Wo warst du am 11. September?

fudder-Redaktion

Das ist eine Frage, die jeder beantworten kann - obwohl der Tag des Grauens schon fünf Jahre her ist. Wir haben uns von Menschen aus Freiburg erzählen lassen, wie sie den Anschlag aufs World Trade Center erlebt haben und sie damals mit der Situation umgingen. Es ist erstaunlich, wie detailgenau viele der Interviewten ihren damaligen Tagesablauf noch heute schildern können:



Joachim Schillinger (15), Schüler an der Staudinger Gesamtschule:

Ich war damals in der dritten Klasse und zehn Jahre alt. Nach der Schule bin ich zu einem Freund gegangen. Wir haben zuerst Computer gespielt und sind dann rausgegangen. Als wir wiederkamen, saß der Vater von meinem Freund so ein bißchen komisch vor dem Fernseher. Der hat da reingestarrt und konnte uns nicht so recht erklären, was passiert ist. Wir haben nur Bilder von Flugzeugen gesehen und nichts kapiert. Der Vater hat den Fernseher dann auch schnell ausgemacht. Deshalb sind wir wieder Computerspielen gegangen, "Age of Empire". Was eigentlich los war, habe ich erst am nächsten Morgen verstanden, als ich die Zeitung gelesen habe. Meine Eltern hatten mir nichts erzählt, weil sie mich schützen wollten. Sie dachten, es sei schlecht für mich und ich würde schlecht schlafen, wenn sie mir alles gleich erzählen würden. Das finde ich im Nachhinein auch okay. Als ich es dann am nächsten Tag, einem Mittwoch, in der Zeitung las, konnte ich es nicht fassen. In der Schule haben wir uns natürlich gleich darüber ausgetauscht. Wir haben es alle ein wenig heruntergespielt, unter dem Motto: "Das ist für uns doch jetzt nicht so schlimm."


Günther Götz (32), Angestellter im öffentlichen Dienst:

Ich habe damals im Kassenamt der Stadt Freiburg gearbeitet. Meine Freundin hat mich angerufen, das war mittags gegen 2. "Schalt mal die Nachrichten ein. Da ist ein Unglück passiert." Dann meinte sie, dass es einen großen Krieg geben werde. Ich habe weitergearbeitet bis um fünf und bin dann nach Hause. Meine Eltern saßen schon vor dem Fernseher. Wir haben den ganzen Abend Nachrichten angeschaut, die Stimmung war sehr gedrückt. Ich habe die Bilder als Terroranschlag eingeordnet, die Reichweite war mir zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht bewusst. Die Bilder fand ich auf eine schreckliche Art faszinierend.

Stefan Götz (28), Student der Forstwissenschaften:

Ich war am Vorabend in Kandern auf dem Budenfest unterwegs und bin erst in den frühen Morgenstunden schlafen gegangen, und zwar auf der Wohnzimmercouch eines Freundes. Der hat mich dann mittags geweckt, weil ihn ein Kumpel auf den Anschlag hingewiesen hat. Wir haben dann den Fernseher angemacht, haben Kaffee getrunken und sind irgendwann zu nem Kumpel nach Riedlingen gefahren und haben dort weitergeschaut. Spannend fand ich den Zeitpunkt, als das erste Flugzeug einschlug und man noch dachte, es sei ein unabsichtlicher Absturz. Beim zweiten einschlagenden Flugzeug ist dann diese unangenehme Gewissheit aufgekommen. Irgendwann haben sich die Bilder ständig wiederholt. Ich weiß noch, dass wir uns dann einen Tomaten-Mozarella-Salat gemacht und Interrailfotos angeschaut haben.

Lieselotte (75) und Hans Weidner (86), Ehepaar:

Wir waren am 11. September in Berlin. Am Morgen waren wir länger unterwegs und sind dann mittags in unser Hotel in Charlottenburg zurückgefahren. Wir waren recht erschöpft, haben uns ausgeruht und Fernsehen geschaut, so haben wir es direkt in den Nachrichten erfahren. Es war schrecklich, diese Bilder zu sehen. Wir waren schockiert und konnten es gar nicht fassen. Fünf Jahre zuvor waren wir selbst in New York, es war eine Weltreise von der Badischen Zeitung aus. Wir konnten uns noch so genau daran erinnern, als wir selbst vor den Türmen standen und wie die Reiseführerin von den Aufzügen und allem erzählt hat. Oben war ein kleiner Kiosk, dort habe ich ein Holzpielzeug für mein Enkelkind gekauft, hab es ihm dann aber nicht geschenkt. Ich hab es heute noch, es ist auch zugleich unser einziges Souvenir aus New York. An dem Abend wollten wir noch in die Oper "Unter den Linden" gehen. Wir sind hingefahren, doch die Veranstaltung wurde abgesagt.

