Wo rockt's? Shift-Festival in Basel

Bernhard Amelung

Gestern ist in Basel die dritte Auflage des Shiftfestival – Festival der elektronischen Künste - gestartet. Bis einschliesslich Sonntag gibt es auf dem Dreispitzareal eine Vielzahl von Video- und Kunst-Performances, Partys, Diskussionen und Workshops zum Thema "Magic – Übersinnlichkeitsvermutungen und Technologiebeschwörung". Bernhard hat Tipps zum Festival und ein kurzes Interview mit dem Schweizer Elektromusiker Thomas Fehlmann, der morgen Abend dort auflegen wird.



Fragen zum Thema Technik- und Fortschrittsglaube, Naturbeherrschung oder übersinnliche Naturwahrnehmung werden mit Mitteln des Films, Video-Installationen und Performances umgesetzt und veranschaulicht. Die Konferenz bildet dazu den wissenschaftlichen Rahmen. Unter der Schirmherrschaft von Prof. Dr. Georg von Tholen, Ordinarius des Instituts für Medienwissenschaft der Universität Basel, werden beispielsweise Themen wie „Magie und Technologie im französischen Film der 20er Jahre“ oder die magisch-mystische Welt von David Lynch anhand seiner Filme „Lost Highway“ und „Inland Empire“ vorgestellt und diskutiert.


Hauptanziehungspunkt dürfte dennoch auch in diesem Jahr das musikalische Rahmenprogramm sein. Dorit Chrysler wird das Festival mit ihrem faszinierenden Theremin-Spiel eröffnen, die bunt schillernde Ebony Bones wird ihre Stimmgewalt unter Beweis zu stellen haben, als DJs sind beispielsweise der norwegische Cosmic Disco-Papst Prins Thomas sowie der Detroiter House-Gott Patrice Scott gebucht. Und der eine oder andere Lokalmatador wird dem Freiburger Partygänger auch nicht unbekannt sein. So wird der Basler DJ Neevo, der öfters schon Tageins-Gänger in Ekstase zu versetzen wusste, ein Set aus Avantgarde-, Krautrock- und Proto-Electronica-Perlen sowie House- und Technobeats zum besten geben.

Festival-Trailer

Quelle: Vimeo





Mit dabei ist auch der Elektro-Pionier Thomas Fehlmann, der zusammen mit Holger Hiller und Frank-Martin Strauss, besser bekannt als FM Einheit, 1980 die Formation Palais Schaumburg gründete. Sie gilt mit Bands wie beispielsweise Wirtschaftswunder, Freiwillige Selbstkontrolle oder DAF (Deutsch Amerikanische Freundschaft) als energetischer Wegbereiter und impulsgebender Schrittmacher der Neuen Deutschen Welle.

Songs wie „Rote Lichter“ oder „Mach Mich Glücklich Wie Noch Nie“ zählen zu den unbestrittenen Meilensteinen des Genres. Aufgrund ihrer akustischen Schroffheit und dem kontinuierlichen Übergang zu einer geräuschhaften, dissonanten Fast-Atonalität werden sie auch und gerade heute noch als Blaupause für die minimalelektronische Musik der Folgejahre angesehen.

Wenige Jahre später, in den frühen 90er-Jahren, steht Fehlmann zusammen mit Moritz von Oswald sowie Juan Atkins und Eddie „Flashin“ Fowlkes hinter dem Projektkürzel 3MB. Mit ihren unter diesem Namen veröffentlichten Alben begründen und festigen sie die Achse Berlin-Detroit im Sinne eines musikkulturellen Zusammenhalts und legen den Grundstein für das deutsche Techno-Überlabel schlechthin, Tresor. Sie schaffen eine hypnotisierend treibende Musik zwischen metallisch kaltem Techno und sommerlich warmem HiTech Soul, die bis heute ihresgleichen sucht.

Daneben ist er langjähriges Mitglied von Duncan Robert Alex Patersons Band-Projekt The Orb, hostet im mittlerweile 13. Jahr zusammen mit Gudrun Gut eine Radio-Sendung, den „Ocean Club“, benannt nach ihrer gleichnamigen Clubnacht zunächst im Tresor, später im WMF. Dass er auch als Einzelkünstler auf eine überaus erfolgreiche Karriere zurückblicken kann (letzte Veröffentlichung das Album „Honigpumpe“ auf Kompakt, 2007) und heute noch auf Elektronik-Festivals weltweit zu den gefragtesten DJs und Live Acts zählt, zuletzt in diesem Jahr auf dem MUTEK in Montréal / Canada, verwundert nicht. Er, das ist Thomas Fehlmann. Und er wird am kommenden Samstag, den 24. Oktober 2004, von 01 Uhr an die Festivalbesucher auf eine musikalische Reise durch warme organische Soundflächen, zischend-zirpende Hall-Effekte und treibende Rhythmen nehmen.

