Fondation Beyeler

Wolfgang Tillmans in Riehen: Die Gleichzeitigkeit der Dinge

Dietrich Roeschmann

Er ist einer der großartigsten Fotografen der Gegenwart: Wolfgang Tillmans. Seine Werke sind nun in der Fondation Beyeler in Riehen zu sehen. Mit seinen Fotografien legt Tillmans hier eine ganz persönliche Spur.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Wenn es einer Ausstellung gelingen kann, ganz altmodisch und fast schon romantisch so etwas wie Intimität herzustellen, Glück einzukreisen, an Utopien zu kratzen, dann hat Wolfgang Tillmans in der Fondation Beyeler ganze Arbeit geleistet.


Drei Jahre hat die Vorbereitung zur Sommerschau des Fotografen gedauert, die am Sonntag in Riehen eröffnet – als zweite große Retrospektive neben dem Solo, das bis Juni in der Londoner Tate Modern zu sehen ist. Seit Anfang Mai hatte er die Hälfte der Räume des "Weltklassemuseums auf dem Land mit Weizenfeld vor der Tür" (Tillmans) ganz für sich und seine Fotografien, die er in Dutzenden von Kisten, Mappen und Rollen mitgebracht hatte, um vor Ort zu entscheiden, welche Arbeit wo hängen würde.

Nach getaner Arbeit verteilen sich im Westflügel des Hauses gut 200 Fotografien aus den Jahren 1986 bis 2017, aus dem Kellergeschoss pumpt der Techno-Beat seiner brandneuen Video-Installation "Freezer", und mittendrin steht Tillmans in T-Shirt, Sneakers und kurzen Sporthosen und wirkt ein bisschen so, als sei er gerade aus einem dieser schnappschussartigen Porträts gestiegen, die ihm 2000 als erstem Fotografen den renommierten Turner Prize bescherten. Keine Frage: Niemand repräsentiert das, was Tillmans’ Werk so attraktiv und verführerisch macht, besser als er selbst. Man könnte es Glaubwürdigkeit nennen.

Wolfgang Tillmans in der Fondation Beyeler:



Wolfgang Tillmans, 1968 in Remscheid geboren, wo er als Jugendlicher mit dem Fotokopierer experimentierte und von wo er nach Hamburg, London, New York aufbrach, gehört zu einer Generation von Künstlern, die ihre Karrieren im sozialen und ästhetischen Umfeld der Popkultur und Poptheorie der Neunziger begannen. Magazine wie Spex waren zentrale Medien dieser Szene, und es ist kein Zufall, dass der erste Katalog von Tillmans zu seiner viel beachteten Ausstellung im Frankfurter Portikus 1993 nicht als Buch, sondern als Beilage der Spex erschien, für die er seit 1988 Popstars fotografierte.

In der Fondation Beyeler sind zahlreiche dieser frühen Fotografien zu sehen, die auf Partys oder Raves entstanden oder beim Abhängen zur Afterhour im morgendlichen Park, wo sich verschwitzte Körper ineinander schlangen zu zärtlichen Entitäten und alle in der Gewissheit chillten, jeder für sich Teil eines sozialen Ganzen zu sein, das Liebe, Freiheit und Geborgenheit gibt. Der berührende Dokumentarismus, der diese frühen Fotografien auszeichnet und selbst noch die wunderbar beiläufigen Stillleben und Interieurs der letzten Jahre prägt, ist allerdings weniger eine Frage der Motive als der Hängung, mit der Tillmans eine persönliche Spur durch die Ausstellungsräume legt.

Ein geradezu hypnotischer Sog

Was ihn umtreibe, sagt Tillmans, sei die Gleichzeitigkeit der Dinge in der Welt und die Frage, wie er diese in ihrer Vielfalt in den Blick nehmen könne. Ein Modell für eine derartige Weltsicht, schlug er 2012 in einem Interview vor, sei für ihn die Tageszeitung, die eine Fülle unterschiedlichster Informationen zu einem Porträt der Welt in 24 Stunden komprimiere. Der Faszination für Synchronität entspricht in Riehen ein atemberaubend selbstverständliches Nebeneinander von Porträts und Landschaften, Tierbildern und Luftaufnahmen, von weiten Sternenhimmeln und Wassertropfen aus nächster Nähe, Mikro- und Makrokosmen aller Art.

Sie hängen als C-Print an der Wand oder auf Fotopapier entwickelt, gerahmt oder ungerahmt, groß wie ein Plakat oder auf 10 x 15 Zentimeter wie ein Schnappschuss mit der Kleinbildkamera. Die enorme Vielfalt der Formate, die sich an den Wänden zu Bilderschwärmen unterschiedlicher Dichte organisieren, lässt sich als mimetische Nachbildung unserer eigenen Alltagswahrnehmung erfahren und zugleich als intimer Ausschnitt der Welt durch die Augen des Künstlers.

Dabei entfalten vor allem die Landschaftsaufnahmen einen geradezu hypnotischen Sog. Wie "Atlantique b", auf dem eine graugrün schäumende Welle für einen Moment im Zustand jenseits aller Zeitlichkeit eingefroren scheint. Alles ist Raum und Tiefe, eine nahezu perfekte Illusion von Dreidimensionalität in der Fläche. Fotografien wie diese entführen den Blick in eine HD-Welt, die zugleich extrem künstlich wirkt und extrem real, nicht zuletzt weil unser Auge längst an das Sehen von High Definition-Bildern gewöhnt ist und uns alles andere seltsam schal und flach vorkommt – es sei denn, es ist in einer Weise real, die das Einzigartige, Unverwechselbare, Beiläufige der Dinge ins Zentrum rückt, wie Tillmans Fotografie es tut.

Dass er eine grandiose Landschaft wie "Fire Island" (2015) ohne Rahmen als nackten Print präsentiert, erzählt von einem Understatement, das Tillmans auch in technologischer Hinsicht pflegt. Die raren Digitalaufnahmen in der weitgehend analog produzierten Ausstellung sind mit einer Kamera entstanden, die keine Special Effects kennt. Für Tillmans ist diese Beschränkung eine Frage der Nähe: "Technologien finde ich immer dann interessaant, wenn sie im allgemeinen Gebrauch angekommen sind, weil sie dann das Potenzial haben, die Menschen mit einem allgemeingültigen Vokabular zu erreichen."

Zu diesem Vokabular gehört ab 2004 die abstrakte Fotografie, in der er sich mit dem Medium selbst, der Materialität und dem Entwicklungsprozess auseinandersetzt und die seit dem Ankauf einer größeren Gruppe von Werken einen Sammlungsschwerpunkt der Fondation bilden. Ikonische Arbeiten wie das gut sechs Meter breite Großformat aus der berühmten "Freischwimmer"-Serie, auf dem zarte Farbschlieren und Zufallszeichnungen von Entwicklerflüssigkeit zu nie gesehenen körperlichen Bildformen ineinanderfließen, entstanden in der Dunkelkammer. Was sie zeigen, könnte man als rauschhafte Visualisierung der chemischen und physikalischen Seele der Fotografie beschreiben.

Was: Werke von Wolfgang Tillmans

Wann: 28. Mai bis 1. Okt., tägl. 10-18, Mi bis 20 Uhr.

Wo: Fondation Beyeler, Baselstr. 77, Riehen