Franziska (14) und Sebastian (12), Schüler:

Wir waren damals ja noch in der Grundschule, sieben und neun Jahre alt. An dem Tag waren wir mittags daheim, meine Freundin hatte Geburtstag. Ich hab mit ihr telefoniert, bin dann aber nicht zu ihr gegangen. Wir haben die Bilder mit unseren Eltern zusammen im Fernsehen gesehen. Alle waren natürlich schockiert. Für uns war es auch schlimm all die schreienden und weinenden Menschen zu sehen, wobei wir natürlich nicht richtig realisieren konnte, was genau da passiert. Wir haben dann mit unseren Eltern darüber gesprochen, sie haben uns erklärt, was es mit den Anschlägen auf sich hatte, das haben wir damals ja nicht verstanden. Wir wussten ja nicht, wieso und weshalb. In der Schule war es am nächsten Tag natürlich das Hauptthema. Wir haben auch eine Gedenkminute eingelegt und haben hinterher in der Klasse darüber gesprochen. Ein Mitschüler hatte sogar eine Tante aus New York, die normalerweise in dem Gebäude arbeitete. Zu dem Zeitpunkt war sie aber nicht dort, unfassbar was für ein Glück das war.

Reiner Schmidt (43), Regionalleiter des Lufthansa City Center Freiburg:

Ich war zu dem Zeitpunkt mit meiner Frau und meiner Tochter im Urlaub auf Mallorca. Es war eher Zufall, dass ich an dem Nachmittag den Fernseher angeschalten und gesehen hab', was passiert ist. Im ersten Moment dachte ich, da läuft ein Dokumentarfilm und dann war es Schock pur. Die ganze Stimmung im Urlaub war dadurch natürlich sehr gedrückt, auch bei allen anderen Gästen. Im Reisebüro war die Hölle los, ich hab vom Hotel aus angerufen um nachzufragen. Die Reisen in die USA wurden storniert, viele andere Reisen auch. In erster Linie war es Flugangst. Keiner ist mehr gereist, selbst Firmen haben ihre Flüge abgesagt. Die Leute haben sich auch nicht bei uns nach neuen Sicherheitsvorkehrungen erkundigt, für sie stand die Entscheidung fest. 80 Prozent sind einfach gar nicht mehr geflogen, nur ein kleiner Teil hat das Ganze entweder ignoriert hat oder musste wirklich reisen. Es hat ungefähr zwei bis drei Monate gedauert bis wieder Normalität eingekehrt ist.

Sebastian "Shaddy" Stang (31), Soul Industries:

Am 11. September befand ich mich auf dem Weg in den Urlaub nach Spanien. Nach langer Autofahrt waren wir auf der Suche nach einem Hotel an der Costa Brava. Endlich angekommen, im Hotel, in einem malerischen Küstenort, und gerade die Koffer abgestellt, klingelte das Handy. Eigentlich wusste der Kollege, dass ich im Urlaub bin und ich wunderte mich warum er mich anrief. Aufgeregt erzählte er mir, dass die USA soeben angegriffen worden sei und das World Trade Center eingestürzt wäre und noch weitere Flugzeuge in der Luft wären und man überhaupt nicht wüsste, was da los ist. Etwas verwirrt betrat ich das Hotelzimmer und schaltete sofort den Fernseher und CNN ein. Die ersten Bilder machten mich komplett fassungslos und ich konnte es gar nicht glauben. Bestürzung und auch Angst waren die ersten Gefühle die ich hatte. Kann uns das hier auch passieren? Wir sassen noch ca. 1 Stunde wortlos vor dem Fernseher und sahen die schrecklichen Bilder. Anschliessend gingen wir im Ort noch Essen und ich fragte mich ständig, ob auch alle um mich herum wüssten, was passiert ist. Der Abend verlief sehr ruhig und es wurde kaum gesprochen. Jeden weiteren Abend verfolgte ich weiterhin die Geschehnisse auf CNN. Der Urlaub wurde trotzdem schön. Es bestand aber immer ein ungutes Gefühl, weil alles so normal weiterlief um uns herum, man aber wusste, dass dieser Tag alles verändern würde.

DJ iLL (22), Rapkilla Records:

Also ich war damals an dem Tag im Studio und hab an irgendwas gearbeitet. Zwischendurch hab ich dann einen Kumpel angerufen und der meinte dann, ich soll mal den Fernseher anmachen. Da war das dann plötzlich auf allen Sendern immer wieder zu sehen wie die Flugzeuge in die Twin Tower gekracht sind. Ich dachte mir dann: Toll?!? Ich hab Freunde die kommen aus Ländern da passieren jeden Tag irgendwelche üblen Attentate, und darüber regt sich auch keiner auf! Hab die Glotze dann nach paar Minuten wieder ausgemacht und weiter gearbeitet.

