Selbsthilfegruppe in Freiburg

Wo erwachsene Kinder suchtkranker Eltern Hilfe finden

Anja Bochtler

Ihre Eltern sind süchtig oder psychisch krank: Junge Erwachsene mit problematischen Eltern finden in einer Gruppe vom "Modellprojekt Arbeit mit Kindern von Suchtkranken" Zuflucht und Halt.

Mit Mitte 20 brach Linda G. (*Namen geändert) zusammen: Nach einer Kindheit mit einem psychisch kranken Vater hatte sie keine Kraft mehr für das eigene Leben. Auf dem mühsamen Weg, die Vergangenheit hinter sich zu lassen, stieß Linda G. (35) auf eine Gruppe für junge Erwachsene, die mit suchtkranken oder psychisch kranken Eltern aufgewachsen sind: beim "Modellprojekt Arbeit mit Kindern von Suchtkranken" (Maks).


"Solche Probleme wie ich hat sonst niemand." Linda G.
Als Jugendliche hat Linda G. einmal versucht, sich Hilfe zu holen: Mit 17 hat sie sich einem Lehrer anvertraut. Genutzt hat es nichts. "Er konnte nicht damit umgehen", sagt sie. Das war umso schlimmer, weil sie sich ihre ganze Kindheit lang danach gesehnt hatte, mit jemandem reden zu können, unterstützt zu werden. Nach außen hat sie immer "funktioniert", genau wie ihre Familie, doch hinter den Fassaden war das Elend groß. Linda G. war lange überzeugt: "Solche Probleme wie ich hat sonst niemand."

In der Maks-Gruppe genießt sie, dass alle sofort verstehen, wovon sie redet. Auch wenn die Situationen der derzeit acht jungen Erwachsenen, von denen die älteste 37 ist, sehr unterschiedlich waren.

Traumatische Erlebnisse in der Kindheit

Da ist zum Beispiel Karin S. (22): Bei ihr ist schon in früher Kindheit sichtbar, dass sie alles andere als heil aufwächst. Ihr Vater ist alkoholkrank, die Mutter tablettenabhängig, sie schlägt ihre Tochter. Karin S. kommt als Sechsjährige in ein Kinderheim. Einige Zeit hat sie keinen Kontakt mehr zu ihrem Vater, mit 15 hofft sie, dass er den Alkohol hinter sich lässt. Doch er hat immer wieder Rückfälle. Als sie 17 ist, stirbt ihre Mutter – ihr Vater bricht zusammen. Alles lastet auf ihr: die Organisation der Beerdigung ebenso wie das Gefühl, für den Vater verantwortlich zu sein.

Dieses Gefühl kennt auch Linda G. nur zu gut. Es begleitet sie durch ihr Leben. Dass bei ihr alles anders war als bei anderen, die sie kannte, war ihr früh bewusst: Bei ihr zu Hause war die Stimmung dauerhaft gedrückt und traurig, der Vater hatte schon immer schwere Depressionen. Als Zehnjähriger hatte er seine Mutter verloren: Sie hatte sich umgebracht. Linda G. kommt es so vor, dass er sich seit dieser traumatischen Erfahrung nicht mehr weiterentwickelt habe. Sie hatte immerzu das Gefühl, für ihn da sein und ihn auffangen zu müssen. Ihre eigenen Bedürfnisse spielten dabei keine Rolle.

Sie unternimmt einiges, um sich aus dieser Rolle zu befreien: Sie ist weit weggezogen und versucht, ihre Eltern auf Abstand zu halten, sie macht eine Psychoanalyse, seit zwei Jahren besucht sie die Gruppe für junge Erwachsene. Das alles ist nötig, denn mit Mitte 20 bekam sie starke Depressionen. "Ich war zu nichts mehr fähig", sagt sie. Zwar hat sie damals trotz allem das Studium geschafft, "mit Hängen und Würgen". Doch ohne Medikamente hätte sie nicht durchgehalten. Einige wichtige Freundschaften hat sie in dieser Zeit verloren, weil die anderen nicht aushalten konnten, wie schlecht es ihr ging.

Die Gruppe hilft, Vergangenheit zu reflektieren und Gegenwart zu gestalten

Mittlerweile versucht sie, den Kontakt zu ihren Eltern so gut wie möglich zu reduzieren. Die Verbindung ganz abzubrechen, käme für Linda G. aber nicht in Frage: "Das würden meine Eltern nicht verkraften", sagt sie. Ganz los wird sie das Verantwortungsgefühl wahrscheinlich nie, sagt sie. Das Thema begleitet sie ihr Leben lang, darum ist die Auseinandersetzung damit in der Gruppe so wichtig.

Das gilt ebenso für Karin S., die seit drei Jahren keinen Kontakt mehr zu ihrem Vater hat. Nach dem Kinderheim lebte sie erst in einer WG und fing mit einer Ausbildung an, doch irgendwann brach sie zusammen. Eine Zeitlang war sie in einer psychosomatischen Klinik, danach zog sie in eine betreute Einrichtung. Zurzeit geht es ihr gesundheitlich nicht gut, sie hofft, dass es bald aufwärts geht. Dann möchte sie wieder eine Ausbildung beginnen, bisher fehlte ihr die Energie zum Durchhalten.Die Gruppe gibt ihr Kraft.
Das Projekt

Beim "Modellprojekt Arbeit mit Kindern von Suchtkranken" (Maks) gibt es zwölf Gruppen für Kinder und Jugendliche jeden Alters. Los geht es mit Spielgruppen für Babys und Kleinkinder. Seit 2014 gibt es die Gruppe für junge Erwachsene. Kontakt zur Gruppe für junge Erwachsene über Maks, im Internet unter maks-freiburg.de oder unter 0761/33 216.