Wir sind geflüchtet

Konstantin Görlich

Ahmed wollte Fußballprofi beim SC Freiburg Ägyptens werden, Basel Kridli war der beste Informatiker seiner syrischen Uni, Osman Resic ist Zeuge eines bosnischen Missbrauchsfall und mafiabedroht. Was sie eint: Sie sind auf irren Wegen nach Südbaden geflüchtet - und erzählen hier ihre Geschichte:


Basel Kridli (22), Informatiker, staatenlos

"Kenzingen ist das Paradies"

  "Ich war als Computertechniker bekannt in Latakia. Das ist in Syrien. Ich studierte Informatik. Als Jahrgangsbester 2014 hätte ich ein Master-Stipendium bekommen, aber zwei Kommilitonen, die schlechter waren, wollten das auch. Sie waren Aleviten mit Kontakten zu Assads Militärpolizei, ich bin palästinensischer Flüchtling, Sunnit. Eines Abends war plötzlich die Militärpolizei bei mir zu Hause, wollte mich verschwinden lassen, aber ich hatte Glück, war nicht da. Am nächsten Tag begann meine Flucht.

Über den Landkreis Aleppo floh ich, durch ein Gebiet, das damals von der Freien Syrischen Armee (FSA) kontrolliert wurde. Mit deren Hilfe kam ich in die Türkei.  Wieder hatte ich sehr viel Glück: Der türkische Grenzschutz schoss auf mich und meine Gruppe, als wir einer schwangeren Frau durch den Panzergraben halfen, aber sie trafen uns nicht und wir waren schneller.

Mein vollkommen überfülltes Boot in die EU  havarierte, aber es sank nicht, so wie das nach mir. Alle Menschen, die darin geflohen waren,  sind ertrunken. Und das war nicht das letzte Mal, dass ich unwahrscheinliches Glück hatte. Meine Eltern hielten mich über eine Woche lang für tot, weil sich die Überfahrt so sehr verzögert hatte.

Aber ich bin nicht tot, sondern im Paradies, in Kenzingen, das ich meine Heimat nenne. Besser hätte dieser Horrorfilm nicht enden können. Ich lerne weiter Deutsch, ich mache mein Abitur und ich werde wieder Informatik studieren. Und ich werde wieder der Beste sein!"


Osman Resic (45), Maurer, Bosnien-Herzegowina

"Ich bin doch kein Krimineller!"

"Vor anderthalb Jahren bin ich allein mit dem Bus aus Bosnien nach Deutschland geflohen. Nach drei Monaten kam meine Familie nach. Seit einem Jahr und zwei Monaten leben wir jetzt im Eichhof in Simonswald. Hier ist alles gut, die Unterbringung und die soziale Integration. Unsere Tochter lebt in Denzlingen und geht in Freiburg zur Schule.

In Bosnien wurden wir von der Mafia und der Polizei bedroht –  das ist eigentlich dasselbe, so schlimm ist es dort mit der Korruption. Wir sind Zeugen in einem Missbrauchsfall, das Mädchen wurde in unserer Nachbarschaft acht Jahre lang  wie eine Sklavin gehalten. Wir haben Angst, dass sich die Mafia an uns rächt, sollten wir zurückkehren. Die sagen natürlich, dass wir lügen. Die Polizei versuchte, unsere Aussagen zu vertuschen.

Unsere Chance auf Asyl in Deutschland ist allerdings minimal, wie bei allen Flüchtlingen vom Balkan. Es ist sehr schwierig, den deutschen Behörden zu vermitteln, dass unser Fall anders ist. Wir haben hier schon eine Abschiebung beobachtet. Wenn es nachts an der Tür klopft, habe ich immer Angst, dass es die Polizei ist. Ich bin doch kein Krimineller!"


Jailan Shekho (22, Mitte, kurdische Studentin aus Syrien), mit Sohn Miran Omar, Ehemann Ahmed Omar (31, links) und Bruder Mohammed Shekho (17, rechts)

"Ich will endlich wieder studieren"

"Ich studierte im zweiten Jahr  Agrarwissenschaften in Aleppo. Mit meinem Mann Ahmed  und meinem Bruder Mohammed  floh ich im Juli 2013 vor dem Krieg. Erst zu meinen Eltern, in ein kurdisches Dorf direkt an der Grenze, und dann in die Türkei. Aleppo kennt jeder aus den Nachrichten. Regierungstruppen, Rebellen, al-Qaida und inzwischen auch der Islamische Staat haben unsere Stadt in Schutt und Asche gelegt.

