Wir sind dann mal oben…

Clemens Geißler

Was als ein harmloser Fußballschau-Sonntag gedacht war, entwickelte sich unverhofft zu einer spontanen Meister- und Aufstiegsfeier in den Kneipen und Straßen der Innenstadt. Nicht nur, dass der Sportclub einen souveränen 5:2-Auswärtssieg einfuhr, spielte auch noch die gesamte Konkurrenz unverhofft für Freiburg. Stationen eines Gänsehaut-Events im Come Inn.



Nach Spielende gibt es kein Halten mehr: 2.000 Freiburger Anhänger stürmen wie von Sinnen den Rasen des Koblenzer Stadions. Mitten in der riesigen Menschentraube befinden sich die Sportclub-Profis. Die einen tanzen und jubeln mit den Fans, andere übergießen sich mit Champagner, wieder andere – wie etwa Ivica Banovic – geben dem im SC-Schal eingekleideten Premiere-Reporter Interviews. Endlich ist der Aufstieg geschafft!


Ja, es hat sich wirklich gelohnt, dem Arrangement blumengeschmückter Biertische, das vielerorten anlässlich des Muttertags angerichtet wurde, den Rücken zu kehren und gegen einen Thekenplatz im abgedunkelten Come Inn einzutauschen. Denn obwohl zwischen Koblenz-Oberwerth und Freiburg- Wilhelmstraße exakt 329 km liegen, fühlt man sich, als würde man direkt am Spielfeldrand stehen.

Von Anfang an springt der Funken über – auch wenn man erst zehn Minuten nach Anpfiff kommt und schon mal zwei Tore verpasst hat. Man ordert Bier und Radler, da und dort auch Weinschorle sauer, Spezi oder Kaffee. Das Mitfiebern verbalisiert sich in fußballtypischen Sentenzen: „Bring se rei!“ , „Mensch, so ein Schwachsinn, rechts isch doch de ganze Flügel offe!“ , „Wechsel endlich de Schwaab aus!“



Auch als Krontiris zwischenzeitlich den Ausgleich markiert, bleibt man optimistisch: „Ein Tor und sie sind durch! Sie schaffen es heut!“ Gleich viel Überzeugung beinhaltet auch der Aufkleber an der Toilettenwand. Einzig der lebende Fußabtreter im Vorraum interessiert sich nicht die Spur für das Geschehen.

Halbzeit zwei ist dann tatsächlich eine Demonstration von Willen und Klasse der Breisgauer. Auswärts fünf – überdies toll herausgespielte – Tore zu erzielen, auch nach einer knappen Führung weiter nach vorne zu spielen und trotz aller erdenklichen Nebenkriegsschauplätze die volle Konzentration zu bewahren – all das ist schon vor Spielende erstklassig!

Tolle Szenen, wohin der Blick auch fällt: Feiernde Fans im Gästeblock, eine Arm in Arm auf den Schlusspfiff wartende Ersatzbank „Nie mehr Zweite Liga“- beziehungsweise „Nie mehr DSF“-Gesänge, bis sich schließlich alle in den Armen liegen. Im Come Inn dagegen ist die Stimmung nach kurzem Zwischenjubel dann eher gefasst.



Das liegt bestimmt nicht an Emir, dem Wirt des Come Inn, der sich mittlerweile einen Sportclub-Schal umgebunden hat und in einem fort Tabletts mit Jägermeistern „aufs Haus“ beischleppt. Alle prosten sich „auf den Sportclub“ zu, schauen dann aber gleich wieder auf die lange herbeigesehnten Jubelszenen aus Koblenz: Champagnerduschen, Spieler- und Menschenschlangen, in den Himmel gereckte Meisterschalen.

Ein Hingucker sind besonders die roten Aufstiegs-T-Shirts: Auf der Vorderseite steht unter anderem Aufsteiger - erschtklassig, auf dem Rücken prangt ein Abschiedsgruß an die Konkurrenz: „Wir sind dann mal oben.“



„Wir sind dann mal am Bert“ verabschieden wir uns von Emir, um an einer Innenstadt-Meisterfeier teilzunehmen. Der Autokorso rund um das Stadttheater ist für kurz nach Spielschluss recht ansehnlich. Viele der sonntäglichen Altstadtbesucher haben aber offenbar nicht den geringsten Plan, worum es sich bei dieser Versammlung überhaupt handeln soll, zumal sich etliche Fans kleidertechnisch erst gar nicht als solche zu erkennen geben und einfach nur mit der Pilsflasche in der Hand vorbeifahrende Autos anschreien.

Die Feier am Bertoldsbrunnen ist insofern nicht so geglückt, als es sie überhaupt nicht gibt. Man trifft alles mögliche an: Schaufensterbummler, eisessende Liebespärchen und zeittotschlagende Jugendliche. Keine Spur von Fans und schon gar keine von Feiern. Erst später am Stadion gibt es die verdiente Heim-Aufstiegsfeier, als die Fans die Mannschaft in Empfang nehmen.

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