf WOW.

Ich könnte natürlich neue Charaktere anfangen, aber auch das ist keine wirkliche Herausforderung mehr.

Jetzt spiele ich nicht mehr, meine Charaktere habe ich aber trotzdem noch. Erst wollte ich sie bei Ebay verkaufen, aber dann konnte ich mich doch nicht trennen. WOW selbst und meine Gilde vermisse ich aber nicht. Das sind zwar richtig nette Leute, aber letztendlich hat man mit ihnen nicht mehr gemeinsam als das Spiel. Ich hab ein paar Leute auch im realen Leben getroffen, und wir haben ein Bier getrunken, das war supernett, aber außerhalb des Spiels hat man halt nicht viel gemein. Wenn wir nicht über WOW geredet haben, haben wir gar nicht mehr geredet.

Ich spiele noch immer Computerspiele, allerdings vor allem Fußball. In den letzten Wochen hatte ich mal wieder Lust auf ein Rollenspiel, da habe ich Das schwarze Auge durchgespielt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich noch mal so intensiv in ein MMORPG eintauchen werde. Ich will nicht mehr, dass ein Spiel so viel Zeit frisst.

Ich bereue meine Zeit mit WOW zwar nicht, es ist einfach etwas, das ich mitgemacht habe, aber manchmal denke ich schon: Mit der Zeit hätte ich Besseres anfangen können.“

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[Aufgezeichnet von Caro]