Wo wir waren, als Deutschland Weltmeister wurde

fudder-Redaktion

Sonntag, 13. Juli 2014, 23:24 Uhr. Ein historischer Moment: Der vierte Sieg der deutschen Nationalmannschaft bei einer Weltmeisterschaft. Der vierte Stern. Wo wir waren, als Jogi und seine Jungs Geschichte schrieben:

 



In Haslach mit Puls 280

Maria-Xenia Hardt

Als Schweinsteiger in der 110. Minute wieder aufs Spielfeld gelaufen kam, die Schlagwunde getackert, mit einem Blick, der Vlaars Elfmeter noch über die Linie gedrückt hätte, da war ich mir  sicher, dass wir Weltmeister werden. "Wenn nicht jetzt, wann dann?", dachte ich, auf einer Terrasse irgendwo in Haslach sitzend, im Trikot von 2006, es kam mit vor, als nähmen wir seitdem unentwegt Anlauf auf den Titel.

Mein Puls hatte sich seit Minute 87 bei 280 eingependelt; gut, dass zwei meiner Freunde kürzlich noch ihren Erste-Hilfe-Kurs auffrischen mussten. Dann Götze. Haslach feuert alles, was von Silvester noch übrig ist, und alles, was in semi-legalen Eilsendungen von irgendwo noch rechtzeitig ankam.

Irgendwann pfeift der Schiedsrichter ab, und wir sind Weltmeister, Weltmeister, tatsächlich Weltmeister, und Per Mertesacker führt den leicht angedätschten Christoph Kramer wie ein Blindenhund durch Stadionrund, und Poldi und Schweini geben sich ein Küsschen, und Jogis Frisur ist für einen kurzen Moment ein bisschen verwuschelt, und Haslach hupt, feuert, dazwischen Vuvuzelas, und irgendwo mittendrin wir und unsere Glückseligkeit.



Im ICE 1173

Manuel Lorenz

Deutschland steht im WM-Finale, und ich sitze im ICE 377 von Berlin nach Freiburg. Erklärt mich für geisteskrank, nennt mich Vaterlandsverräter, aber ich schwöre bei der Wade des Khedira: Es ließ sich in keiner Weise umgehen.

Seit 16:32 Uhr habe ich Zeit, darüber nachzudenken, wie ich das Spiel doch irgendwie mitkriegen kann, finde heraus, dass selbst in der 1. Klasse kein Fernseher steht - und, dass das Zug-WLAN nicht funktioniert. Liveticker auf dem iPhone? Leider Fehlanzeige. Nicht in den EDGE-Landschaften zwischen Taunus und Breisgau.

Plötzlich: ein Geistesblitz Thomas-Müllerscher Helligkeit. Warum nicht um 20:50 Uhr in Frankfurt aussteigen, in einer Bahnhofskaschemme die erste Halbzeit schauen und um 22:06 Uhr mit dem letzten Zug weiterfahren? Gedacht, getan, bei Karim ein Bier bestellt, mit einem Eintracht-Frankfurt-Opa (“Ei, so gewinne mer ned!”) und seiner Frau (“Wer spielt noch mal? Isch hab’s vergesse!”) die ersten 45 Minuten geschaut, gezahlt, zum Gleis 6 gerannt.

Im ICE 1173 ein Glücksmoment: Das WLAN geht! Zumindest ansatzweise! Die zweite Hälfte der zweiten Halbzeit also per Radio-Livestream des WDR. Fußballhören wie damals! Sich abwechselnde, überschlagende Reporter! Müller. Schürrle. Schürrle! Nein. Messi. Messi. Messi! Uff. Dann: Verlängerung und Karlsruhe. Also umsteigen in den ICE 605. Und auch dort geht das Internet.

Ottersweier, Sasbach, Renchen, Tor. Tor! Tooor! Götzeeee! Tooooor! Der Radioreporter ist aus dem Häuschen, vereinzelnde Zugreisende applaudieren zaghaft, die Zugführerin macht eine Durchsage: “Meine Damen und Herren, Mario Götze hat soeben das 1:0 für Deutschland erzielt!” Entgleister Jubel der ICE-Belegschaft. Dann noch mal Messi, dann endlich Schluss.

