WM-Finale mit Gottes Beistand: Fußballgucken im Freiburger Priesterseminar

Daniel Laufer

Treffen sich Priesteranwärter und Studenten zum Fußballschauen. Was passiert? Deutschland wird Weltmeister. Kein Witz. Das Finale, miterlebt im Freiburger Collegium Borromaeum.


Was man erwarten könnte, wenn man zum Public Viewing ins Priesterseminar geht: Männer in Roben zum Beispiel, vor einem alten Röhrenfernseher. Der Ton könnte soweit runter gedreht sein, dass man den Kommentator nur gerade noch so versteht. Man hockt da, schweigt sich an, betet in der Halbzeitpause und diskutiert dann über den aktuellen und den ehemaligen Papst und wie deren Nationalitäten eine Rolle spielen könnten (oder eben auch nicht). Geht das Spiel in die Verlängerung: Pech gehabt, Glotze aus und ab ins Bett. Morgen, in aller Herrgottsfrühe, hat man wieder viel zu tun.


Beim Public Viewing im Freiburger Priesterseminar Collegium Borromaeum wird man schnell eines Besseren belehrt. Schon an der Fassade fällt die große Deutschland-Flagge auf. Die schwere Holztüre öffnet ein Mann im Trikot. Drinnen sieht alles aus, wie überall, wo sich junge Leute außerhalb der Kneipe zum Fußballschauen treffen: vorne der Großbildfernseher, in der Mitte die Stuhlreihen, hinten die Bierkasse mit dem Kasten Tannenzäpfle. Nur, dass an der Wand eben ein großer Jesus mit Kreuz hängt.

Ganz schön modern für die katholische Kirche, könnte man jetzt denken. Frederik Reith, mit weißem Strohhut und an diesem Abend nie ohne Flagge unterwegs, findet das überhaupt nicht. "Ich glaube, die Kirche hat für so etwas sogar einen Sondervertrag mit der GEMA", meint er, zuckt mit den Schultern und erklärt: "Wir sind lauter Jungs hier im Haus. Wir schauen halt Fußball!" Der 25-Jährige wohnt im Seminar. Er ist angehender Priester, wie etwa die Hälfte der Zuschauer heute. Natürlich könnte er das Spiel auch woanders gucken, aber wozu? "Hier ist es gemütlich." Die Seminaristen haben Freunde eingeladen — und auch einige Freundinnen, zum Beispiel Franziska Spraul. "Es gibt hier vielleicht nicht wahnsinnig viel Gejubel", sagt sie, "aber es ist trotzdem schön."



Als das Spiel beginnt, ist alles wie immer — von der Deutschland-Schminke bis hin zur schwarz-rot-goldenen Blumenkette. Auch im Priesterseminar gibt es diesen einen Mann, der eine Vuvuzela mitgebracht hat und permanent hineinbläst, auch hier ärgert man sich über schwache Defensivarbeit. "Fuck!", brüllt jemand, als der Querpass gefährlich vors deutsche Tor geht. "Was war das denn?"

Man begreift: Leicht wird das Finale für die DFB-Elf nicht.

Wer also kann helfen? Gott vielleicht? Wo, wenn nicht hier, muss diese Frage einfach gestellt werden: "Es passt nicht zu meinem Verständnis von Gott, dass er sich da beeinflussen lässt", meint Reith kritisch, gibt dann aber zu: "Heute hoffen wir schon, dass Deutschland gewinnt. Da lässt man dann vielleicht doch mal ein Stoßgebet los." Und die Sache mit dem argentinischen Papst? Reith lacht. "Wir haben ja auch noch einen emeritierten Papst, der vielleicht für Deutschland betet. Ich habe die Zeitungsartikel darüber nicht genau verfolgt, aber es gehen wohl beide ins Bett, statt aufs Spielende zu warten. Da kann sich Gott also frei entscheiden, wem er den Vorzug geben will."

Wenn Gott seine Hand im Spiel hat, dann zögert er am Sonntagabend lange: Erst in der 113. Minute erzielt ausgerechnet der Götze das entscheidende Tor. "Halleluja!", ruft jemand, als die Cristo-Redentor-Statue eingeblendet wird. "Eine Offenbarung!"

Mit dem Schlusspfiff ist es um die Beherrschung geschehen, selbst das Collegium Borromaeum wird für einen Moment zum Tollhaus und fügt sich damit nahtlos in den Rest von Freiburg ein. Es wird gejubelt, die Flagge geschwenkt, man fällt sich in die Arme, ist hellauf begeistert. Nur der Jesus am Kreuz schaut noch immer etwas kritisch drein. Ob Gott überhaupt weiß, dass Deutschland endlich wieder Weltmeister ist? "Gott kriegt alles mit, natürlich auch das", meint Reith und schmunzelt. "Gott mag Fußball, weil der die Menschen zusammenbringt und Freude schafft. Fußball macht die Menschen frei!"