Erinnerung

Wir sind die Nachfahren Freiburger NS-Opfer

Anja Bochtler

Rund 50 Überlebende des NS-Terrors und ihre Nachfahren sind bis zum heutigen Montag in Freiburg unterwegs – auf den Spuren ihrer Familien. Fünf von ihnen erzählen ihre dramatischen Geschichten.

Thomas Dulle, Urenkel von Emil Homburger: Die Gespräche sind wichtig

1933 wurde der Freiburger Anwalt Emil Homburger verhaftet, er starb später im KZ Buchenwald. Sein Enkel Axel Dulle und der Urenkel Thomas Dulle denken oft an ihn.
"Als die Einladung nach Freiburg kam, haben wir uns zuerst gefragt: Ist das zeitlich nicht sehr weit weg? Ich bin der Urenkel von Emil Homburger und 1983 geboren – ich bin übrigens Anwalt, genau wie er. Ich lebe in Nürnberg, mein Vater wohnt in Heilbronn. Auch wenn alles lange her ist, finden wir es wichtig, darüber zu sprechen. Solche Traumatisierungen setzen sich in Familien ungeheuer lange fort. Mein Vater hatte immer nur ein Großelternteil, seine Oma. Sein Großvater, über den alle viel Gutes erzählten, hing nur noch als Ölgemälde im Arbeitszimmer. Der Nationalsozialismus hat unsere Familie gespalten: Mein Großvater hat die Tochter meines ermordeten Urgroßvaters geheiratet, sein Bruder war Nazi und gegen die Heirat mit einer Jüdin. Zu ihm hatte die Familie nie mehr Kontakt. Meine Großeltern konnten erst nach dem Krieg heiraten. Und obwohl da alles vorbei war, hat der Standesbeamte in Freiburg sie erst noch nach ihrem Ariernachweis gefragt."

Georg de Hevesy junior, Sohn von Geor de Hevesy: Trotz allem verbunden

Erst Berufsverbot, dann 1934 die Flucht Richtung Schweden: Georg de Hevesy jun. erinnert sich an die Freiburger Zeit seines Vaters George de Hevesy.
"Mein Vater hatte Freiburg furchtbar gern. 1961, fünf Jahre vor seinem Tod, zogen meine Eltern sogar wieder hierher. 1943 hatte mein Vater den Nobelpreis für Chemie bekommen, in Freiburg dagegen hatte ihm der Universitätsrektor Martin Heidegger verboten, an der Uni weiterzuarbeiten. Trotzdem blieb er der Stadt verbunden. Auch für mich ist es meine Lieblingsstadt. Freiburg ist so schön, es gibt viel Kultur, die Menschen sind freundlich. Ich wurde 1928 in der Rosastraße 21 geboren. Nach dem Krieg war ich mit meinen Eltern öfter hier, dann lange nicht mehr. Als eine meiner Schwestern vor etwa 15 Jahren nach Merzhausen zog, habe ich sie manchmal besucht. Vor allem später, als sie krank wurde und im Evangelischen Stift lebte. Inzwischen ist sie tot. Ich selbst bin 88 Jahre alt, war Kinderarzt und lebe in Lidingö, einer Vorstadt von Stockholm. Mit dem Flugzeug war ich acht Stunden nach Freiburg unterwegs. Ich finde dieses Wochenende einfach fantastisch."

Ingrid Metzger-Buddenberg, Tochter von Eva Bartenstein-Metzger: Eine vage Erinnerung an die zwei Männer in weißen Kitteln

In letzter Minute wurde Eva Bartenstein-Buddenberg gerettet. Ihre Tochter Ingrid Metzger-Buddenberg lebt in Basel.
"Meine Großmutter hat mir von meiner Mutter erzählt. Sie war phasenweise psychisch krank, wahrscheinlich manisch-depressiv. Ich wurde 1933 geboren und bin nun fast 84 Jahre alt. Mit acht Jahren habe ich miterlebt, wie zwei Männer in weißen Kitteln meine Mutter abgeholt haben. Sie wurde nach Emmendingen und Schussenried gebracht und sollte in die Tötungsanstalt Grafeneck weitergeschickt werden. Meine Großmutter hat sie im letzten Moment abgeholt und so vor der Ermordung gerettet. Ich bin in 21 Pflegefamilien aufgewachsen, an unterschiedlichen Orten. Bis ich 17 Jahre alt war, habe ich auch immer wieder in Freiburg gelebt. Dieses Wochenende bedeutet mir sehr viel. Ich fühle mich Freiburg sehr nahe. Ich war in Basel Archivarin und Bibliothekarin und lebe dort. In Basel redet niemand über die NS-Euthanasie. Ich lese sehr viel darüber. Es ist gut, dass das Thema in Deutschland nun endlich stärker beachtet wird."

