"Wir haben keine Grenzen" – Julian Knoth von der Band Die Nerven im Interview

Bernhard Amelung

Das aktuelle Album "Fake" der Nerven klingt warm, fast poppig. Am Sonntag stellen sie es im Waldsee vor. fudder hat mit Bassist Julian Knoth über Punk, Wut und die Toskana gesprochen – und verlost 3x2 Freikarten.

Julian, die Texte auf eurem aktuellen Album wirken nihilistisch. Wie geht es den Nerven?

Julian Knoth: Welchen Song meinst du?

Der erste Song eures neuen Albums "Fake" enthält zum Beispiel die Zeile "alles zerfällt."

Julian Knoth: Den Text zu diesem Song hat Max (Rieger, d. Red.) geschrieben.

Lass uns trotzdem darüber sprechen. Was beschäftigt euch?

Julian Knoth: Uns hat das politische Weltgeschehen der vergangenen drei, vier Jahre beschäftigt. In Zeiten eines wachsenden Populismus und Krisen kam es uns vermessen vor, nur über eigene Empfindlichkeiten und Ängste zu singen. Wir sind sehr privilegiert, da wir in Süddeutschland in einer heilen Welt leben. Wenn man sich bewusst wird, dass es nicht überall so läuft, zerfällt ein Weltbild.



Fühlt ihr euch orientierungslos?

Julian Knoth: In unseren Songs geht es viel um innere und äußere Krisen, um Lähmung, Macht- und Orientierungslosigkeit. Es ist heute schwer, zu wissen, wo man steht, was falsch ist und was wahr. Trotzdem gibt es hinter all diesen Schleiern etwas Echtes und so etwas wie Hoffnung.

Wie sieht diese aus?

Julian Knoth: Es geht immer weiter. Auch in Momenten, in denen man denkt, dass alles aufhört, geht am darauffolgenden Tag wieder die Sonne auf. Das klingt kitschig. Ich bin auch wirklich kein spiritueller Mensch. Aber habe auch als Band erfahren, dass es immer weiter geht.

Und zwar?

Julian Knoth: Wir sind hart an unsere Grenzen gegangen. Drei, vier Mal standen wir kurz davor, uns aufzulösen. Wir haben gelernt, dass es gut ist, auch über solche Momente zu reden und zu überlegen, wie es weitergehen kann. Wir haben viele Höhen und Tiefen erlebt. Wir haben gelernt, dass das Leben weiter geht, auch wenn es Die Nerven einmal nicht mehr geben sollte. Das Leben verläuft nicht gerade, es verläuft in Wellen.

Das Bild der Wellen taucht auch in euren Songs immer wieder auf.

Julian Knoth: Es ist wichtig, zu erkennen, dass es immer wieder bergauf gehen kann, auch wenn man sich gerade ganz unten angekommen fühlt.

Um bei diesem Bild zu bleiben: Diese Wellen scheinen im Song "Explosionen" zu brechen.

Julian Knoth: Die Extreme haben uns schon immer interessiert.



Und als Kontrast dazu brecht ihr euer Punk-Gerüst mit Pop-Elementen auf?

Julian Knoth: Wir sehen die Genre nicht dogmatisch voneinander abgegrenzt. Wir wollten einfach machen, worauf wir Lust hatten. Pop-Elemente hat es schon immer in unseren Songs gegeben. Ich finde es auch nicht schlimm, Popmusik zu mögen. Wir haben keine Guilty Pleasures.

Wirklich nicht?

Julian Knoth: Das mögen andere Künstler aus der Szene anders bewerten. Wir haben aber keine Grenzen. Das hat sich doch in den letzten Jahren alles aufgelöst. Wir können uns auch gar nicht mehr so strikt voneinander abgrenzen, wie das noch die ersten Punks Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger konnten. Heute ist alles für alle verfügbar.

Was ist im Jahr 2019 überhaupt noch Punk?

Julian Knoth: Das kann man nicht beschreiben. Wir wollen einfach unser eigenes Ding machen und nicht nach irgendwelchen Regeln arbeiten. Regeln sind für uns nicht wichtig. Es zählt, worauf wir Lust haben. Ich finde es auch unnötig, mir eine Band auf Platte anzuhören, die genauso wie die Ramones klingen.