Thomas, mehr als zwanzig Jahre Club-, Konzert- und Studio-Erfahrung und Du bist immer noch an vorderster Front dabei. Was inspiriert Dich und woher nimmst Du auch heute noch die Kraft für Deine Tätigkeit als Musiker?

Nach meiner Rechnung sind es nun 30 Jahre in denen ich professionell Musik mache – ich hab 1979 mit Palais Schaumburg angefangen – und für mich ist da tatsächlich immer noch Zug drin. Das Musikmachen hat sich bei mir als ausgleichender Faktor etabliert, um meine mentale Balance zu erhalten. Ich bin natürlich auch großer Musikfan und Sammler, mache mit Gudrun Gut zusammen seit 12 Jahren eine Radioshow auf radioeins in Berlin und brauche die Auseinandersetzung mit ´Kunst´ wenn du so willst. Die Beobachtung wie die Steinchen und die dazugehörenden Gedanken immer wieder neu zusammengesteckt werden und daraus neue großartige Erfindungen entstehen. Und immer schön regelmäßig duschen hält frisch!

Du hast die Genre NDW / New Wave, Techno und experimentelle elektronische Musik wesentlich mitgeprägt und beeinflusst. Was kommt als Nächstes? Vielleicht ein Album, auf dem Du Dich mit Dubstep auseinandersetzt?

Nein, bestimmt nicht. Ich versuche eine Sache immer von den Wurzeln aus anzupacken und mitzugestalten, mich nicht in ein florierendes Geschehen mit einzuklinken. Nicht dass mich keine anderen Strömungen interessieren, aber da bin ich dann auch gern Beobachter und ´Konsument´ und gerade bei einer so eindeutig britischen Erscheinung wie Dubstep hab ich keinen Drang, mich da einzumischen. Ich halte mich immer gern an die originators. Zum Beispiel bei der Entwicklung von Ambienthouse in den späten Achtzigern war ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Damals wohnte ich in London und habe mit Alex Patterson und Jimmy Cauty an den ersten Aufnahmen aktiv mitgearbeitet und bin so zu The Orb gekommen.

Gibt es auf musikalischer Ebene überhaupt noch etwas, das Dich reizt, es selbst einmal auszuprobieren?

Ich bin seit meiner frühen Teenzeit sehr mit Jazz verbunden, bin damals mit einem Freund regelmäßig zu Konzerten um Beispiel von Miles Davis oder Anthony Braxton gegangen und denke immer wieder über eine Jazz-Formation nach. Früher oder später wird bestimmt was in dieser Richtung passieren, wenn ich das Gefühl bekommen sollte, dass ich da auch etwas Originäres mitzuteilen habe. Vielleicht ist es aber auch einfach ganz gut ein Fernziel zu haben und somit immer das Gefühl, noch viel vorzuhaben.

Du bekommst mit Sicherheit sehr viel Promo-Material zugesandt. Waren da auch Stücke von Musikern dabei, die heutzutage erfolgreich Fuß gefasst haben?

Vielleicht weniger durch Promo-Material als durch das Kennenlernen von bestimmten Musikern in deren frühen Entwicklungsphasen. Flying Lotus aus Los Angeles ist vielleicht ein gutes Beispiel, den ich vor drei vier Jahren noch als Teenager kennengelernt hatte und schwerst beeindruckt war, was er so neben der Schule auf seinem Laptop produziert hat. Mir war sofort klar, dass er ein absolutes Ausnahmetalent ist und wir noch viel von ihm hören sollten. Mit Tadd Mullinix (dabrye) aus Detroit oder Stefan Betke (pole) damals in Köln war das ähnlich.

Was dürfen die Besucher Deines Gigs auf dem diesjährigen Shift-Festival von Dir erwarten?

Verschwitzte Ekstase.

Mehr dazu:


Was:
Shiftfestival 2009
Wann: Donnerstag, 22. bis Sonntag, 25. Oktober 2009
Wo: Dreispitzareal, Basel-Münchenstein
Tickets: Festival-Pass 65 CHF, Tages-Pass jeweils 30 CHF (ermässigt 25), Einzeleintritte jeweils 10 CHF
  • DJ-Set:
     
Was: Konzert - Thomas Fehlmann
Wann: Samstag, 24. Oktober 2009, 1 Uhr
Wo: Dreispitzareal, Basel-Münchenstein