Wo rockt's? Niels Frevert bei Goldene Zeiten

Carolin Buchheim

"Leise, eigen, schwer einzuordnen." So beschreibt der Sänger Niels Frevert sich selbst und seine Musik. Und besonders leise, eigen und schwer einzuordnen ist die Mini-Tour mit der der beste Songwriter Deutschlands seit drei Wochen unterwegs ist. Denn neben einem Rockband-Quintett begleitet ihn auch ein Streicherquartett. So auch am kommenden Samstagabend beim Goldene Zeiten-Festival in Lörrach.

Das Babylon-Kino in Berlin-Mitte  ist ein Bau aus den späten 20er Jahren, ganz im Stil der neuen Sachlichkeit mit einem einzigen, schnörkellosen Kinosaal mit blauen Plüschsesseln. An einem lauen Frühlingsabend Anfang April steht auf der kleinen Bühne des gut besetzten Saals Niels Frevert, seine Gitarre in der Hand.


Oft genug ist der Sänger aus Hamburg in den vergangenen Jahren allein mit einer E-Gitarre und einem Verstärker aufgetreten; bei kargen, rauhen, anrührenden Konzerten in den kleinen und kleinsten Clubs  Deutschlands. Diesmal ist es anders.

Konzerte mit wenig oder ganz ohne Strom gehören für Bands 20 Jahre nach Beginn der Unplugged-Serie auf MTV nicht nur zum guten Ton sondern sind Standard-Karriere-Etappen. Doch Streicher sind dabei selten. Niels Frevert hat sie dabei, auf dieser Tour, an diesem Abend. Der Auftritt in Berlin ist der erste in dieser ungewöhnlichen Besetzung, mit zum Teil neuen Arrangements. Frevert ist unübersehbar nervös. „In der Nacht aller Nächte, die die Zweifel zerstreut“ singt er im ersten Song des Abends, „Glückskeks“, unruhig auf den Füßen wippend,   als wären seine eigenen Zweifel am Gelingen dieses Abends noch lange nicht zerstreut. Währenddessen holt das hinter ihm sitzende Streichquartett zum ersten Mal so richtig mit den Bögen aus.

Das Spiel der Streicher passt wunderbar zum verschrobenen, leicht nölenden Tonfall seiner Lieder. Denn trotz der Dramatik und Melancholie, die Streicher einem jedem Song verpassen, bleiben Freverts Songs über das Leben und alle seine Facetten ungezwungen und leicht. Melancholie? Ja, bitte! Tristesse? Nein, Danke! In der Gesamtwirkung ergibt das – wie passend, an diesem Ort – schlicht und einfach großes Kino.  Auch wenn Frevert sich ein, zwei Mal in den den Akkorden irrt, eine Textzeile vergisst. An einem Premierenabend darf das sein.

Die Idee zur Tour mit Streichern entstand, nachdem Frevert im Frühjahr 2008 sein drittes Solo-Album „Du kannst mich an der Ecke rauslassen“ veröffentlichte. Frevert hatte sich  dabei von einem Meister der Streicher-Arrangements helfen lassen: Werner Becker war in den 70er Jahren unter dem Künstlernamen Antony Ventura als Easy-Listening-Komponist weltweit erfolgreich und produzierte Mainstream-Musikanten wie Howard Carpendale und Matthias Reim.

Frevert hatte dem Fachmann seine Lieder vorgespielt, wohlwissend, dessen Dienste eigentlich nicht bezahlen zu können. Becker war so begeistert, dass er trotzdem mitmachte. Und „Du kannst mich an der Ecke rauslassen“ war – fünf Jahre, nachdem Frevert zuletzt ein Album veröffentlicht hatte, in der deutschen Independent-Szene beinahe ein Überraschungserfolg. Der erste in seiner Solo-Karriere.

Ein Duett mit Kettcar-Sänger Marcus Wiebusch („Am Tisch“), neben dem alle  Songs von Kettcars „Sylt“-Album verblassten, folgte. Dazu eine Tour als Support der Band  und eine gut besuchte Solo-Tour, deren Termine in der Hamburger Heimat ausverkauft waren.

Nationalgalerie hatte die Band geheißen, mit der Frevert zu Beginn der 90er Jahre, lange bevor deutschsprachige Musik an der Spitze der Charts normal war, erfolgreich war. Das Video zum Song „Evelin“, vom Album „Indiana“ war 1993 einer der wenigen deutschsprachigen Songs, der auf MTV – damals aus England gesendet – lief, und ein mäßiger Radio-Hit.

In diesem Sommer könnte er ein ganz großer Hit werden, allerdings nicht für Frevert selbst: das Karlsruher Schmusestimmchen Laith Al-Deen hat den Song über die Frau mit dem versifften Bett in Motown-Manier neu aufgenommen und zur ersten Single seines Ende Mai erscheinenden Albums „Sessions“ gemacht. Frevert, der von der Aufnahme nichts gewusst hatte, befand die Version als „sehr gelungen“, nachdem er sie zufällig im Internet entdeckt hatte.

Von Laith Al-Deens Stil – und  dessen Charts-Erfolg – ist  Frevert selbst ganz weit entfernt. Mal zu unsicher, mal zu nörgelnd ist seine Stimme, zu erwachsen sind seine Themen, ein wenig zu verschroben die Bilder in seinen Songs, zu außergewöhnlich,  zu sehr  Chanson ist  seine Phrasierung, als dass er selbst so weit oben in den Charts stehen könnte.

Erst nach einem halben Dutzend Songs am ersten Abend im Babylon-Kino in Berlin und dem dazugehörenden halben Dutzend Applause scheint auch Niels Frevert endlich von seinem eigenen Experiment überzeugt. Er steht ruhig, ohne Gitarre vor dem Mikro und singt, sparsam von den  Streichern begleitet, „Seltsam öffne mich“ und die Zeilen „Was immer Du tust / Ist gut genug“.

Am Ende gibt es Standing Ovations.

Mehr dazu:


Niels Frevert:
Website& MySpace& Tütensuppe24

Was:
Goldene Zeiten - Bobo und Niels Frevert mit Band & Streichern
Wann: Samstag, 25. April 2009, 20 Uhr
Wo: Burghof, Lörrach
Tickets: jeweils 21 Euro
BZ-Ticketservice: 01805/556656 (14 ct./ Min aus dem Festnetz der T-Com, Mobilfunkpreise ggf. abweichend)

Verlosung

fudder verlost drei mal je zwei Tickets für jeden der beiden Goldene Zeiten-Festivaltage. Um an der Verlosung teilzunehmen, schickt eine E-Mail mit Eurem Namen und dem Betreff "Goldene Zeiten-Freitag" oder "Goldene Zeiten-Samstag" an gewinnen@fudder.de. Einsendeschluss ist Donnerstag, 23. April 2009, 14 Uhr. Die Gewinner werden sofort nach dem Ende der Verlosung per E-Mail benachrichtigt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. [Dieses Porträt ist in dieser Woche ebenfalls im Veranstaltungsmagazin 'Ticket' erschienen.]

Niels Frevert - Der Typ der nie übt (Neue Helden.tv)

Quelle: YouTube