Und Punk als Haltung?

Julian Knoth: Auch das ist eine Frage der Sichtweise. Ich finde, das Außenseitertum hat sich nicht abgeschafft. Es sieht nur anders aus als vor 30 oder 40 Jahren.

Wie ist es eigentlich, als Außenseiter in Stuttgart zu leben? Das ist ja nicht gerade eine Hochburg für...

Julian Knoth:...Menschen, die anders ticken. Der Kessel ist auch so eine heile Welt. Niemandem geht es wirklich schlecht, alle verdienen im Schnitt gut. Da wird man schnell zum Außenseiter, wenn man sich von dieser breiten Masse abhebt. Als Jugendliche haben wir unser Außenseitertum sehr gefeiert.

Du lebst immer noch in Stuttgart. Was hat dich in dieser Stadt gehalten?

Julian Knoth: Ich habe hier ein Netzwerk an guten Leuten, die alle Lust haben, kreativ tätig zu sein; Künstler, Designer, Musiker, Labelmacher. Ich schätze diese Leute alle sehr. Man muss sich in Stuttgart halt immer mit denselben nervigen Themen beschäftigen. Clubs sterben, Proberäume fallen weg, und damit auch Freiräume für die Kreativszene.



Da kann man doch nur wütend werden. Ist Wut ein Thema für eure Songs?

Julian Knoth: Auf jeden Fall war es das in den ersten Jahren. Wir fühlten uns mit unserer Haltung alleine. So kam es mir jedenfalls vor. Wir waren so ziemlich gegen alles und jeden. Wir fanden auch Bands in unserem Umfeld schrecklich langweilig, die ganze deutsche Musikszene. Wir haben immer dagegen angeschrien.

Jetzt seid ihr selbst Teil davon.

Julian Knoth: Irgendwann ist man einfach etabliert. Blödes Wort, ich weiß. Aber diese stumpfe Wut, die man mit zwanzig noch hatte, macht einfach keinen Sinn. Ich denke, das gehört zu einem normalen Reifeprozess dazu, dass man auch einmal konstruktiv wird.

Und irgendwann fährt man in die Toskana und nimmt ein Album auf.

Julian Knoth: [lacht].

Ihr habt das für euer neues Album "Fake" gemacht. Schon sehr bourgeois, findest du nicht?

Julian Knoth: Bekannte von uns haben dort einen Bauernhof. In den Achtzigern sind die aus der Ulmer Gegend dorthin gefahren und haben ein klassisches Aussteigerleben gelebt. Von diesen leben zwar nur noch zwei Leute auf dem Hof, aber wir konnten uns dort sehr gut zurückziehen und unser Album aufnehmen. Wir haben den Spätsommer genossen.

Das hört man auch auf dem Album, vor allem in den Soundscapes.

Julian Knoth: Wir wollten von Anfang an ein Album produzieren, das positiver, farbiger klingt. Ein Kontrast auch zu dem kalten Post-Punk, den wir davor gemacht haben. Man nimmt ja immer auch die Umgebung auf, in der man sich befindet – und da war die Entscheidung, in den Süden zu fahren, einfach naheliegend.
Verlosung

fudder verlost unter allen Mitgliedern im Club der Freunde 3x2 Freikarten für das Konzert der Nerven am Sonntag, 17. Februar 2019 um 20 Uhr.

Mitglied in fudders Club der Freunde kannst Du hier werden. Um zu gewinnen, schicke eine E-Mail mit deinem Namen und dem Betreff "Nerv nicht" an gewinnen@fudder.de.

Sollten keine Club-Mitglieder an der Verlosung teilnehmen, werden die Karten unter den restlichen Einsendungen verlost. Teilnahme ab 18 Jahren, der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Einsendeschluss ist der 15. März 2019, um 15 Uhr. Die Gewinner werden per E-Mail benachrichtigt.

Was: Die Nerven, Support: Walls & Birds
Wann: Sonntag, 17. Februar 2019, 19 Uhr
Wo: Waldsee, Waldseestr. 84, 79117 Freiburg
Vorverkauf: 21,50 Euro, Tickets online kaufen