00:20 Uhr am Hauptbahnhof Freiburg: nie gesehener Fanmeilen-Schlandwahn. Der Schienenersatzverkehr ist quasi blockiert; ich ziehe meinen Koffer durch die schwarz-rot-goldene Masse. “Doitschlaaand, Doitschlaaand, Doitschlaaand, Doitschlaaand!” Zuhause schalte ich den Fernseher an und schenke mir ein Glas Rotwein ein. Bilder, Stimmen, Analysen. Ich freu’ mich: Ich bin Weltmeister geworden. Nach 1990 schon das zweite Mal.



In Jogis Wohnzimmer

Miriam Helbig

"Unsere Botschaft: Jogi, viel Spaß und Leidenschaft auf dem Weg nach Rio!“ – unter der größten Deutschland-Fahne der Stadt drücken hunderte Fans dem Team die Daumen.

Während vor der „Kölner Botschaft“ hunderte von Fans mit Tröten, Rasseln und Bass-Drums bewaffnet jede Aktion der Jogi-Truppe frenetisch bejubeln, geht es drin etwas elitärer zu. Für den etwas happigen Obolus von 20 Euro zittere ich, umgeben von meinen Arbeitskollegen und abgeschottet vom Nieselregen, 113 Minuten bis zum „Götze sei Dank“-Tor. Mehrere Kölsch-Kränze werden gegen die Nervosität geleert, ein Fan mit großer Deutschland-Fahne wedelt Frischluft in meinen Nacken und auf der Eschholzstraße versucht später ein einsamer Polizist vergeblich, das Autokorsochaos in den Griff zu bekommen."

Mit Chips, Salzstangen, Erdnüssen

Bernhard Amelung

Ich esse Chips, Salzstangen, Erdnüsse im Teigmantel, mal mit Chili, mal mit Wasabi gewürzt. Ich trinke Bier, Radler, Weinschorle, irgendwelche Mischgetränke. Ich tue alles, um meine Anspannung abzubauen. Deutschland gegen Argentinien, WM-Finale, das halte ich nicht aus, das macht mich fertig. Die Argentinier stehen hinten drin, fest, massiv, wie das kordillerische Hochgebirge. Wie will die deutsche Nationalmannschaft da durchkommen?!

Die WM 2014 hat mich Jahre meiner Lebenserwartung gekostet. Ich habe mit der Schweiz, Costa Rica, Chile, der niederländischen Elftal, eigentlich mit allen gefiebert, auch mit Argentinien. Lange Zeit war mir egal, wer Weltmeister wird. Jetzt aber soll’s die DFB-Auswahl richten, Weltmeister werden, wie damals 1990, der ersten WM, die ich geschaut habe.

Erste Halbzeit, zweite Halbzeit, erste Halbzeit der Verlängerung. Kein Tor. Das wird schwer, denke ich. Zweite Halbzeit der Verlängerung. Irgendwie kommt der Ball zu Schürrle. Er tritt an, sieht Götze, flankt ihm den Ball zu. Götze nimmt ihn mit der Brust an, zielt, trifft. Tor. Deutschland führt. Die letzten Minuten brechen an. Ich gehe aus dem Zimmer. Im Haus herrscht Totenstille. Dann der Schlusspfiff. Deutschland ist Weltmeister. Ich atme auf, die Anspannung fällt ab. Ich öffne noch ein Bier. Alles ist gut.

Hinter der Theke beim Public Viewing, irgendwo im Markgräfler Land

Tamara Keller

“Zwei mal Pommes bitte!” Der Geräuschpegel am Essensstand ist so laut, dass ich die Bestellung lauthals hinter meinen Rücken schreie. Ich werde morgen wohl keine Stimme mehr haben. Allerdings nicht, weil ich Feiergesänge oder ähnliches die ganze Nacht von mir gebe. Nein, mich hat das glückliche Los ereilt, beim Public Viewing arbeiten zu müssen.

