Woher die Einschusslöcher in der Fassade des KG I kommen

Joshua Kocher

An vielen Stellen in der Freiburger Uni sind noch heute Spuren der beiden Weltkriege zu entdecken. Wann und wie sind sie entstanden? Ein Rundgang mit dem Freiburger Historiker Heinrich Schwendemann.

Knapp zehn Jahre nachdem das erste motorisierte Flugzeug der Welt in die Luft stieg, wurde am 6. August 1914 der erste feindliche Flieger über Freiburg gesichtet. Es war ein französisches Aufklärungsflugzeug, welches die grenznahe Stadt wenige Wochen nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs erst mal nur ausspionierte. Es sollte jedoch nicht lange dauern bis die Flugzeuge auch zu Angriffszwecken genutzt wurden.


Luftangriffe im Ersten Weltkrieg kosteten 31 Freiburger das Leben

Auf keine andere Stadt im Deutschen Reich wurden im Ersten Weltkrieg mehr Angriffe geflogen – in erster Linie wegen der Grenznähe. Alleine die Franzosen flogen 25 Mal über die Grenze und warfen Bomben ab. Der schwerste Angriff fand im April 1917 statt. Die Uni überstand die Angriffe weitgehend unbeschadet – bis auf eine Stelle.

Studierende, die heute durch das Eingangsportal des 1911 eingeweihten KG I laufen, bekommen die Spuren eines Flugzeugangriffs noch immer zu sehen. "Die Einschusslöcher an der Außenfassade stammen vom Bord-Maschinengewehr eines französischen Fliegers" erklärt Heinrich Schwendemann, Historiker am Historischen Seminar der Uni Freiburg. Doch warum feuerte ein Flieger auf das markante Unigebäude? "Zu Zeiten des Ersten Weltkriegs war hier eine militärische Kommandozentrale eingerichtet", so Schwendemann.

Die Luftangriffe des Ersten Weltkriegs kosteten 31 Freiburgern das Leben. Viele mehr starben jedoch an der Front – nicht wenige von ihnen waren Mitarbeiter der Albert-Ludwigs-Universität. Ihnen ist eine Gedenktafel im ersten Stock des KG I vor dem Hörsaal 1199 neben der Bismarck-Büste gewidmet. Problematisch am Denkmal ist laut Schwendemann unter anderem die Inschrift: "Im Kriege von 1914 – 1918 kämpften und starben für die Rettung des Reiches...". "Das klingt stark nach Verteidigungskrieg, der es ja bekanntlich so nicht war."

Inschrift aus der NS-Zeit ist noch heute lesbar

Auf der Wiese zwischen Gewerbekanal und dem KG I trauert zudem die "Alma Mater" um die Gefallenen des Ersten – und später auch des Zweiten Weltkriegs. Wer den Blick über die graue Statue erhebt, der ist mitten in der NS-Zeit angekommen. Hoch oben an der Außenwand des Gebäudes ist Hieronymus, der Schutzpatron der Freiburger Uni, zu sehen. Darüber, knapp unter dem Dach, ist eine mysteriöse Leerstelle. Man sieht, dass hier ursprünglich etwas hing, aber abgerissen wurde. "Hier hing zu Nazizeiten der Reichsadler und das Hakenkreuz", sagt Schwendemann. "Der Halbkreis des Eichelkranzes darunter ist noch sichtbar."

Auch die Inschrift "Dem ewigen Deutschtum" über dem Eingangsportal des Gebäudes stammt aus der Nazizeit. Sie wurde erst knapp 30 Jahre nach Errichtung des Gebäudes hinzugefügt, nachdem es nach einem Brand wiederaufgebaut werden musste: am 10. Juli 1934 brach im KG I ein großes Feuer aus. Die Inschrift war ursprünglich noch besser sichtbar, da sie golden ausgemalt war. "Die Franzosen ließen das nach Kriegsende aber auskratzen", sagt Schwendemann.

Eine merkwürdige Leerstelle erkennen aufmerksame Beobachter auch gegenüber der Gedenktafel vor dem Hörsaal 1199. An einem Pfeiler sieht man noch den Kitt an der Stelle, wo in der Nazizeit eine Relieftafel mit dem Bild des aus Schönau stammenden ehemaligen Freiburger Studenten Albert Leo Schlageter hing. Er, Mitglied eines Freikorps, wurde 1923 nach Anschlägen auf die Franzosen standrechtlich erschossen. "Die NS-Propaganda machte aus ihm einen Märtyrer, den ersten Soldaten des Dritten Reiches", sagt Schwendemann. "Die französischen Besatzer haben das Bild nach 1945 dann abgehängt."

Die Bombennacht hinterließ auch an der Uni ihre Schäden

Den sichtbarsten Schaden hat jedoch auch an der Uni die "Operation Tigerfish" in der Bombennacht am 27. November 1944 hinterlassen. 292 britische Lancaster-Maschinen und 59 Mosquito-Bomber flogen einen Luftangriff auf Freiburg. 2797 Menschen starben, 9600 wurden verletzt, 11.000 waren nach dem Angriff obdachlos. Wie fast die gesamte Freiburger Innenstadt wurden dabei alle Universitätsgebäude stark beschädigt oder zerstört. "In das KG I, das KG IV, die Alte Universität, den Peterhof – überall schlugen Bomben ein", berichtet Schwendemann. Dabei befand sich das KG I am Rande der Einschlagschneise der Bomben.



Am sichtbarsten ist der Schaden sicher am KG IV. Wer mittags in der Mensaschlange ansteht, hat sich vielleicht einmal gefragt, warum im oberen Teil des Gebäudes, das lange als Uni-Bibliothek diente, ein moderner, silbriger Aufbau steht. "Mittig ins KG IV schlug eine Bombe ein", sagt Schwendemann. Der Aufbau wurde nach Kriegsende draufgesetzt.

Wer dann nach dem Mensa-Mittagessen auf einen Kaffee ins Café Europa im Innenhof der Uni geht, der entdeckt in der Außenwand des KG I noch einige Löcher. "Sie stammen wahrscheinlich von Bombensplittern", so Schwendemann.

Mitten ins KG I traf auch eine weitere Bombe, sie verwüstete die Aula. Eine Fotografie zeigt die Aula nach dem Bombenangriff. Überall liegen Deckentrümmer rum, nur die Hitler-Stele am Ende des Saales steht noch. Es ist eines der "Lieblingsbilder" von Heinrich Schwendemann. Warum? "Hitler betrachtet das Chaos, das er angerichtet hat"
Heinrich Schwendemann, 62 Jahre, ist ein Freiburger Historiker mit einem Forschungsschwerpunkt auf der Zeit des Nationalsozialismus. Er ist Akademischer Oberrat am Historischen Seminar und als Studienberater im Fach Geschichte tätig.

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