Wir müssen nur wollen: Freundschaft oder Musikgeschäft?

Max Orlich

Die Popband "Wir" aus Endingen gehört seit 2005 zu den fleißigsten Bands der Region. Es gibt kaum einen Band-Contest, bei dem das Trio noch nicht dabei war, sie organisieren in Eigenregie Touren in ganz Deutschland, und wochenends sind sie auch noch als Straßenmusiker auf der KaJo anzutreffen. Ende Oktober stieg Bassist Robin überraschend bei "Wir" aus. Was war passiert? fudder-Autor Max hat sich auf die Suche nach einer Antwort gemacht. Und erfahren, was passieren kann, wenn eine Schülerband den Einstieg ins Musikbusiness schaffen will.



Bürgerhaus Endingen, Mitte November. Ein Konzert der Band "Wir". Das Trio hat mehr als 300 Konzerte gespielt, doch dieses ist ein besonderes. Es ist das letzte mit Bassist Robin Schopferer (Bild oben rechts). Denn Robin steigt aus. Robins Familie, Freunde und Fans stehen vor der Bühne, skandieren seinen Namen. Hier und da fließen Tränen. Hin- und hergerissen zwischen Rührung und Erleichterung genießt Robin den Auftritt. Für ihn ist es der Abschluss des Kapitels "Rock’n’Roll".

2004 gründen die Schulfreunde Peter Deichmüller, Nicholas Kuri und Robin Schopferer aus Endingen, damals knapp 15 Jahre alt, "Wir". Peter sitzt am Schlagzeug, Nico spielt Gitarre und singt, Robin spielt Bass. "Wir" sind zunächst eine typische Schülerband. Nach anfänglichen Lockerungsübungen mit Coverversionen entstehen bald eigene Songs, lebhafter Gitarrenpop mit deutschen Texten. Schnell erspielen sich "Wir" mit ihrer Präsenz bei Band-Wettbewerben in der Region und als Straßenmusiker eine Fanbasis und einen Hauch von Lokal-Prominenz. Das Trio tritt auf im ZDF-Fernsehgarten, im Europapark und als Vorband für Silbermond in der Freiburger Rothaus Arena. Es wird gefördert im Bandpool der Pop-Akademie Mannheim und bei der Volkswagen Soundfoundation.

Drei Freunde vom Land auf dem Weg nach oben. Nur: Was ist überhaupt oben? Und: Was wollen "Wir" da? Die Auffassungen der Bandmitglieder, wer "Wir" sind und was "Wir" wollen, driften schnell auseinander. Für Robin steht der Spaß an der Musik im Mittelpunkt und die Freude daran, mit den Kumpels etwas auf die Beine zu stellen: "Wir haben als Freunde angefangen, die gerne zusammen Musik machen", sagt Robin heute. Zwar sieht er die Band zu der Zeit nicht nur als reines Proberaum-Projekt, kann sich vorstellen, die Musik auf einem professionelleren Niveau anzugehen, aber Robin will sich solchen Zielen nicht unterordnen, sich nicht verbiegen: "Ich will so sein können, wie ich bin, und mir nichts vorschreiben lassen, auch nicht von meinen Freunden."



2007 kündigt sich zum ersten Mal eine konkrete Karriere-Chance an. Die Band ist in der Finalrunde eines Band-Wettbewerbs, es winkt ein Plattenvertrag mit einem großen Label. Der Vorvertrag liegt schon auf dem Tisch, doch Schlagzeuger Peter unterschreibt ihn nicht. Er entscheidet sich gegen die Band – und für sein Abitur. Peter und Robin, der Peters Haltung teilt, geraten mit Sänger Nico aneinander. Denn der hat viel vor mit der Band. "Mir war es immer wichtig, sehr groß zu denken, was anderen eher Angst macht", sagt Nico heute. "Ich sehe mich als einen sehr perfektionistischen Menschen, dem es nie weit genug gehen kann."

Nie weit genug.