Den Bildschirm sehe ich nur durch querstehende Holzlatten. Ein Kunde macht sich darüber lustig, was wir denn für eine Bildschirmstörung da haben. Ich lach mich tot. Wahrscheinlich kann sogar Hoeneß hinter Gittern besser Fußball schauen als ich. Ich möchte gerade die Bestellung einer Frau entgegen nehmen, da höre ich das bekannte Atemstocken der Menge wenn sich eine mögliche Chance nähert. Und dann jubelt meine Kollegin: “GOMEZ!”

Ich weiß, dass das nicht stimmen kann.

Durch die Holzlatten erkenne ich wer wirklich unser Held ist: “Nein GÖTZE! WIR SIND GÖTZE!”, denke ich. Dann fallen wir uns in die Arme.



Im 11Freunde WM-Quartier

Fabian Fechner

Der Zeitplan war eng. Samstagabend noch auf einem Geburtstag, in Süddeutschland, Sonntag in Berlin zum Finale? Samstagmorgen um 11 Uhr hatten wir noch keine Entscheidung. „Komm schon, das kommt so nicht wieder, sowas macht man nur einmal im Leben.“

Was folgt ist die schlimmste Zugfahrt meines Lebens. Ich bin unglaublich angespannt. Würden wir rechtzeitig ankommen? Würde das Wetter halten? Konnten meine Freunde uns Plätze sichern? Dann die erlösende SMS. „Wir haben zwei Plätze!“

Von da an läuft der Abend reibungslos. Die zwei Stunden Dauerregen vor Anpfiff überstehen wir problemfrei. Die Sicht ist perfekt, die Stimmung grandios. Nur die Anspannung ist noch schlimmer als im Zug. Bis zur 113. Minute. Dann beim Abpfiff, Feuerwerk, „Ein Hoch auf uns“ aus 1.000 Kehlen. Ich bin körperlich und emotional vollkommen am Ende.  

Im Pow Wow

Sarah Wenzel

Grillduft zieht durch den Grünhof und stellt mich vor einen grausamen inneren Konflikt: Kann ich es wagen, aufzustehen und meinen hart erkämpften Platz zu verlieren, um noch ein Stück brutzelndes Fleisch zu ergattern? Die Versuchung ist groß, denn im Spiel tut sich nichts. Trotzdem hängt die Spannung genauso greifbar in der Luft wie das aufziehende Gewitter. Von hinten fallen französische Fans ein, komplett ausgestattet mit Müllertrikot, blonder Perücke und schwarz-rot-goldener Blumenkette.
Vorne gibt es Stress, weil eine Gruppe entscheidet, einen Freund suchen zu gehen, 3. Reihe, 85. Minute. Schlechte Idee, es hagelt böse Blicke. Längst ist das Essen alle, als Götze uns erlöst: Alles springt auf, tanzt zwischen Bänken und Stühlen, fällt sich um den Hals. Draußen explodieren die ersten Böller.



Vor dem Second Screen in Weingarten

Carolin Buchheim

Downtown Weingarten, hier wohnt Freund R. Vor den großen Fenstern seiner Wohnung Hawei-Idyll: viel Grün und Hochhäuser. Vor seinem großen Fernseher auf dem großen Sofa sitzen wir heute zu Fünft, das Essen vor dem Anpfiff war hervorragend, seitdem werden badischer Wein und brasilianische Limo getrunken, ab der Halbzeit für den Kreislauf der ein oder andere Schnaps.Freund T. trägt Trikot und hat vor dem Fernseher einen Schal ausgebreitet. R. zappelt rum. A. hat ihr Handy in der Hand und schmiegt sich an R. Ich habe mein iPad auf den Knien.

