"Wir investieren € 234,60.- in Müll"

Christian Schmidt

Bei uns zu Hause (3-Personen-Erwerbstätigen-WG) bleiben Rechnungen immer erst ein paar Tage im Briefkasten liegen bevor sich jemand ranwagt (als ob sie dadurch ihren Schrecken verlieren würden). Deshalb haben wir es auch erst am Wochenende bemerkt. Der jährliche Abfallgebührenbescheid (in nettem grau-rosa gehalten) wurde gegen Samstagmittag im Beisein aller Bewohner geöffnet und er war nichts weniger als ein Schlag ins Kontor.


Was im letzten Jahr noch 149,76 Euro kostete, soll nun plötzlich 234,60 Euro Wert sein. Leider existiert von der darauf folgenden, hitzigen Diskussion kein Tondokument, aber es wäre ohnehin nicht vorzeigbar. In meinem Gedächtnisprotokoll sind jedoch einige Wortfetzen hängen geblieben: "man ruiniert uns // kann man aus der gesetzlichen Müllentsorgung aussteigen? // welche illegalen Alternativen findet google? // lasst uns den Müll zerhächseln und im Klo runterspülen." Die ohnehin aggressive Stimmung wurde im Übrigen zusätzlich durch das kleine Infoblättchen angeheizt , das der Rechnung beilag. Die Gründe für die 57 Prozent Erhöhung wolle man darin erläutern, doch es sind diese typischen PR-Textchen, in denen von "bürgerfreundlichen Lösungen" und "notwendigen Schritten" die Rede ist.



Zusätzlich hat die Stadt auf ihrer Homepage eigens eine Unterseite angelegt, die sich mit dem Thema Abfallgebührenerhöhung beschäftigt. Vielleicht findet dort der ein oder andere in den Gebühren-FAQs die Argumente, die ihm eine siebenundfünfzigprozentige Erhöhung gerechtfertigt erscheinen lassen. Viele Freiburger haben die Argumente aber nicht überzeugt. Mehr als 1.000 Bürger haben sich bei der Stadt persönlich und telefonisch beschwert, wie die Freitagsausgabe der BZ in ihrem Artikel Der Müll, die Stadt und etwas Wut (für Abonnenten) berichtete. Nachdem wir uns (schweren Herzens) gegen illegale Alternativen der Müllentsorgung entschieden hatten , aber auch ein Downgraden unseres 60-L-Müllgefäß', wöchentliche Abfuhr nicht in Frage kam, haben wir uns entschlossen die Sache mit Würde zu tragen und das beste daraus zu machen (= sich das Unvermeidbare schönreden). "Wir investieren in Müll" lautet jetzt die Parole. Denn der Müllbehälter wird ab sofort zum Merkmal sozialer und ökonomischer Distinktion. Unser üppiger SULO signalisiert schon von weitem: "hier leistet sich jemand Müll!" Schon jetzt sind wir die Einzigen im ganzen Haus, die ihren Abfall wöchentlich entsorgen lassen. Auch in Sachen Behältergröße sind wir Krösus. Während die Studenten-WG im Nachbarhaus mit ihrer armseeligen 14-täglichen 35-Liter-Entleerung müllmässiges Mittelmaß signalisiert, sind wir in der Hermann-Mitsch-Straße als Großkunden bekannt.

Das Thema Müll beginnt unser Leben zu bestimmen

Zu allem Überfluss streikt jetzt auch noch die Müllabfuhr, wie ich gerade bei BZ-Online lesen musste. Ein Blick aus dem Fenster verifizierte die Horrormeldung. Ungeleert steht er auf dem Bürgersteig, unser Müllbehälter.Der Streik sei auf unbestimmte Zeit angesetzt, höre ich gerade im Radio und unser nächster voller Müllsack ist schon in der Pipline. Was wir tun, wenn die Müllabfuhr tatsächlich erst wieder in vier Wochen vorbeischaut, weiß ich noch nicht. In jedem Fall wird dieses Thema fortgesetzt...