"Wohnen für Hilfe": Zwei Studierende aus Freiburg erzählen von ihren ungewöhnlichen WGs

Leonie Sayer

Das Programm "Wohnen für Hilfe" des Studierendenwerks vermittelt WGs zwischen Studierenden und Senioren und Familien, die Hilfe im Alltag brauchen. Wie lebt’s sich damit? Peter und Matteo haben es fudder erzählt.

Peter Popow und seine Mitbewohnerin Helene trennen 64 Jahre Altersunterschied. Seine Mitbewohnerin und zugleich Vermieterin ist 88 Jahre alt und in vielen Teilen ihres Alltags auf Peters Hilfe angewiesen. Durch das Zusammenleben hat Peter einiges dazugelernt: "Durch Helene habe ich mehr Respekt vor Älteren und ein größeres Verständnis für ihre Bedürfnisse gelernt".


Mehr als nur eine superbillige WG

Die WG von Helene und Peters ist Teil von "Wohnen für Hilfe", einem Projekt des Studierendenwerks. "Wohnen für Hilfe" bringt wohnungssuchende Studierende und Vermieter zusammen, die Unterstützung im Alltag brauchen.

Als für Peter Mitte vergangenen Jahres feststand, dass er einen Master in Freiburg machen würde, fing die Wohnungssuche an. Schnell wurde ihm klar, dass das schwierig werden würde – dann stieß er auf das "Wohnen für Hilfe"-Programm und bewarb sich. Das Studierendenwerk brachte Helene und Peter zusammen und nach einem gemütlichen Kennenlernen in Helenes Garten in Haslach war beiden klar, dass der zwischenmenschliche Aspekt stimmt. Innerhalb von ein paar Wochen zog Peter ein.

In Helenes Haus hat Peter das gesamte Obergeschoss für sich allein; dafür zahlt er 50 Euro Nebenkosten im Monat. Um sich für diese günstige Wohnsituation zu revanchieren, leistet er Arbeiten im Alltag und im Haus, in der Regel sieben bis acht Stunden die Woche. "Von Gartenarbeit und einkaufen über gemeinsames spazieren bis hin zu einer Glühbirne auswechseln, ist alles dabei," sagt er.

Peter und Helene verbindet jedoch mehr, als nur eine vertragliche Beziehung. Sie machen oft Ausflüge oder reden einfach nur. Das Verhältnis zwischen ihnen ist sehr eng "Meiner Oma dürfte ich nicht erzählen, wie viel intensive Zeit ich mit meiner Vermieterin verbringe," sagt Peter. "Da wäre sie sicher eifersüchtig." Seine Wohnsituation bewertet er sehr positiv: "Wenn man selbst einen hektischen Alltag hat, dann tut einem der Umgang mit Älteren gut zum runterkommen."

Auch Matteo Scletti nimmt an "Wohnen für Hilfe" teil. Der 23-jährige Erasmusstudent aus Italien wohnt mit Katharina und ihrem Sohn in einer Wohnung in der Oberau. Anders als Peter hat Matteo sich für die Wohngemeinschaft mit einer Ein-Eltern-Familie und nicht mit einem Rentner entschieden. "Ich finde unsere WG ist gar nicht so anders als jede andere", sagt er. "Die Hilfe im Alltag gehört zu jedem WG- Leben dazu, ich bringe mich nur intensiver in das Leben meiner Mitbewohner ein."

Ausländischen Studierenden verschafft "Wohnen für Hilfe" auch Einblick in deutschen Alltag

Matteo studiert Medizin und war sich nicht sicher, ob das Studium ihm Zeit für die Hilfeleistung in der Familie lassen würde – wöchentlich zehn Stunden sind das bei Katharina. Im gemeinsamen Alltag stellte sich das dann allerdings als überhaupt nicht problematisch heraus. Matteo holt Katharinas Sohn von der Schule ab, kocht mit ihm, spielt oder gestaltet den Alltag. Hin und wieder kommen Haushaltsarbeiten hinzu. "Ich habe dabei nicht das Gefühl viel zu arbeiten". sagt er. "Ich fühle mich als Teil einer Gemeinschaft, die ihren Alltag gemeinsam gestaltet."

Katharina und Matteo planen gemeinsam die Arbeitswoche, damit Matteo genau weiß, wann seine Hilfe benötigt wird und er sich darauf einstellen kann. "Ich glaube ’Wohnen für Hilfe’ würde nicht mit Familien oder Senioren funktionieren, die nicht verstehen, dass man noch ein soziales Leben hat", sagt er. Auch Matteos Miete ist beneidenswert niedrig: 70 Euro im Monat.

Ohne gegenseitige Rücksichtnahme funktioniert’s nicht

Wie in eigentlich jeder WG gibt es auch bei Peter und Helene ab und an Unstimmigkeiten. So wäre es Helene etwa oft lieber, dass Peter die Nächte im Haus schläft, da sie die Angst vor Einbrechern plagt. Dann ist Kommunikation gefragt. "Wir bringen gegenseitiges Verständnis füreinander auf", sagt Peter. "Das ist auch etwas, dass man lernt: Auf den Anderen zuzugehen, und Kompromisse zu finden."

Peter will das Projekt Studierenden ans Herz legen. "Es darf aber nicht nur aus Kostengründen sein", sagt er. "Ohne soziale Ader und Empathie klappt es nicht." Matteo findet, dass er durch seine ungewöhnliche WG viele einzigartige Erfahrungen gemacht hat, wie zum Beispiel ein Familienfest. Gerade für Erasmusstudenten sei das toll: "So erlebt man Kultur und Alltag aus einem anderen Blickwinkel."
  • "Wohnen für Hilfe" ist ein Projekt des Studierendenwerks, das Zimmer suchende Studierende und Vermieter, die Unterstützung im Haushalt suchen, in Wohnpartnerschaften vermittelt. Das Projekt gibt es in Freiburg seit 2002 und bundesweit mittlerweile in 24 Städten.
  • Wie funktioniert das?
    Vermieter mit "Hilfebedarf" bieten Wohnraum an Studierende an, die bereit sind, die Vermieter mit kleineren Hilfeleistungen zu unterstützen. Die Hilfeleistungen sollen nur dazu dienen, die Miete zu reduzieren, nicht um diese völlig zu erstatten.Der zeitliche Umfang ist unterschiedlich, in den meisten Fällen beträgt er zwischen 10 und 40 Stunden im Monat. Aktuell gibt es rund 150 "Wohnen für Hilfe"-Wohnpartnerschaften in Freiburg; an rund der Hälfte sind Studierende aus dem Ausland beteiligt.
  • Wie kann man mitmachen?

    Interessenten füllen einen Bewerberbogenaus und geben ihn beim Studierendenwerk ab. Dann werden sie in eine Datei aufgenommen. Besonders gut stehen die Chancen für eine Vermittlung mitten im Semester. Studierende suchen nämlich meist zu Semesterbeginn, Hilfesuchende aber rund ums Jahr.
  • Studierendenwerk Freiburg

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