Ich ertrage Fußballspiele besser, wenn ich parallel Twitter lese und dank @einaugenschmaus (#ableseservice) weiß, was Jogi und Spieler auf dem Feld sagen und ich in der Twitter-Filterbubble meine Abneigung von Tom Bartels Kommentar bestätigt bekomme. Zur Halbzeitpause werden draußen vor dem Fenster zur Entspannung Böller geschossen, Ich fave mich stattdessen durch meine Timeline. Zweite Halbzeit. Dann Verlängerung. Nichtendenwollender Herzkasper. Irgendwann, so um Minute 100 rum, da kann ich auch kein Twitter mehr lesen, dieses Spiel macht mich zu fertig, da muß doch noch was gehen! Ich schließe die Twitter-App, öffne den Browser, da ist ein Tab mit discogs.com auf. Huch!

Zehn Minuten später - immer schön mit halbem Blick auf dem Fernseher - habe ich drei Platten gekauft, die ich schon seit Jahren haben wollte, Sammlungsvervollständigung, Entspannungsshopping, Ablenkung. Aber ich fühle mich ein bisschen besser.

Und dann, wie in Zeitlupe, der Wahnsinnsspielzug, Schürrles Vorbereitung, Götzes linker Fuß.  Drin isser. Hammer. High Fives im Wohnzimmer. Vor dem Fenster wieder Böller. Und dann die längsten zehn Minuten der Fußballgeschichte. "Abpfeifen!" pöbelt R. den Fernseher an. Und dann der Pfiff, tatsächlich Weltmeister, was für eine Freude. Ich bastel T. aus Alufolie einen vierten Stern für sein Trikot. Später hat unser Ginter das goldene Ding in der Hand und küsst es, Jogi lächelt, in Weingarten wird geknallert und gehubt, auf Twitter freut man sich über den biestigen Guardian-Ticker und bejammert die hässlichen Sternchen-Shirts.

Heute morgen waren drei Discogs-Rechnungen in meiner Inbox, in ein paar Tagen kommen meine Platten.

Im WM-Areal Waldkirch

Marius Notter

WM-Finale. Deutschland gegen Argentinien. Ich habe mich selten so wenig auf ein WM-Finale vorbereitet gefühlt wie dieses mal. Mein Trikot: in der Wäsche. Mein Bierdurst: mittel. Das Public Viewing im WM-Areal Waldkirch: voll.

Ich bin kein Fan von Massen-Fernsehabend auf Bierbänken, aber heute ist jede Kneipe schon ab 16Uhr brechend voll und ich befinde mich in Waldkirch. Mit sechs Regenschirmen ausgestattet stehen meine Begleitungen und ich an einem Stehtisch. Mein Kumpel und ich müssen unsere erschöpften Beine immer wieder dehnen, denn am Wochenende haben wir ein Festival organisiert - und waren deshalb seit Donnerstag ununterbrochen auf den Beinen.

Ich bin unterdessen extrem skeptisch: die letzte WM-Schmach gegen Italien sitzt mir bis zum heutigen Tag in den Knochen. Ich habe  noch nie erlebt, dass Deutschland Weltmeister wird. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass diese Mannschaft es nun richten soll, richtne wird.

Aber nach zehn Minuten Spiel steigt Euphorie in mir auf. Deutschland kämpft sich an der Defensive der Argentinier ab, und sie geben nicht auf. Im WMAreal steigt die Stimmung.

102 Minuten später: Götze! Tor! 500 Menschen springen auf Tische, Bänke, mir fliegt Bier um die Ohren, ein Kerl neben mir klappt mit einer einzigen Bewegung einen kompletten Stehtisch auseinander. Vor der Leinwand steht ein Kerl der auf seiner  Riesentrommel rumklopft und -Oberkörper frei versteht sich - im prasselnden Regen "SO SEHEN SIEGER AUS!" brüllt.

Als der Schiri abpfeift werde ich ganz ruhig und bin überwältigt. Fußball-Hate hin oder her, das ist etwas Besonderes. Wir stehen zu viert in einer Reihe und halten uns in den Armen. Deutschland ist Weltmeister!



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  [Bilder: von den Autorinnen und Autoren; WM-Foto: dpa]