WM 2010: Ein Freiburger in Südafrika

David Weigend

Das ist Christopher Sonntag, 31. In Herdern ging er zur Schule. Inzwischen arbeitet er für die Fifa und zieht die Strippen für die Fußball-WM in Südafrika. Um seinen Hals baumelt ein Ausweis, für den wir ihn ein klein wenig beneiden, denn er kommt damit in alle WM-Stadien zu allen Spielen. Dass dies für ihn in erster Linie ein schwerer Job ist, erzählt er in unserem Interview.



Christopher, du arbeitest seit 2005 bei der FIFA und kümmerst dich zur Zeit in Südafrika um das Marketing, das in den WM-Stadien stattfinden wird. Welchen Eindruck hast du von den Spielstätten?

Ich habe die zehn WM-Stadien im Verlauf der letzten 18 Monate bereits fünf Mal besichtigt. Sechs wurden neu gebaut, vier existierten bereits und wurden 2009 für den Confederations Cup renoviert. Die sechs neuen Stadien sind hochmodern und müssen weltweit keinen Vergleich scheuen. Ich bin überzeugt, dass dort eine tolle Atmosphäre entstehen wird, nicht nur wegen der leidenschaftlichen Fans in Südafrika und aus dem Rest der Welt, sondern auch, weil man sehr nah am Spielfeldrand sitzt. Das Durban Stadion sticht optisch heraus, mit zwei spektakulären Stahlbögen, die das Stadiondach überspannen. Das größte Stadion hat über 90.000 Sitzplätze: Soccer City in Johannesburg, zugleich das Steckenpferd der WM. Dort wird das Eröffnungsspiel und das Finale stattfinden. Zum Vergleich: Die Allianz-Arena in München hat etwa 70.000 Plätze.

Welche Stimmung herrscht derzeit in Südafrika?

Die Menschen hier sind in begeisterter Vorfreude. Das Land wächst zusammen. Die Geschichte des neuen, unabhängigen Südafrika ist ja noch sehr jung. Fußball ist eigentlich der Sport der schwarzen Südafrikaner, der Sport der weißen ist traditionell immer Rugby und Cricket gewesen. Fußball hat die Kraft, die Bürger dieses Landes zu vereinen. Das hautnah miterleben zu dürfen, ist schon etwas Besonderes.



Wie begegnen dir die Leute in Südafrika, wenn sie merken, dass du von der FIFA bist?

Wenn wir in Autos mit WM-Aufdruck unterwegs sind, passiert es schon mal, dass die Menschen einem fröhlich zuwinken. Zu bestimmten Anlässen tragen wir auch FIFA-Uniform, ein dunkelblauer Sakko mit Schriftzug. Da werden einem oft Fragen gestellt, wie die Vorbereitungen laufen oder dergleichen. Die WM reißt die Leute mit.

Wie unterscheidet sich die Atmosphäre von der in Deutschland vor vier Jahren?

Die Mentalität der Südafrikaner ist sehr emotional und leidenschaftlich. Das ist noch mal eine andere Stimmung als vor der WM 2006 in Deutschland. Damals begann die Euphorie ja erst so richtig, als die deutsche Mannschaft die ersten Spiele gewann und das hochsommerliche Wetter seinen Teil dazu beitrug. Hier sind die Leute schon allein deswegen begeistert, weil so ein Großereignis bei ihnen überhaupt stattfindet. Das erste Mal auf dem afrikanischen Kontinent, worauf sie natürlich sehr stolz sind. Und sie hoffen alle, dass Bafana Bafana, so bezeichnen die Südafrikaner ihre Nationalmannschaft, zumindest das Achtelfinale erreichen wird.

Welcher afrikanischen Mannschaft traust du eine Überraschung zu?

Die Elfenbeinküste ist ja beim African Cup of Nations überraschend früh ausgeschieden. Obwohl sie von vielen als derzeit beste afrikanische Mannschaft gesehen wird. Ich setze einfach mal auf Nigeria. Die haben nur wenige auf der Rechnung.



Welche Aufgaben hast du vor Ort?

