William Fitzsimmons: "Es wäre schlimm, Songs wie meine zu faken"

Carolin Buchheim

Der Singer-Songwriter und ehemalige Psychotherapeut William Fitzsimmons wurde bekannt, nachdem einer seiner Songs in der Krankenhaus-Serie "Grey's Anatomy" verwendet wurde. Caro hat ihn gefragt, wie es ist, seine eigene Musik in einer Fernsehserie zu sehen, und ob sein Beruf seine Musik beeinflusst hat. Am Sonntag spielt William Fitzsimmons im White Rabbit. Und das sollte man nicht verpassen.



Wie würdest Du einer tauben Person Deine Musik beschreiben, William?

Einer tauben Person? Wow. Das ist eine wirklich gute Frage. Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Meine Eltern sind beide blind, ich hätte erwartet, dass Du dazu als erstes ein Frage stellen würdest. Ich bin echt sprachlos. (denkt nach) Hm, das wird sich jetzt vielleicht ein bisschen schmalzig anhören, aber Leute sagen mir, dass sie meine Musik gerne abends hören, wenn sie sich mit einem Drink oder einer Zigarette entspannen. Meine Musik ist wie das Gefühl, dss man dann hat: ein entspanntes, friedvolles Gefühl am Ende des Tages.

Wie war es denn, mit blinden Eltern aufzuwachsen?

Es ist schwer für mich, das zu beantworten, denn sowas ist natürlich relativ. Für mich war es ganz normal, dass meine Eltern blind waren. Ich weiß nicht, wie oder wer ich wäre, wenn dem nicht so gewesen wäre. Das Schöne an meiner Kindheit war, dass meine Eltern mir und meinen Geschwistern schon früh die Musik gegeben haben, wir waren ein sehr musikalischer Haushalt. Wir haben alle gelernt, die Musik zu schätzen, zu lieben und uns durch sie und mit ihr auszudrücken. Abgesehen davon war es ein ganz normaler Haushalt, glaube ich, ein ganz normales Aufwachsen.

Obwohl Du seit Deiner Kindheit Musik gemacht hast, hat es sehr lange gedauert, bis Du die Musik zu Deinem Beruf gemacht hast. Warum?

Musik war mir immer sehr wichtig, und ich hatte natürlich all diese typischen kleinen Fantasien, Musiker zu sein, aber ich dachte nie, dass das wirklich  klappen würde. Das waren keine echten Pläne sondern eher süße Gedanken, die mich durch schlechte Arbeitstage gebracht haben. Ich hatte echt Glück, anders kann man es nicht sagen, denn ich habe mich einfach irgendwann entschieden ein paar Songs aufzunehmen, nur so zur Ablenkung. Das war während der Grad School. Das war sehr anstrengend, denn in den gesamten zwei Jahren hatten wir nur einen Monat Semesterferien. In der Zeit habe ich eben ein paar Songs aufgenommen, so zur Entspannung. Irgendwer erzählte mir dann von MySpace, das war 2005 noch nicht so groß wie heute, und da habe ich die Songs dann hochgeladen. Dort hat sie dann ein Music Supervisor gehört, das ist jemand, der Musik in Fernsehsendungen unterbringt, und derjenige hat mir eine MySpace-Nachricht geschickt.

Wie gut, dass Du die überhaupt liest! Es gibt ja viele Leute, die lesen ihre MySpace-Nachrichten noch nicht mal.

(lacht) Ich dachte erst, das wäre ein Witz, aber das war keiner, das war echt. Sie haben mich dann ein paar Monate später angerufen, dass sie einen der Songs unterbringen konnten, und das war in Grey’s Anatomy.

Hast Du die Folge angeguckt?

Oh, klar. Ich war echt aufgeregt, ich konnte nicht glauben, dass das echt war, bis ich die Szene selbst gesehen hatte. Es war wirklich seltsam.

Was war das für eine Szene?

Es war die Szene, in der Georges Vater stirbt. Er lag im Krankenhausbett, und George redete, und im Hintergrund lief mein Song. Es war wirklich sehr geschmackvoll. Sie haben das echt gut gemacht. Ein anderer Song wurde später in einer Sex-Szene benutzt, und das war zwar auch gut, aber die George-Szene mochte ich dann doch lieber.

So wie Dir ist es einigen Indie-Künstlern ergangen: sie haben durch die Verwendung eines Songs in einer Fernsehserie einen deutlichen Zuwachs an Aufmerksamkeit bekommen. Man könnte sagen, dass Fernsehserien heute manchmal das machen, was eigentlich traditionell Plattelabels gemacht haben: neue Musik bekannt machen.

Das stimmt. Ich kenne viele Leute, die Bon Iver – der meiner Meinung nach die Platte des Jahres gemacht haben – erst entdeckt haben, nachdem einer seiner Songs bei „House“ gelaufen ist. In der gleichen Folge gab es auch einen Song von Iron & Wine.

Wie ist es für Dich, so bekannt geworden zu sein?

Zum Glück hat mich noch nie jemand als „Sell-Out“ bezeichnet. Ich glaube das liegt daran, dass das was ich mache natürlich immer noch in einer Nische stattfindet, ich habe ja noch keinen großen Hit gehabt. Es wäre echt Zeitverschwendung, wenn sich jemand wegen mir stressen würde. (lacht) Für mich hat die Fernsehsendung auf jeden Fall alles verändert, aber manche Dinge eben auch nicht. Sie hat mir Brot und Butter auf den Tisch gebracht und mich meine Miete bezahlen lassen, aber nicht meine Musik verändert. Weder davor noch danach habe ich je Songs speziell fürs Fernsehen geschrieben. Ich schäme mich nicht dafür, dass meine Musik so verwendet worden ist, das wäre heuchlerisch. Denn sonst hätte ich meine Karriere halt nicht.



