"Wir haben kein Image, kein Programm": Interview mit dem 'Lichtwolf'-Herausgeber Timotheus Schneidegger

Julia Mungenast

Schreibmaschine statt Computer, Zeitschrift trotz Philosophie: Das Kein-Image-kein-Programm-Blatt "Lichtwolf" enttäuscht gerne Erwartungen - und das seit nunmehr zehn Jahren. Am Donnerstagabend kommen seine Macher zu einer Lesung ins Great Räng Teng Teng. fudder-Autorin Julia hat den Herausgeber Timotheus Schneidegger zuvor gefragt, was das Ganze eigentlich überhaupt soll.



fudder: Herr Schneidegger, 2002 und 2008 entstand der "Lichtwolf" auf einer Schreibmaschine. Wie kamen Sie auf die Idee, eine derartige Zeitschrift herauszugeben?

Timotheus Schneidegger: Der Lichtwolf ist 2002 aus Langeweile und Übermut in Freiburg gegründet worden, weil wir damals im alten Fachschaftsraum der Philosophie eine alte Schreibmaschine gefunden haben. Wir haben ein paar Texte geschrieben, zusammengetackert und "Lichtwolf" darauf geschrieben. Das war die erste Ausgabe, und dass es nicht bei der einen bleibt, machten wir noch eine zweite, und da diese auch da war, machten wir bis heute weiter.

Es fing ohne irgendwelche Ziele, Vorgaben oder ein Programm an. Wir waren anfangs zu zweit und haben seitdem nie etwas anderes gemacht, als Hefte zusammenzuschludern und zu publiziert. Jeder freie Autor erhält ein Honorar symolischer Natur, von dem man nicht leben kann, aber für die man leben kann.

Unsere Lesetour nach Köln, Freiburg und Zürich ist groß angelegt wegen der zehn Jahre Lichtwolf. Wir können immer nur da lesen, wo wir jemanden kennen, es kennt halt keiner den Lichtwolf. Wir sind zu dritt unterwegs, ich, Bdolf von FleischLEGO und unser Essayist Michael Helming.

Den Aufwand, eine Zeitschrift mit der Schreibmaschine herzustellen, stellt man sich riesig vor. Warum habt ihr für euer Heft die Schreibmaschine gewählt?

Jede Begründung zu dieser Frage ist nachgereicht. Wir waren damals von der Olympia-Schreibmaschine Modell SM 3 von 1952 fasziniert. Auf ihr sollen mutmaßlich die Flugblätter von 1968 getippt worden sein. Das ist natürlich schon etwas anderes, als wenn man am Computer sitzt, den man irgendwo bei Aldi gekauft hat. Das Schreibzeug schreibt mit an den Gedanken.

Warum wurde dennoch 2008 auf Computer umgestellt?

2008 habe ich mich als Herausgeber vom Lichtwolf zurückgezogen, weil ich mein Studium beendet hatte und bin mit Olympia nach Ostfriesland gezogen. Der Verein, der die Zeitschrift weiterführte, hat der Einfachheit halber auf den Computer umgestellt. Als ich nach einem Jahr Pause den Lichtwolf wieder übernahm, hat Olympia eine lange Pause gehabt, ich wollte sie nicht aus dem Ruhestand herausreißen.

Es gab keine negativen Reaktionen auf die Umstellung, der Lichtwolf war schon immer mehr als irgendwas mit einer Schreibmaschine Getipptes. Auch waren 2009 viele Autoren aus Freiburg wieder mit dabei, was inhaltlich eine tolle Kontinuität bot. Die Umstellung auf PC fanden wahrscheinlich einige sogar positiv: Unsere Schreibmaschinenschriftart war zugegeben sehr schwierig zu lesen.

 

Welchem Ursprungsgedanken folgt der Lichtwolf und wer setzt ihn um?

 
Wir haben kein Image, kein Programm, das wir verwirklichen wollen. Die Autoren können weitestgehend machen, was sie wollen, wenn es im weitesten Sinne mit Philosophie zu tun hat. Dementsprechend ist jede Ausgabe anders, jenachdem, wer dabei ist und worum es geht. Mehr als das Titelthema gebe ich nicht vor. Die meisten Autoren sind Geisteswissenschaftler und haben Philosophie studiert. Die gedruckte Auflage liegt bei ungefähr 150 Exemplaren.

Was halten Sie von der neuen Philosophiezeitschrift "Hohe Luft"?

Die Zeitschrift Hohe Luft habe ich bei meinen Kollegen durchgeblättert, ich kann mir aber kein faires Urteil über sie herausnehmen - sie ist nun einmal die Konkurrenz. Ihr letztes Heft hatte soviel Seiten wie unsere Sommerausgabe, nur dass bei uns keine einzige Seite Werbung dabei war.

Die Hohe Luft muss natürlich davon leben, sie hat diverse festangestellte Mitarbeiter. Sie können sich die großen Namen einkaufen, aber das ist mir fremd. Nicht nur aus finanziellen Gründen, sondern, weil ich es auch affig fände, Richard David Precht zu fragen, ob er für uns 2000 Zeichen über das Thema Kalender schreiben will. Ich verzichte lieber auf 50 Leser und frage die Leute, die wirklich Ahnung haben.

Mehr dazu:

Was: Lesung "Lichtwolf"
Wann: Donnerstag, 4. Oktober 2012, 22 Uhr
Wo: The Great Räng Teng Teng
Eintritt: 5 Euro
[Fotos: Privat]