Ich koordiniere die Marketingbelange und setze die Sponsoringrechte in den Stadien um: Werbebanden, Sponsorenstände, Getränkestände, Merchandiseverkauf, die Flaggenträger und Spielereskorten, Balljungen, die Sponsorenwerbung auf Pressebackdrops und ähnlichem, das Branding im Stadion, die Werbung auf den Videoleinwänden, die Überprüfung der Spielerausrüstung und sonstige Marketingprogramme wie Stadiontouren, Maskottchenauftritte und so weiter. Wo werden die Stände platziert? Wie und wo werden die Sponsoren dargestellt ? Wie sehen die Abläufe am Spieltag aus? Um solche Fragen versuche ich mich zu kümmern.

Was ist daran die Herausforderung?

Der Umfang. Die Bandbreite des Marketings im Stadion ist enorm. Man muss den Überblick behalten. Je näher die WM kommt, desto länger werden die Arbeitstage. Wir versuchen, so weit es geht Probleme vorauszusehen, die während des Turniers auftauchen könnten.

Zum Beispiel?

Das Anstehen in der Schlange vorm Imbissstand in den Stoßzeiten. Wir versuchen, die so weit es geht zu verkürzen.



Was wirst du während der WM tun?

Ich werde in unserem Headquarter in Johannesburg stationiert und im engen Kontakt sein mit all unseren Venue Managern in den einzelnen Stadien. Vor allem in den ersten beiden Turnierwochen werde ich wohl alle Stadien mindestens einmal abklappern, um Abläufe zu beobachten. Es gilt, Probleme zu beheben, die zu Beginn eines Turniers naturgemäß auftreten. Die Erfahrung zeigt: sobald die ersten beiden Spiele in einem Stadion stattgefunden haben, läuft die Maschinerie. Das erste Spiel, speziell in einem neuen Stadion, ist immer etwas knifflig.



Um deinen Zugangspass für alle Stadien beneiden wir dich trotzdem.

(lacht) Ja, ich habe tatsächlich einen Zugangspass für alle Spiele. Aber der dient sicher nicht als Freikarte für einen bequemen Sitz auf der Haupttribüne. Es ist ein Arbeitsausweis, den wir brauchen, um unseren Job verrichten zu können. Wir müssen beispielsweise in den Medienbereich und in den VIP-Bereich, denn auch dort finden Marketingaktivitäten statt. Und ab und an aufs Spielfeld, wo unsere Werbebanden stehen und unter anderem die Balljungen positioniert sind.

Wie sehen die Kontrollen am Eingang eines WM-Stadions aus?

Es gibt zwei Sicherheitszonen. Die erste ist vergleichbar mit dem Abtasten am Flughafen. Es wird kontrolliert, ob du nichts Unerlaubtes ins Stadion mitführst. In der zweiten wird dein Ticket überprüft. Der Ablauf ist ähnlich wie bei jedem Bundesligaspiel.



Welche Rechte erkauft sich eine Firma, wenn sie bei der FIFA einen Sponsorenvertrag unterschreibt?

Grundsätzlich erwirbt jeder Sponsor das Recht, mit der WM zu werben und sich und seine Produkte oder auch Dienstleistungen unmittelbar mit diesem Ereignis assoziieren zu dürfen. Neben den Kampagnen, die ein Sponsor selbst lanciert, beispielsweise TV oder Print, werden ihm unter anderem auch Werbeflächen im Stadion garantiert. Allen voran Werbebanden am Spielfeldrand, die Fernsehzuschauer weltweit sehen.

Was noch?

Das Unternehmen erhält das Recht der Exklusivität in seiner jeweiligen Produktkategorie. Zum Beispiel: Alle Softdrinks, die du in WM-Stadien kaufen kannst, sind ausschließlich von der Coca-Cola GmbH.

Haben die Sponsoren auch Sonderwünsche?

Natürlich. Allerdings ist das vielleicht der falsche Ausdruck, denn die Sponsoren zahlen viel Geld dafür, dass sie im Rahmen der WM werben dürfen. Entsprechend hoch sind ihre Ansprüche an die FIFA. Klar sind sie daran interessiert, dass ihr Firmenname fürs Auge des Fernsehzuschauers und Stadionbesuchers gut sichtbar ist und in einem positiven und emotionalen Kontext wahrgenommen wird. Es gibt aber auch Grenzen. Man muss darauf achten, dass die Sichtbarkeit der Sponsoren im Vergleich zueinander ausgeglichen ist. Außerdem gilt es zu vermeiden, dass am Spielfeldrand ein Basar stattfindet. Denn das wäre letztlich nur kontraproduktiv für die Sponsoren.

[Fotos: Privat / dpa]

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