Du bist ein Multi-Instrumentalist. Welche Instrumente spielst Du?

(lacht) Erstmal muss ich vorweg schicken, dass ich in gar nichts wirklich gut bin. Bei jedem Instrument, das ich spiele, gibt es Millionen von Menschen, die besser sind als ich. Ich spiele ein bisschen Banjo, Piano, Mandoline, Melodica, E-Gitarre. Nichts Verrücktes; ich bleib gerne bei Gitarre-artigen Instrumenten. Jetzt auf Tour spiele ich nur Gitarre.

Hier in Deutschland ist gerade „Goodnight“ erschienen, Dein zweites Album. In den USA hast Du schon ein Drittes veröffentlicht, „The Sparrow and the Crow“. Wie ist es für Dich, hier noch einmal mit dem Vorgängeralbum zu touren?

Ich spiele bei den Konzerten auf dieser Tour gerade viele Songs des zweiten Albums, einfach um es vorzustellen, aber auch ein paar des neuen Albums. Es ist ganz schön seltsam, denn in den USA habe ich gerade eine Tour für das neue Album gemacht, und jetzt noch einmal die alten Songs zu spielen ist manchmal ganz schön verwirrend. Die Songs erzählen sehr spezifische Geschichten, und sie versetzen mich in das Jahr 2006. Und wenn ich bei dieser Tour auf die Bühne komme, und diese Lieder spiele, dann fühlt es sich manchmal ein bisschen komisch an. Damit meine ich nicht unehrlich, oder nicht-authentisch, sondern einfach seltsam.

Du behandelst sehr intime Themen in Deinen Songs; es geht um die Liebe, um Familienbeziehungen, um Selbstmord. Sind die Inhalte autobiographisch, oder erzählst Du die Geschichten anderer Menschen?

Ich bin nicht sehr gut darin, die Geschichten anderer Menschen zu erzählen. Manche Künstler sind darin fantastisch; Bob Dylan zum Beispiel. Er kann eine Geschichte hören, und dann ein echtes Meisterwerk von einem Song darüber schreiben, als wäre es seine eigene Geschichte. Ich kann das nicht. Das ist nur einer der vielen Punkte, in denen ich nicht wie Bob Dylan bin. (lacht) Meine Songs sind komplett autobiographisch. „Goodnight“ ist über meine Eltern und meine Familie, "The Sparrow and the Crow" ist über die Beziehung zwischen mir und meiner Frau und über unsere Scheidung.

Mir fällt es nicht schwer, autobiographische Songs über diese problembeladenen Themen zu singen. Ich glaube das liegt auch daran, dass ich lange mit psychisch Kranken gearbeitet habe. Da kommt man zur Arbeit und redet den ganzen Tag mit Menschen über die tiefsten, dunkelsten Dinge in ihrem Leben, und zwar mit einer Normalität, als würde man über das Wetter reden. Davon habe ich gelernt: Wenn es einem nicht gut geht, dann redet man darüber. Ich singe auch darüber, das ist meine Art mit Problemen umzugehen. Natürlich ist das auch schwer, manchmal muss ich aufpassen, dass ich bei den Konzerten nicht zu sehr in den Songs versinke; die Leute kommen ja nicht in meine Shows, um mich zusammenbrechen zu sehen. Ich glaube aber, dass genau meine emotionale Offenheit in den Songs der Grund dafür ist, dass Leute meine Musik mögen: meine Musik ist ehrlich. Es wäre schlimm, wenn man solche Songs faken würde.

Arbeitest Du noch als Therapeut?

Ich habe das große Glück, dass die Musik jetzt meine Miete bezahlt. Ich habe früher Therapien geleitet, und da wäre es einfach nicht möglich gewesen, selbst für kurze Zeit zu verreisen. Man hat ja eine Verantwortung den Patienten gegenüber. Was immer ich mache, ich will es 100 Prozent machen, und jetzt gerade ist das Musik.

Vermisst Du Deinen früheren Beruf?

(seufzt) Manchmal schon. Einerseits ist es so: Obwohl jeder Tag sehr unterschiedlich war, war das Leben damals sehr viel strukturierter als heute. Heute weiß ich nicht, wie hoch mein Einkommen nächsten oder übernächsten Monat sein wird. Die Arbeit damals war zwar intensiv, aber wenn ich freitags nach Hause gegangen bin, dann hatte ich Freizeit, ein Wochenende. Heute ist es so, dass ich immer arbeite, auch am Wochenende, selbst wenn ich nicht auf Tour bin oder auftrete. Ich rede mit Leuten, ich mache Sachen auf MySpace, ich schreibe Songs. Andererseits war es damals natürlich auch sehr anstrengend, man trägt als Therapeut die Verantwortung für das Leben seiner Patienten, das war manchmal eine ganz schöne Belastung.



Mehr dazu:

William Fitzsimmons: Website& MySpace

Was: William Fitzsimmons
Wann: Sonntag, 14. Dezember 2008, 21 Uhr
Wo: White Rabbit, Tickets: 10 Euro (Abendkasse), 8 Euro (Vorverkauf bei Reservix, BZ-Karten-Service und Flight13; zuzüglich Vorverkaufsgebühr)

William Fitzsimmons: It's not true

Quelle: YouTube