Wo rockt's? Forgetters im Slow Club & Fliehende Stürme im Atlantik

Matthias Cromm

Zwei Legenden, ein Abend! Wo soll ich hingehen? Zwei emotional-wütende Punkbands aus zwei geschichtsträchtigen Generationen der Musikgeschichte. Spät-80er/Früh-90er-Emocoreheld mit neuer Allstarband gegen den letzten überlebenden fliehenden Sturm der frühen 80er-Hardcore-NewWave Bewegung. Die Forgetters gegen die Fliehenden Stürme. Eine Generationenentscheidung?



Die Forgetters sind eine brisante All-Star-Mischung aus diversen Staaten der USA, die es in Brooklyn/NYC zusammengespült hat. Sänger und Gitarrist Blake Schwarchenbach war von Ende der 80er bis Mitte der 90er Jahre der leicht verquere Kopf der legendären kalifornischen Punkrockband Jawbreaker, wahrscheinlich der einflussreichsten Emo-Punkband der frühen 90er Jahre Emo-Bewegung.


Die unglaublichen Drei-Minuten-Hymnen von Jawbreaker sind in ihrer Emotionalität und Pathetik bis heute nicht erreicht. Nach dem Ende von Jawbreaker widmete sich Blake Schwarchenbach seinem neuen Projekt Jets To Brazil, einem Spagat zwischen Emo und Indierock. Nachdem 2003 Schluss war mit Jets To Brazil, gab es von Schwarchenbach dann länger nichts zu hören, ehe sich 2009 die Forgetters gründeten.

Drummer Kevin Mahon ist Gründungsmitglied und erster Drummer der aus Gainsville/Florida stammenden Folkpunkband Against Me!. Ebenfalls ursprünglich aus Florida stammt Caroline Paquita, die bereits bei Bitchin‘ Bass gespielt hat und seit Jahren in der Brooklyner DIY-Punk Szene aktiv ist.

Das Powertrio befleissigt sich einer gelungenen Mischung seiner Vorgängerbands, im weitesten Sinne also Punkrock mit der Fähigkeit simple, zeitlose Roughheit mit düsteren und dennoch euphorischen Melodien auf die Bühne zu werfen. Die unglaubliche Brillanz des Trios erschliesst sich aber nicht nur aus den Vorgänger-Bands sondern auch aus dem Debüt der Forgetters "7inch", das letztes Jahr auf dem hauseigenen Label erschienen ist. Wow! Gänsehaut trifft Faust in die Luft. Und wie die Forgetters in ihrem Blog verlauten lassen: „Erwartet Komödien, Tragödien, Tee und Sympathie!". Übrigens wünscht sich die Band eigentlich eine konsequente Kleinschreibung ihres Bandnamens und kein THE davor. Also: Heute abend in den Slow Club kommen!

Support gibt es übrigens von Witches aus Athens, Georgia, irgendwo zwischen Neil Young, Wipers, Breederz und Dinosaur JR, deren Sängerin Cara Beth Satalino bereits im März mit ihrem charmanten Soloprogramm zu Gast im Slow Club war.

Forgetters live at Generation Records NYC

Quelle: YouTube
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Legende Nummer Zwei des Abends sind die Fliehenden Stürme, hervorgegangen aus einer noch älteren Legende, der Stuttgarter Früh-80er-Hardcore Band Chaos-Z. Während Chaos-Z noch klangen wie Discharge auf Deutsch wandte sich die komplette Band schon 1983 vom Hardcore hin zu New Wave und immer mehr zu Elementen aus dem Dark Wave. Mit der stilistischen Umorientierung von Hardcore zu Depro-Punk ging folgerichtig auch die Umbenennung einher, obwohl alle drei Bandmitglieder an Bord blieben.

Nach dem Ausstieg des Drummers Michael Ortners arbeitete das verbliebene Brüderpaar Andreas und Thomas Löhr verstärkt mit Drumcomputern und Sythieklängen. Ergebnis ist ein kompromissloser Sound, eine absolute Ausnahmestellung in der Independent- und Undergroundszene, von Punk, Indie über Wave bis hin zu Gothic. Bands wie Killing Joke, Bauhaus und Abwärts sind die unverkennbaren Referenzen. Soundwände mit manischen Gitarren-Riffs und die unverkennbare Stimme von Andreas Löhr, hämmernde! Bass-Linien unterlegt von treibenden Drum-Beats ergeben den bandtypischen Stil: Brachial und wütend, aber auch schwebend und melodiös. Seit dem Tod von Thomas Löhr 1995 führt sein Bruder mit verschiedenen Musikern die Band fort. Das aktuelle Fliehende Stürme-Album ist ihr neuntes, heißt  "Warten Auf Raketen" und ist mässig spannender Moll-Punk. Die Legende ist aber unsterblich! Support gibt es von Freiburgs bester Female-Voice Punkformation Kill Your Darling, Yeah!

Altersgerecht für mich wäre eigentlich die Forgetters-Show, ich fühle mich jünger als ich bin und ausserdem waren Jawbreaker für meine Generation DIE Band der grossen Hymnen, die mir und meinen mittdreissigjährigen Altersgenossen noch immer den Kopf verdrehen. Allerdings habe ich mich schon damals zu Musik der „Grossen“ hingezogen gefühlt und Chaos-Z waren neben den Neonbabies, dem KFC, Inferno und The Clash schon damals in meinem Walkman präsent. Verdammt! Hier könnte ich mich verdammt jung fühlen… Macht was ihr wollt, Hauptsache ihr bleibt nicht Zuhause!

Mehr dazu:


Was:
Forgetters & Witches
Wann: Mittwoch, 25. Mai, Einlass 20 Uhr
Wo: Slow Club Haslacherstr. 25

Was: Fliehende Stürme & Kill Your Darling
Wann: Mittwoch, 25. Mai, 20 Uhr
Wo: Café Atlantik
Abendkasse: 10 Euro

[Bild: Promo]