Als Konsequenz haben die Mitglieder von "Wir" nicht mehr nur eine Schülerband, sondern einen aufwändigen Nebenjob als Bandmitglieder. Zielstrebig arbeitet Nico am Vorankommen der Band vom Kaiserstuhl, bucht Gigs in ganz Deutschland, vereinbart Interviewtermine mit Zeitungen und Radiosendern. "Jede Band braucht jemanden, der zieht und welche, die mitziehen oder sich ziehen lassen", sagt Nico. Er will es schaffen. Und zwar nicht mit Casting-Shows und Plastik-Pop, sondern über den althergebrachten langen Weg durch die Clubs, mit Schweiß, Talent und Arbeit.



Wo genau der Weg hinführen soll, ist ihm nicht klar. Dass er diesem Traum Freundschaften unterordnen will, allerdings schon. Peter wird am Schlagzeug durch Simon Buchholz aus Rastatt ersetzt (Bild oben, Mitte); ein Wechsel, der für Robin alles ändert. Er erlebt die Band nicht mehr als "Wir", sondern als "Ich und die".

Dabei bleiben trotz Nicos Bemühungen greifbare oder gar finanzielle Erfolge aus. Ihre Alben veröffentlicht die Band in Eigenregie; die Konzerte sind größtenteils ein Verlustgeschäft. Nur die Straßenmusik bringt hier und da ein wenig Geld in die Bandkasse. "Es wurde viel Geld ausgegeben und investiert, aber Geld rein kam abends meist nicht," kritisiert Robin. "Nico hat die Band übereifrig und teilweise auch unwirtschaftlich gemanagt." Ein Problem, das man eher bei einer Hitparaden-Band erwarten würde, als bei einem solchen – wenn auch sehr ambitionierten – Privat-Projekt.

Zwei Fragen beschäftigten Robin mehr und mehr: "Macht es mir noch Spaß?" und "Was ist das Beste für die Band?"

Nicht nur, weil er sie sich selbst stellt; Nico und der neue Drummer Simon erwarten mehr Einsatz, beginnen zu drängeln. Robin zieht sich zurück, überlegt, bespricht sich mit Freunden außerhalb der Band. Außerdem sucht und findet er einen Ausbildungsplatz, für Sänger Nico ein klares Votum gegen die Karriere-Option mit "Wir". Nico beginnt heimlich mit der Suche nach einem Ersatz für Robin. Die Band steht am Scheideweg. Robin trifft schließlich seine Entscheidung. Gegen "Wir".

Ausgesprochen wird die Entscheidung – nach langem Schweigen –  am Telefon: Robin in Endingen, Nico und Simon in Rastatt. Trotzdem probt die Band, die keine mehr ist, in den Wochen danach noch zusammen. Im Proberaum herrscht angespannte, distanzierte Stimmung. Robin bleibt nur dabei, weil er ein gelungenes Abschiedskonzert spielen möchte. Als Ersatz heuert Nico Hannes Gotschny aus Ulm an und kappt so die regionalen Wurzeln.



Für Nico hat sich der Kern der Band trotzdem nicht verändert. "’Wir’ ist immer noch 'Wir'. Es war nie meine Absicht, Bandmitglieder rauszuwerfen. Im Vordergrund stand immer Zwischenmenschlichkeit", sagt er. Robin ist anderer Meinung: "Das Wir-Gefühl ist kaputt. 'Wir' sind jetzt drei Fremde." Trotzdem betonen beide mehrfach, dass es eine "Trennung im Guten" gewesen sei.
Nico versucht mit seinen neuen Mitstreitern weiterhin den Durchbruch als Profimusiker, ist noch immer auf der Suche nach einer Plattenfirma und einem Management. 2010 will er mit einem neuen Album, einer weiteren Tour noch professioneller den Erfolg suchen.

Auch Robin plant derweil seine Zukunft. In der sind Beruf und Musik getrennt. Der Versuch der Rock-Karriere wird ihm auch dank des Abschlusskonzerts in Erinnerung bleiben. Irgendwann will er wieder bei einem Konzert von "Wir" dabei sein, nicht auf, sondern vor der Bühne. Vielleicht sogar als Fan.

 

Video: WIR - Magentätowierung

Quelle: YouTube
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Mehr dazu:



Was:
Wir als Support für Silbermond
Wann: 19. Dezember 2009
Wo: Europahalle Karlsruhe [Fotos 1–3: Promo, Foto 4: Martin Neumann]

Foto-Galerie: Wir, live in der Mensabar, 11. Dezember 2009

Fotos: Martin Neumann

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