Wohnzellendealer

Dirk Philippi

Nach dreiwöchiger Pause ist [hübsch leben] wieder zurück auf fudder. Unser Kolumnist Dirk ist auf Wohnraumsuche und erbricht ganz aktuell ein paar Anekdoten von der Suche nach einer neuen Bleibe.



"Wo sind nur meine Eier?" Eine Frage, die sich dieser Tage viele stellen, und das nicht nur wegen des drohenden Osterfests. Wo sind sie geblieben, die Kraft spendenden, Kahn´schen Testikel meiner Männlichkeit? Wo waren sie etwa heute morgen, als mich der Immobilien-Lurch um eine halbe Stunde versetzt hat, um dann in eine Wohnung einzudringen, in der sich der aktuelle Mieter mit seiner Schnitte noch im Bett verknotete?


„Oh Herr Müller, Sie sind noch gar nicht weg?!“ „Gääääähn, ich sagte doch erst Freitag!“ „Das tut mir jetzt aber wirklich leid, da müssen wir wohl einen neuen Termin machen!“

Wider besseren Wissens habe ich mit fast höfischer Unterwürfigkeit genickt und dem neuen Besichtigungs-Date zugestimmt, während mein Mut und Verstand lautlos in die Hose rutschten. Warum, verdammt, rief ich nicht beherzt: Einspruch, Euer Ehren! Dieses Maklerding ist krank! Der Mann will eintausendundzweihundert- fünfzig Euro von mir - aber bitte, für was? Für die Unfähigkeit einen Termin zu vereinbaren, geschweige denn einzuhalten oder für diesen geschleimten Redeschwall eines Rhetorikmassakers? (Der passende Schenkelklopfer: Wissen Sie, warum das Playmate des Monats im Vergleich zu einem Makler so anregend ist? Weil man ihm beim Ausklappen nicht zuhören muss!)

Gut, ich müsste ja nicht zu einem Makler – ist auch ehrlich mein allererstes Mal. Als ich anfangs nach Freiburg kam, da waren samstags noch ganztags ab 6 Uhr alle Telefonzellen von Menschen mit Kleinanzeigenblättern in der Hand okkupiert. Ich glaube ja, dass die Vermietermafia das Handy erfunden hat, weil man sonst den ganzen Haus- und Wohnungsmüll nicht unter die Leute bekommen hätte. Nun aber hatte ich keine Zeit, Wohnungen wie gut versteckte Eier zu suchen, und mir eine Ferienwoche mit Makler-Terminen voll gestopft: 28 Wohnungen in sechs Tagen.



Gleich der Montag war Romantiker- und Märchentag: „Über den Dächern Freiburgs mit Ausblick aufs Münster und herrlichem Sonnenuntergang. Na dann. An der Eingangstüre einer „Freiburger Shopping-Mall“ (muaaahhhh) treffe ich einen Mann Mitte 40 von gepflegter Statur und Jupp-Derwall-Gedächtnislocke. „Herein ins Paradies“, grüßt er und lotst mich durch die Katakomben eines Treppenhauses, das in der Uniklinik kaum als Restmüllschacht durchgehen würde. Über Vollgummiboden erreichen wir den 4. Stock und treten ein: „Sehen Sie hier, zwei schnuckelige Zimmerchen“, singt er mir ins Ohr, was übersetzt soviel heißt wie „Hier würden ihre Hamster Platzangst bekommen“, und eine „zauberhafte Wohnküche.“ Letzteres stimmt! Die Küche ist ein Burner, ein Partytempel, die neue IN-Location der Freiburger Unterwelt. Aber wer will das schon bei sich zuhause? „Sehen Sie hier, die Sonne streichelt über den Münsterturm hinweg ihren Balkon!“ – so irgendetwas muss er gesagt haben, gehört habe ich ihn aufgrund des donnernden Lieferverkehrs auf der Straße nicht. Während er Rilke zitiert, rette ich mich ins Freie.

Besonders nett war die Maklerin aus dem Kaiserstuhl, die mich in eine „adrette Zweiraumwohnung in Innenstadtnähe“ lockte. Erstens hieß Innenstadtnähe quasi Untermieter vom Berthold-Denkmal zu sein und zweitens hatte die ebenfalls adrette Mitvierzigerin wohl eher andere Absichten als ihren indiskutablen überdachten Campingplatz zu verschachern. Schon am Eingang achte ich jedenfalls weniger auf das zugegeben ansprechende Gemäuer als viel mehr auf ihren unerhört kurzen Minirock und die Monika-Lierhaus-Lechz-Stiefel. Zudem, das, was ihre Augen machen, wenn sie mich anblicken, hätte die Freiwillige Selbstkontrolle in die dunkelsten Kellerabteile der Videotheken dieser Stadt verbannt. „So, hier hätten wir nun das Schlafzimmer – schön groß – da lässt sich doch einiges machen – viel Platz zum Spielen!“ Ihr Zwinkern, beantworte ich mit einem verlegenen Räuspern und verzettele mich in eine „Eigentlich wollte ich lieber ein größeres Wohnzimmer“-Diskussion. Spätestens als ich ihren Besichtigungsnachweis unterschreibe und sie mir mit sanftem Druck ihre geifernde Hand auf die Schulter legt, weiß ich, wo ich sicher nicht wohnen werde. Ich will, dass diese Frau definitiv NICHT weiß, wo ich lebe!



Grandios sind auch diejenigen Vermieter, die sich einen Makler nehmen, um dann doch selbst zum Termin zu erscheinen und ihr Quadratmeterbaby vorzuführen. Ja Herrgott, wofür denn dann die ganze Scheiße? Aber klar, die müssen ja nichts bezahlen, holen es sich ja von mir! - Ich schreibe wieder eine Mail an meine Freunde und bitte um neue sachdienliche Hinweise, als mir beim Surfen ein Traum begegnet. Dachstuhl, Jahrhundertwende, Sonnenbalkon, First im Wohnraum, Miete teuer, aber okay. Ich rufe an:

„Hallo, ich habe gerade ihre Annonce entdeckt und wollte fragen, ob (…)“ „Was sind sie von Beruf?“ „Nein, das wollte ich nicht fragen.“ „Bitte?“ „Also, ich bin Lehrer und sie Makler, oder?“ „Ganz recht, um was geht es denn?“ „Nun, ich interessiere mich für die Altbauwohnung in (...)“ „Morgen um 11 Uhr kommt ein Professor aus Heidelberg, um zehn vor 11 Uhr kann ich sie noch dazwischen nehmen!“ „Ähm, ja, wo ist es denn?“ „Kommen sie zu meinem Büro, die Adresse sage ich ihnen nicht. Wir möchten keine Schaulustigen auf dem Gelände!“

Ich meine, kann man sich das vorstellen? Er will seinen Mallorca-Urlaub von mir bezahlt bekommen und sagt mir nicht einmal, wo die Wohnung ist? Ich mach es kurz: Die Wohnung war wirklich der erhoffte Traum, und natürlich hat sie der Professor bekommen. Seine langbeinige studentische Freiburger Mitarbeiterin wird sich freuen. Seiner Ehefrau dagegen dürfte es gehen wir mir. Ich habe einen Hals, eigentlich schon aufgegeben und überlege mir, ob ich nicht doch lieber einen Wohnwagen an den Tunisee stelle, als das Telefon klingelt: „Der Herr Proffessor hat sich nun doch anders entschieden, also wenn sie möchten (...)“ – „Was zahlen Sie denn, wenn ich die Wohnung nehme“, frage ich ohne nachzudenken, was mir ein „Unerhört“ beschert und einen Beinahe-Hörsturz vom Aufdonnern des Hörers auf der anderen Seite.

So oder ähnlich hübsch ging das Tag um Tag. Und je mehr Wohnungen ich mir ansah, umso weniger wusste ich, was ich machen sollte. „Du musst Dich in die Wohnung verlieben“, sagte ausgerechnet meine Freundin, was bislang definitiv bei keiner der begutachteten Bleiben der Fall war. Zudem wusste ich nicht, ob sie mir vielleicht irgendetwas anderes damit sagen wollte, dass ich mich verlieben soll, und für was ich denn den verkappten BWL-Abbrechern mein Geld in den Rachen schieben sollte, war mir ebenfalls vollkommen unklar. Am ehesten noch glich es der Begriffsdefinition von Arbeit, wenn die stets überaus gut gekleideten Angestellten einer Maklerfirma eine Gruppenbesichtigung organisierten. Das war dann irgendwie so wie im Laufhaus auf St.Pauli: „Hier die Jessica, Baujahr 1960, 360-210-480, rundum renoviert!“ – Die Meute: „Oh ja, ho ho, ganz nett!“ dann ziehen Papa, Mama, Kind, Single, Paar, Student und Punk weiter und schießen Fragen durch den Alpinweiß-Duft. „Und hier die Romana, mit neuen Fließen. Da müssen sie nicht mehr so häufig putzen!“ Ja hallo? Warum sagt er nicht gleich: „Du Schwein, für Dich haben wir Kacheln rein gezogen, staubsaugen, tust DU ja eh nicht!“?



Ich habe schon gehört, dass es wirklich nette und fähige Wohnzellendealer geben soll, die einen harten Job machen, nur ist mir leider kein einziger unter die Augen getreten. Es gibt tatsächlich noch Dienstleistungsbranchen, in denen Freundlichkeit, Service und Gewinnung von Neukunden nicht notwendig sind, um ordentlichen Reibach zu machen. Vielleicht aber liegt es ja auch daran, dass sich mit so einem kleinen Mietwohnungsfischli wie mir nichts verdienen lässt. Wobei?

Vor einer umgebauten Garage im Stühlinger kam einer mit einem silbernen SLK angebrettert und als er mir die Hand gab, zuckte seine Peter-Maffay-Warze, und man sah genau, dass er schon überlegte, was er mit meinen 1500 Euro so alles anstellen will. Schönen Gruß noch mal an dieser Stelle an ihn und: Nein, das waren nicht meine Füße, die stanken, sondern der Teppich im Bad!

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