Wo rockt's? The Miserable Rich im Hasen & The Bellrays im Teng

Matthias Cromm

Für die meisten Konzertgänger dürften die heutigen Konzerte des Kammerfolkpop-Orchester The Miserable Rich und der Garagepunksoul-Combo The Bellrays kein Konzertdilemma darstellen, denn die Musikstile der beiden Bands liegen denkbar weit von einander entfernt. fudder-Autor Matze allerdings liebt leider beide Bands. Wer auch noch eine Ausgeh-Entscheidungshilfe braucht:

The Miserable Rich aus Brighton sind ein Kammermusikquintett das sich dem ehrlichen Folk und dem süsslichem Pop verschrieben hat. Alle Beschreibungen für ihre Art, ihr Auftreten, ihre Bescheidenheit und doch den ganz grossen Soundentwurf greifen zu kurz.


Charmant ist zu klein für die traumtänzerische Sicherheit, mit der Frontmann James De Malplaquet durch seine grosse Welt der Musik führt. Bohéme ist zu dekadent und selbstbezogen für gelassene Gewitztheit, die feine Intellektualität und Exzentrik die dem Habitus dieser Band innewoht, glücklicherweise ohne sie zu einem unnahbaren oder unhörbaren Kunstobjekt zu machen oder in hippiesker Scheiße zu versinken. Bittersüss ist die Botschaft sowohl lyrisch als auch musikalisch, sie ist eine Reise in das Wesen der Menschlichkeit, das Zurechtfinden mit den Tatsachen. Ungeschönt. Bitter. Traumatisch. Glanzvoll.

Vielleicht hat das etwas mit ihrer Herkunft zu tun, Brighton, Marina, ein groteskes Hafengelände wo schwitzende Südengländer, grossporig und rotgesichtig die Mühen ihrer harten, ehrlichen Arbeit mit Stout herunterspühlen auf der einen Seite, auf der anderen Seite die schwätzend flanierenden Touristen, die in der Scheinwelt von Promenade, Palace Pier, bunten kleinen Holzhütten an der Seafront und Jahrhundertwende Hotels die Essenz der Grafschaft East Sussex suchen oder nicht einmal das. In einer Stadt in der sich Mods und Rocker legendäre Strassenschlachten mit knüppelbewehrten und berittenen Bobbys und möglichst auch untereinander lieferten. Eine Stadt, die Fatboy Slim, The Go! Team und Katie Price beheimatet.

Die Wahrheit trifft hier auf den Schein, Ängste und aufreibende melancholische Gedanken britischer Getriebener, die die krude Widersprüchlichkeit der Hafenstadt Brighton in indignierter und betroffener Euphonie wiederspiegelt. Die Flucht aus der Inhaltslosigkeit gelingt dem Quintett mit phonetischen Mitteln als popmusikalische Antwort. Adaptionen von Hot Chip, den Stranglers, Eurythmics, Iggy Pop und den Pixies in ihre eigene spielerisch-verspielte Ästhetik mit Streichern, Mandoline, Gitarre und dieser unverwechselbaren Stimme. "They Call Me A Pisshead" vom 2008er Album "12 Ways To Count" zählt noch immer zu meinen absoluten Lieblingsstücken aktueller Musik. Das neue Album heißt übrigens "Of Flight And Fury", und es ist perfekt.

The Miserable Rich: Let me fade

Quelle: YouTube
[youtube jtYXYzbmGlg nolink]



Die Bellrays sind aus anderem Holz geschnitzt, beheimatet im sonnigen Riverside, Kalifornien orientieren sich einerseits an klassischen Detroit-Proto-Garage-Rockbands wie den Stooges, MC5 und den frühen Downunderhardrocknrollern AC/DC, andererseits an klassischem, soulingen Motown-Tunes. Eine heisse Tanzbodenmischung die hervorragend funktioniert, vorallem weil die schwarze Frontröhre Lisa Kekaula, das Markenzeichen des Vierers, eine unglaubliche Stimme mit der passenden Ausstrahlung ihr eigen nennt.

Sie kann abwechselnd die Souldiva oder die Rock´n´Roll Lady geben, während die Weissbrotbacking-Band vom klassischen Rockriff über Ausflüge in Funk und groovenden Jazz alles in die Garage zerrt was die amerikanische Musikgeschichte her gibt. Die Bellrays klingen als würden die Detroit Cobras mit The Gossip jammen, Mothers Finest freffen MC5, die The Dirtbombs und die Gories sind genauso im Raum wie Aretha Louise Franklin und Iggy Pop.

Die wilden Liveshows der Bellrays haben ihnen besonders bei unseren Nachbarn in Frankreich eine riesige Fangemeinde verschafft, auf der letzten Tour war das Le Grillen in Colmar schon im Vorverkauf 'sold out' und dieses Mal findet eine Show in der Laiterie in Strassbourg statt. Bei den Bellrays sind auf jeden Fall die Fäuste in der Luft, die Hüften kreisen und die pure Energie fliesst von der Bühne und aus den Boxen. Die aktuelle Platte heisst übrigens "Black Lightning" und ist ein Killer.

The Bellrays - Fire On The Moon

Quelle: YouTube
[youtube kmiG0RUaoR4 nolink]  

Mehr dazu:

Was: The Miserable Rich
Wann: Dienstag, 23. November 2010, 21:30 (pünktlich!)
Wo: White Rabbit

Was: The Bellrays
Wann: Dienstag, 23. November 2010, 21 Uhr
Wo: The Great Räng Teng Teng