Wir treten uns in die Eier, bevor wir auf die Bühne gehen

David Weigend

Enter Shikari haben gestern Abend für Billy Talent in Freiburg eröffnet und manche fanden: das war mehr als nur ein Supportgig. fudder sprach vor dem Auftritt mit drei der vier britischen Shikarijungs. Jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, als ein markanter Fish'n Chips-Geruch in die Nasen der Bandmitglieder dringt.



In der Garderobe der Rothausarena sitzen Rob (21, Schlagzeug), Rory (20, Gitarre) und Chris (20, Bass) von Enter Shikari. Für ihr jugendliches Alter haben die Bandmitglieder einen Traumstart hingelegt. Sie scheinen die Dinge in die Hand zu nehmen, etwa das Diktaphon, bevor die erste Frage überhaupt zur Aussprache kommt.


Rob: "Hey Chris, du hast ein Riesenloch in deiner Jeans. Genau im Schritt."
Chris: "Hm, hab's gesehen. Eine Sneak-Preview für die Damenwelt."

Man liest, dass das Internet auf eure Popularität erheblichen Einfluss hatte. Stimmt das?

Chris: Am Anfang haben wir nur Demos an Pubs geschickt. Die Demos haben wir bei mir in der Garage aufgenommen. Die liegt in so 'nem Nest 30 Meilen nördlich von London. Irgendwann haben wir uns auf myspace angesiedelt. Das hat uns schon enorm geholfen. Dennoch, ohne die Ochsentour durch all die Siffschuppen des Vereinten Königreichs hätten wir es nicht dahin geschafft, wo wir heute sind. myspace hin oder her. Wir haben etwa 600 Konzerte gespielt in den letzten vier Jahren.

Rory: Immerhin ist die Plattenfirma Universal über myspace auf uns aufmerksam geworden. Die haben dann vor neun Monaten einen Typen zu unserem Konzert geschickt. Das war ein absoluter Drecksschuppen in Camden. Inzwischen ist der Mann unser Manager.

Chris: Oft werden wir unter dem Schlagwort Internetkarriere mit den Arctic Monkeys verglichen. Fakt ist, dass diese Art, sich selbst und unabhängig von Plattenlabels bekannt zu machen, immer populärer wird. Wir leben nun mal in einer digitalen Welt.

Apropos digital: Irgendein Schlaumeier vom Plattenvertrieb (PIAS) hat sich für Eure Musik den Begriff "Nintendocore" ausgedacht.

Rory: Bizarr. Noch nie gehört.

Chris: Kann mir schon vorstellen, wie so ein Begriff zustande kommt. Klar benutzen wir einige Samples, die wie aus einem Computerspiel klingen. Aber eigentlich haben wir mit sowas nichts am Hut. Eher was mit der Danceszene.

Rob: Genau. Ich liebe Clubbesuche. Ich schaue immer, dass wir uns vom Tourmanagement auf die Gästeliste eines guten Clubs vor Ort setzen lassen. Massive Laser, viele Menschen, hammer viel Alkohol. Sich einfach zuschießen, dann die Arme hoch und abtanzen. So sieht mein Traumprogramm nach einem Auftritt aus. Das ist auch immer ein geiler Ausgleich zu unserer harten Rockshow.

Harte Gitarrenmusik und harte Discomusik, ist das wirklich ein Kontrast?

Chris: Wir wünschen uns, dass diese Szenen sich annähren und das tun sie ja auch. Schon seit langem. Schau dir The Prodigy an.

Rory: Unsere nächsten Liveshows wird wahrscheinlich ein Drum'n Bass-DJ eröffnen.



Wie kriegt Ihr vor jeder Show dieses Aggrofeeling hin, mit dem ihr auf die Bühne geht?

Chris: Wir treten uns in die Eier, bevor's losgeht (lacht).

Rob: Zumindest hier auf der Tour haben wir kaum Zeit, einen adäquaten Soundcheck zu machen. Du bist vor dem Auftritt meist in einer Stresssituation. Das ist schon eine gute Motivation.

Was lernt ihr von Billy Talent in diesen Tagen?

Rob: Ich bin eigentlich kein großer Fan ihrer Musik. Von der Art, wie sie spielen, habe ich mir jetzt nichts abgeschaut oder versucht, etwas zu übernehmen. Aber von der Art, wie sie mit den Zuschauern interagieren, kann man eine Menge lernen. Deine Bewegungen müssen so angelegt sein, dass die Leute in der letzten Reihe noch was mitkriegen.

Chris: Wir spielen jetzt bald in Frankreich in einer kleineren Halle mit nur 1000 Leuten, da können wir auch endlich mal wieder ins Publikum springen. Hier ist der Graben zu groß.

Wie habt ihr eigentlich vor eurem Rockstardasein den Lebensunterhalt bestritten?

Chris: Ich habe bei Woolworth in der Musikabteilung gearbeitet.

Rob: Da habe ich auch gearbeitet, in der Spielzeugabteilung. Außerdem waren wir alle in diversen Universitäten immatrikuliert, im 100 Meilen-Dunstkreis von London. Das Studium gestaltete sich schwierig, weil wir durchschnittlich drei Gigs pro Woche hatten.

Chris: Um drei Uhr morgens ins Bett, um neun Uhr in der Früh Vorlesung. a pain in the ass. Und dann noch Konzerte am Wochenende.
Rob: Die Idee mit dem Studium haben wir dann relativ schnell aufgegeben und uns ganz der Band gewidmet.



Die schrägsten Bands, mit denen ihr euch in England die Bühne geteilt habt?

Rory: Yndi Halda. Sehr experimentell. Mit Geige, wie Mogwai, nur abgefahrener.

Rob: Einmal haben wir mit Saved by Zero gespielt. Die hatten völlig kranke Akkorde und Taktbezeichnungen. Sie nannten ihre Musik Jazzcore. Sehr gut. Die Gitarre hat sich angehört wie ein stotternder Motor. Leider gibt's die Band nicht mehr.

Chris: Wir haben am Anfang sehr zweifelhafte Auftritte gehabt mit null bis fünf Zuschauern und nach uns haben noch zwei Countrybands gespielt.

Rob: Ich rieche Fish n' Chips.

Guten Appetit!