Jens Hoffmann (29), Sportalis.de:

Es gibt genau drei Ereignisse der Zeitgeschichte, von denen ich noch genau weiß, wo ich zu diesem Zeitpunkt war:

1. Der Mauerfall, da meine Eltern aus der ehemaligen DDR kommen und bei uns sowieso nichts mehr normal war,
2. als "ich" am 8.7.1990 Fußball-Weltmeister wurde und
3. 9/11

Ich saß in der Freiburger Uniklinik beim Zahnarzt im Behandlungszimmer auf dem Stuhl und wartete. Nach 20 einsamen Warteminuten (wir hatten noch nicht begonnen) und einer seltsamen Stille, habe ich dann mal geschaut, ob man mich vergessen hatte. Im Wartezimmer war ordentlich was los. Die komplette Mannschaft und alle Patienten hatten sich vor einem kleinen Fernseher versammelt und starrten gebannt auf den Fernseher. Man sprach von einem Flugzeugunglück. Praktisch mit meinem ersten Blick auf den Fernseher sah ich dann "live" den Einschlag des zweiten Flugzeuges. Ich wollte unbedingt CNN sehen, aber das war in der Klinik nicht möglich. Also machte ich mich nach ca. 30 weiteren Minuten ohne Behandlung auf direkt nach Hause. Mein Mitbewohner hing schon vor der Glotze. Als alte Englandfreunde und Studenten lebten wir einen gesunden Anti-Bushismus und machten anfangs noch ein paar ironische Bemerkungen - wohl als psychologische Reaktion auf etwas nicht Einschätzbares. Mit den ersten Gerüchten eines Terroranschlages, diskutierten wir noch über die "PR-Wirkung" des Anschlages und dessen weltweite Aufmerksamkeit. Mit dem Einstürzen der Türme kippte die Stimmung und wir machten uns erstmals Gedanken über "Weltkriegsszenarien" und die Distanz zu den Opfern schwand. 36 weitere Stunden verbrachten wir schlafend, essend und sehend vor dem Fernseher - zwischen Kloeppel, CNN und Features auf ARD und ZDF. Gekoppelt mit Internet- und Zeitunglesen. Wann wir aufgehört haben, weiß ich nicht mehr genau. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass es fast zwei Tage ununterbrochen waren.

Heute wirkt 9/11 bei mir nicht mehr so nach wie beispielsweise Weltmeisterschaft oder Mauerfall - vielleicht weil ich einfach schon älter war als bei den ersten beiden Ereignissen. Kaum zu glauben, dass das schon 5 Jahre her ist. Zu bedauern ist auch meine Oma. Die hat nämlich am 11. September Geburtstag. Andererseits vergisst jetzt niemand mehr ihren Geburstag. Ich seitdem auch nie - und ich bin echt schlecht im Geburtstag merken....

Dominik Bührer (28), Freiburger Freestyle Forum:

Es war ein bestürzendes Ereignis, welches mir noch in meinen Erinnerungen steckt. Ich arbeitete bei Tornado, um das nötige Kleingeld neben meinem Studium zusammen zu bekommen. An diesem besagten Tag bauten wir gerade die Bühne in der alten Festhalle auf, als plötzlich alle zum Fernseher gerufen wurden. Der Fernseher stand damals noch in der vor der Eröffnung stehenden Freiburg Bar. Beim Betreten der Bar konnte ich gerade noch verfolgen wie ein Flugzeug in das World Trade Center reinflog. Fassungslos und getragen von der im Raum herrschenden Stimmung überfuhr mich ein eiskalter Schauer. Die Angst der daraus resultierenden Folgen ergriff mich und ich wendete mich den anderen fassungslos zu. Was heisst das nun? Bedeutet das Krieg? Wer greift die USA an? Wird es nun einen atomaren Krieg geben? Erreicht uns nun der absolute Overkill? Was von diesem Moment in meinen Erinnerungen übrig bleibt, ist die Angst vor einem Krieg.

Lars Millentrup (28), MMP Films:

Erstens mal ist der 11. September mein Geburtstag. Im September 2001 befand ich mich am Atlantik in Frankreich zum Urlaub machen. Wir feierten in der Nacht zuvor in meinen 'Freudentag' und gingen am 11. normal an den Strand. Am Mittag erfuhren wir von den unheimlichen Geschehnissen in NYC. Ich war erst einmal fassungslos. Die ersten persönlichen Gedanken hingen mit den USA zusammen, da ich die Jahre davor (danach auch wieder) meinen Geburtstag immer in den Staaten verbrachte. Eigentlich war es für 2001 auch wieder geplant...daher war ich ziemlich geschockt.