Wir können das nicht verstehen, wir mussten einfach weg, es ist einfach Krieg. Der Weg nach Deutschland – für uns das Paradies –  war sehr lang und schwierig. Ich war schwanger, mein Sohn Miran kam während der Flucht zu Welt. Jetzt ist er ein Jahr und zehn Monate alt und geht in den Kindergarten. 7000 Euro pro Person mussten wir für die Flucht auf dem Landweg in die EU bezahlen. Am ersten Tag in Deutschland, in Karlsruhe, mussten wir draußen schlafen. Es war sehr kalt, Miran hatte fast 41 Grad Fieber. Auch in den Wohnheimen war es sehr laut und schmutzig, kein Ort für ein kleines Kind.

Zum Glück haben wir jetzt seit zwei Monaten unsere Wohnung in Freiburg. Ahmed ist Ingenieur und hat einen Job in Ehrenkirchen gefunden, mein Bruder geht zur Schule und möchte eine Ausbildung machen. Und ich hoffe, dass ich nach Deutsch- und Integrationskursen wieder studieren kann."


Ahmed Hekal (19), Fußballspieler aus Ägypten

"Ich brauche einen Ausbildungsplatz"

"Schon als Kind spielte ich Fußball, Stürmer. Auch beim Zweitligisten Ghazl El Mahalla SC, das ist  ungefähr der SC Freiburg Ägyptens. Ich wäre auch Profi geworden, aber erstmal musste ich aufhören, die Schule hatte Vorrang und das Geld reichte nicht. Ein Trainer sagte, ich sei so gut, ich könnte bei Al Ahly Kairo spielen, der besten Mannschaft in Ägypten.

Aber nach den Stadion-Ausschreitungen von Port Said 2012 wurde der Fußballverband aufgelöst und erstmal kein Fußball gespielt in Ägypten. Zusammen mit der hohen Jugendarbeitslosigkeit gab es damit für mich keine Perspektive mehr in meiner Heimat. Ich habe mich verschuldet, um die 7000 Euro teure Überfahrt als blinder Passagier in einem Frachter zu bezahlen. Statt vier dauerte es 15 Tage, bis ich völlig abgemagert in der EU ankam. Das ist  drei Jahre her.

Gerade habe ich in Freiburg einen guten Hauptschulabschluss gemacht. Ich bin in Deutschland nur geduldet, bis ich 21 bin. Darum brauche ich jetzt eine Arbeitserlaubnis und einen Ausbildungsplatz. Ich würde gerne Friseur werden, am liebsten aber etwas mit Sport machen –  oder doch Fußball-Profi: Kürzlich riet mir sogar ein Schiri wieder genau dazu."


Firas Diab (34), Kinderchirurg aus Syrien

"Als Arzt musste ich neutral sein"

"Bereits innerhalb von Damaskus bin ich mit meiner Familie sieben mal geflohen. Die Grenzen zwischen Regierung und Freier Syrischer Armee änderten sich ständig. Für mich als Arzt war jeder Grenzübertritt gefährlich: Ich hätte mich entscheiden müssen, auf wessen Seite ich stehe. Aber ich muss neutral sein, schließlich habe ich den hippokratischen Eid geschworen!

Also flohen wir nach Ägypten, denn Jordanien und Libanon waren viel zu teuer und viel zu voll. In Ägypten kam allerdings nach zwei Monaten Diktator Sisi an die Macht. Als syrischer Flüchtling konnte ich nun nicht mehr als Arzt arbeiten, sondern hatte nur noch die Wahl zwischen erneuter Flucht und Gefängnis.  Also wagten wir die Überfahrt über das Mittelmeer, in die EU, in einem kleinen, vollen Boot für 3500 Euro pro Person. Das dauerte insgesamt acht Tage.

Meine kleine Tochter war erst vier Monate alt und wäre beinahe gestorben, lag im Koma, bewegte sich nicht mehr. Jetzt leben wir in Freiburg, wo mein Bruder bereits lebte. Ich mache meine deutsche Approbation und arbeite dann hoffentlich bald in Freiburg in meinem Beruf als Kinderchirurg."

"Bitte nicht meinen Namen!"

Viele Geflüchtete haben uns gerne ihre Geschichte erzählt – vor einer Veröffentlichung schreckten sie aber zurück. Oft sprach ein Grund dagegen: Angst um Angehörige, die nicht fliehen konnten. Es ist die Angst vor dem Islamischen Staat oder der Regierung des Herkunftslandes. Die Angst, hier in Deutschland mit der Sicherheit – dem Leben – der Zurückgelassenen erpresst zu werden. Diese Angst steht in starkem Kontrast zur eigenen Offenheit der Geflüchteten.

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[Fotos: Konstantin Görlich]