Wo ist Vater?

Dirk Philippi

Unser Kolumnist Dirk hat offensichtlich zu viel Kafka gelesen oder ein mächtiges Problem am Hacken – er erkennt seinen Vater nicht mehr. Eine Anekdote über ein Date mit dem Alter.



Als ich neulich meinen Vater besuchte, was an sich schon eine Erwähnung in mindestens den Tagesthemen wert wäre, traf mich beinahe der Schlag. Wie immer flüchtete ich nach dem Überschreiten der Türschwelle als erstes ins Bad. Dies allein, um der Gefahr seines rituell-moralischen Begrüßungsgewäschs („Endlich mal wir beide allein …“; „Wie lange das jetzt her sein muss …“) zu entgehen. Was ich dann aber dort sah, schockte! Mein Vater hatte rund ums Wannenoval und sein Waschbecken ein Waffenarsenal gegen klimatische Quartalsattacken drapiert: Pre-Sunny-Lotion, After-Sun-Milk, During-Hyper-Sun-Skin-Care, Vorbräuner, Braunbräuner, Shadow-Terminator, Fuck-the-Sun-Protection-Oil und Mega-Sun-Blocker auf Rohgips-Basis (Lichtschutzfaktor 2000), mit der man nackt in einem Atompilz stehen kann. Nur genitalen Bräuner habe ich nicht gesehen. Was um Himmels Willen war geschehen? Was trieb meinen Vater dazu, Müllermarkt-Kunde des Monats zu werden? - Natürlich liebe ich meinen Vater, aber damals fragte ich mich ernsthaft, wer der Mensch war, der mir da gegenüberstand.




Dabei war die Antwort so schlicht wie unausweichlich: Mein Vater wurde alt, soviel stand fest. Nicht nur die Angst um seine stets glatte, straffe und Schweinchen-Babe glänzende Gesichtshaut, war sicheres Anzeichen dafür. Der Wandel kam schleichend: Vielleicht habe ich ihn jahrelang einfach übersehen, bevor er mir jetzt auf einmal erschreckend deutlich wurde. Mein Vater wird sechzig, auf Treppenabsätzen muss er Pausen einlegen, er ist der Nordic-Walking-Sekte beigetreten und neben seinem Aldi-Computer liegt eine handgeschriebene Liste der Klicks, mit denen er ein Word-Dokument öffnen und abspeichern kann. Definitiv - mein Vater zieht wieder an mir vorbei.

Irgendwann einmal, nach meiner Schulzeit, stellte sich das Gefühl ein, auf einer Stufe mit ihm zu stehen. Ich hing nicht mehr von ihm ab, musste mich nicht mehr gegen seinen Widerstand durchsetzen und konnte in Ruhe eine Haltung ihm gegenüber entwickeln. Respektvoll und tolerant, aber doch streitbar und distanziert - von all dem ein bisschen. Es ergab sich zwischen mir und meinem Vater ein hübsches Gleichgewicht oder zumindest eine Klarheit, und dieser Zustand zählte zu den angenehmen Seiten am Erwachsensein. So hätte es gerne bleiben können, blieb es aber nicht.



Warum war ich überhaupt bei ihm? Sogar Weihnachten hatte ich Vollpfosten alleine mit dem betannenzapften Ikea-Gestrüpp geschunkelt. Dabei war es wie jedes Jahr: Wenn draußen der Frühsommer die ersten Kurzbehosten aus den Abstellkammern der Stadt holt, dann ist das für meinen Vater der Startschuss, meine Nummer rauszusuchen. Nicht, dass ich mich nicht wirklich auf Flipflop-Wetter und Grill&Chill-Partys freue, aber die Sonnen geschwängerte Kalenderphase hat eben auch seine Schattenseiten: Verderben durch Pollenflug, Schwitzflecken, Softeis mit Salmonellen, geplatzte Grillwürste, Fußpilz und die Familienharmoniegelüste meines Vaters. Während er noch Wochen zuvor seinen seligen Winterschlaf hält und seinen Sohn Sohn sein lässt, fängt er dann damit an, unser kafkaeskes Tralala zu renovieren. Er lud mich zu einem gemeinsamen Straußenbesuch ein.

Mein Vater war immer der Chauffeur, immer - schon früher. Meine Mutter saß daneben, leidend. Ich auf der Rückbank. So war das und das gemeinsame Leben ging so: Wenn mein Vater lief, musste ich rennen, wenn er zuhören sollte, musste ich brüllen, und wenn wir zusammen unterwegs waren, dann sagte er, wohin es geht. Hinterherlaufen und Rückbanksitzen - so ist das eben, dachte ich mal widerwillig, mal pikiert. Und ich zog weg aus seiner Welt, in der ich jetzt wieder einmal zu Besuch war. Und siehe da, er drückte mir die Autoschlüssel in die Hand. Seine Autoschlüssel! Die von seinem prolligen BMW-Cabrio, das er offensichtlich auch gegen die Gesichtsfurchen gekauft hatte. „Fahr Du ihn, ich seh´ in letzter Zeit so schlecht und heute blendet die Sonne“, sprach er den letzten Beweis dafür aus, dass dies nicht mein Vater war.



Lange vor seinem Sechzigsten hatte er es sich angewöhnt, nicht mehr „ich“ zu sagen, sondern „der alte Sack“. Wenn er mir heute auf den Anrufbeantworter quatscht, benutzt er sogar gar kein Wort mehr, das ihn selbst bezeichnet, sondern ersetzt sich durch den Namen des Orts, an dem er wohnt: „Hier ist Lörrach. Vielleicht kriegen wir ja mal wieder Kontakt!“ Dort wo er noch einmal wirklich Vorbild sein könnte, drohte er zu scheitern - beim Altern in Würde. Es gibt verschiedene Wege, die Eltern im Alter einschlagen können: Wenn alle Beteiligten Glück haben, dann sind die Alten vielleicht ein bisschen wunderlich, geschwätzig oder überfürsorglich, pflegen aber ein entspanntes Einverständnis mit dem, was die Zeit aus ihnen und aus uns macht. Toll auch, wenn sie zu gesteigerter Aktivität neigen. Viel verreisen, in Konzerte gehen oder zum Kegeln. Dann können sie ruhig ein bisschen überkandidelt werden, dann nehmen wir ihre Dia-Abende und Mallorca-Schwärmereien gerne in Kauf. Schade dagegen: wenn sie sich nun immer weiter einigeln, mit den Jahren verdrießlich und bockig werden oder unsicher, vergrämt, paranoid. Wenn sie meinen, die Welt nicht mehr zu kapieren oder als alter Mensch nichts mehr wert zu sein, dann besteht die Gefahr, dass sie jetzt so ermüdend werden wie noch nie.

Doch gerade, als ich das denke, es war irgendwo inmitten der Weinberge, schlug mir mein Vater vom Beifahrersitz aus kräftig auf den Schaltknüppel. „Verdammt, das Ding hier ist zum Schalten da! Man mag echt nicht glauben, dass Du mein Sohn bist, so beschissen wie Du fährst!“, sprach es und irgendwie war ich echt verdammt glücklich, dass er wieder da war - mein Vater.

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