Michelle Kaye, Urenkelin von Flora Baer: Die überraschende Entdeckung

Die Wurzeln ihrer Urgroßmutter Flora Baer fand Michelle Kaye aus Glasgow erst vor kurzem. Fotos gibt es nur von deren Tochter. Flora Baer starb in Grafeneck.
"Meine Eltern und ich sind sehr froh über dieses Wochenende. Wir wollten immer nach Freiburg kommen. Ich bin Archivarin in Glasgow. Vor ein paar Jahren habe ich im Internet den Namen meiner Urgroßmutter eingegeben und bin über die Freiburger Stolpersteine auf sie gestoßen. Das war völlig überraschend. Meine Großmutter hat als Kind in einem Heim in Frankfurt gelebt und kam mit einem Kindertransport nach Glasgow. Ich wusste nichts von Freiburg und dachte, meine Urgroßmutter sei ermordet worden, weil sie Jüdin war. Doch sie war wohl krank und starb als Euthanasie-Opfer in der Tötungsanstalt Grafeneck. Als ich das herausfand, war meine Großmutter schon tot. Sie hat nie herausgefunden, was passiert ist. Sie erzählte nicht gern von ihrer Kindheit. Es ist seltsam, hier zu sein, wo meine Urgroßmutter gelebt hat. Freiburg ist hübsch, aber die Stolpersteine erinnern daran, was geschah."

Noga Rosenthal, Enkel von Julian und Sophie Rosenthal: Auf Vergangenheitstour, um endlich mehr zu erfahren

Julian Rosenthal wurde 1942 im KZ Auschwitz ermordet, seine Frau Sophie starb auf dem Weg dorthin. Ihr Enkel Noga Rosenthal lebt in Israel.
"Meine Frau und ich sind am Freitag um halb drei Uhr nachts aufgestanden für unsere Reise nach Freiburg. Wir wohnen zehn Kilometer nördlich von Haifa, die Reise an sich hat acht Stunden gedauert. Ich bin nicht das erste Mal hier. Zuletzt waren wir vor fünf Jahren bei einer "Vergangenheitstour" auf der Suche nach Spuren von meinen Großeltern. Wir waren auch in Eichstetten, wo meine Großmutter aufgewachsen ist. Leider konnte mir mein Vater nicht viel von seinen Eltern erzählen: Er starb 1946, als ich sieben Jahre alt war. Ich habe erst viel später von Marlis und Andreas Meckel, den Initiatoren der Stolpersteine, sehr viel erfahren. Dafür bin ich ihnen ungeheuer dankbar. Ich hoffe, dass ich an diesem Wochenende noch mehr herausfinden kann. Was ich aber sicher weiß, ist, dass mein Großvater furchtbar enttäuscht gewesen sein muss von Deutschland: Im Ersten Weltkrieg hatte er für den Kaiser gekämpft und das Eiserne Kreuz bekommen. Er hatte sich immer viel mehr als Deutscher statt als Jude gefühlt. Ich habe Kerzen neben den Stolpersteinen für meine Großeltern am Rathausplatz aufgestellt. Freiburg ist eine schöne Stadt. Ich mag aber auch Köln – dort habe ich in den 1960ern Sport studiert, ich war Sportlehrer. "
Die Einladung

Rund 50 Überlebende des NS-Terrors und ihre Nachfahren sind bis Montag in Freiburg unterwegs – auf den Spuren ihrer Familien. Eingeladen zum gemeinsamen Erinnern hat die Stadt Freiburg. Der Anlass: das Gedenken zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz am Sonntag und die NS-Ausstellung im Augustinermuseum.

Mehr zum Thema: