Wohnen unter der Leo-Wohleb-Brücke

David Weigend

An der Dreisam campieren seit mehreren Monaten fünf Obdachlose: Basti (30, aus Emmendingen, Foto), zwei Andis, Ossi und Bea. Es ist eine kalte Platte. Wir haben uns ein wenig dazugesetzt. Einige Eindrücke zwischen Weizenkorn, Hundefürzen und Penntüten.



Konversation

Basti und Bea unterhalten sich über den Vorzug, nachts den Hund in den Schlafsack zu nehmen.

Basti: Der Mezcal (so heißt der Hund), der isch mei Ideal-Standard-Heizung in der Penntüte.

Bea: Mmhhm, da hasch au n gutes Kopfkisse.

Basti: Nur ab und zu furzt er.

Bea: Ojojojoj.

Basti: Ab und zu dreht er sich um. Du bisch am Penne. Dann häsch de Arsch im Gsicht. Und auf einmal machts so schön "Pfffft." Dann kotzesch erschtmal in die Botanik.

Bea: Ha ja, aber mein Alder war au net besser.

Basti: Steckt der dir auch ab und zu den Arsch ins Gsicht und furzt rein, dei Alter? Hehehe...

Bea: Hör mir ja auf, ja. Dir hätt er au schon, wo wir an der Wonnhalde ware. Da hasch au e gute Gschmack ghabt.

Basti: Was? De Andi hat mir noch nie ins Gsicht gschisse.

Bea: Doch, obbe an der Wonnhalde, an der kleine Hüdde.

Im Hintergrund Gewimmer von der Verprügelten, die seit gestern Nacht Asyl im Matratzenlager bekommen hat: Mach mir des mal auf, bidde.

Bea: Ja, was willschn jetzt? Korn oder Müllermilch?



Platte seit fünf Jahren

Bastis Lache ist so dreckig wie der Beton, auf dem er pennt. Lange Zeit hat er an der Pflasterstube Platte gemacht. Herrenstraße 6. Am 24. März 2006 wurde dort sein Bruder totgetreten. Von seinesgleichen.

Seitdem ist Basti weg von der Herrenstraße. Er bezieht ALG II und sagt, die meisten seiner Kollegen seien alkohol- und drogenabhängig, polytox. Im Hintergrund rülpst jemand. "Die meisten sehen uns an wie Dreck unterm Fingernagel."



Pingpong

Überall rauscht es: Die Dreisam, der Verkehr oben auf der Brücke, der Korn in Bastis Kopf. Es ist seine zweite Flasche heute. Nachmittags um Vier. Gerade hat er mit Bea Pingpong gespielt, als sie wach wurde. Nicht Tischtennis. Ein Schluck Korn, ein Schluck Fanta, immer abwechselnd.

Bastis Leben, das ist ein "Rum un Num", wie er sagt. Er macht irgendwo Platte, bis er wieder vertrieben wird: "Im Sommer waren wir im Sechsmannzelt auf Paletten. An der Wonnhalde. Zwischen Brombeersträuchern und Brennesseln. Die feine Promenade, die da gewohnt hat, hats aufgeregt, dass da mitten in der Pampa ein Zelt steht. Der Förster hat uns dann weggeschickt."



Am Ofen

Es ist nicht so einfach, sich mit Basti in Ruhe zu unterhalten. Ständig ist irgendwas. Immer quatscht einer rein. Wo ist das Messer? Wo ist der Ossi? Was willsch? Dann sagt Basti: "Schrei doch net so rum. Hasch e Organ für Zehn, echt hier." Ossi ist am Ofen. Also am Warmluftgebläse am Karstadt. Am Seitenausgang. "Da hocke wir als im Winter."

Ansonsten halt die Pflasterstube von sieben bis um zwölf, die Wartburg im Stühlinger, von acht bis elf. Da kann man frühstücken und sich waschen. Wenn man mal Geld hat, geht man in den Walfisch, ins Atlantik, ins My Way oder ins Crash.



Scheißkläfferei

Unter der Leo, das sei ein Kultort, sagt Basti. Oben die Tankstelle, 24 Stunden geöffnet. Da gehts angeblich wild zu am Wochenende. "Es wird manchmal randaliert, da fliegen schon mal Flaschen runter von der Brücke oder sonst was." Basti und die anderen werden momentan noch geduldet. Aber eine 52-jährige Anwohnerin will sie weghaben.

"Die Frigatte. Wegen der scheißen wir jetzt unsere Hunde zusammen, wenn sie nachts bellen. Normal machen wir das net."



Sozial oder asozial?

Es ist ein Kommen und Gehen hier unten. Seit gestern schläft neben Basti eine übel zugerichtete Frau. "Sie isch zammeprügelt worde von ihrem Freund. Eigentlich hat sie ne eigene Wohnung. Ich bin mit ihrem Sohn zur Schule gegangen. Und hab auch schon bei ihr gepennt. Da kann man net einfach so wegschauen. Man muss sich ja untereinander e weng helfen. Des wär ja sonst asozial."

Die Frau mit dem blaugeschlagenen Auge setzt den Korn an den Mund und trinkt, als wärs Sprudel. "Net so schnell. Du verschüttsch doch wieder alles", ruft Bea.



Der Po von der Ex

Für zwei Nächte waren auch Bastis Ex-Verlobte ("ihr Arsch isch kleiner gworde") und ihr neuer Freund Sanni zu Gast im Matratzenlager. Die beiden sind auf der Durchreise und wollen weiter marschieren, Richtung Tuttlingen. Und, Basti, wie ist der Neue von deiner Ex? "Hm, macht eigentlich nen guten Eindruck", sagt Basti und pickt sich einen Tabakfaden von der Zunge. "Aber das kann man schlecht sagen, nach zwei Tagen."