Interview

Wieso sich junge Verlagsmenschen in einem Verein zusammengetan haben

Leah Biebert

Der Verein "Junge Verlagsmenschen" feiert sein zehnjähriges Bestehen und auch Freiburgs Städtegruppe ist dabei. Leah Biebert hat mit ihnen über die Nachwuchsarbeit in der Buch- und Medienbranche gesprochen.

2019 ist ein Jubiläumsjahr: 250 Jahre Humboldt, 100 Jahre Bauhaus, 70 Jahre Bundesrepublik, 50 Jahre Mondlandung. Auch die Jungen Verlagsmenschen(JVM) haben Grund zum Feiern: "Generation JVM – schon zehn Jahre jung!" lautet das Motto zum diesjährigen Jahrestreffen des größten Nachwuchsvereins der Buch- und Medienbranche. Er versteht sich als Anlaufstelle für den Nachwuchs und bietet Berufseinsteigern und Young Professionals die Möglichkeit, sich auszutauschen, weiterzubilden und so die Verlagsbranche mitzugestalten.


Der Verein ist in dreizehn Städtegruppen organisiert und damit regional vernetzt. Die Mitglieder der Städtegruppen treffen sich zu Stammtischen, auf Buchmessen, besuchen Medienunternehmen oder nehmen an Workshops teil. Außerdem vergeben die JVM Gütesiegel für Volontariate – und das alles bereits seit zehn Jahren. Am Wochenende des 12. bis 14. Juli treffen sich die Jungen Verlagsmenschen auf dem Mediacampus in Frankfurt, um Jubiläum, Weiterbildung und Engagement zu feiern.

Auch Jan-Philipp Goslar, Leiter der Freiburger Städtegruppe, wird bei dem Jahrestreffen dabei sein. Für ihn ist das Netzwerken zentraler Bestandteil der JVM: Man kennt sich, man beobachtet, man tauscht sich aus.

Jan-Philipp, Du bist nur übergangsweise für die Freiburger Städtegruppe verantwortlich, die in der letzten Zeit eher im Dornröschenschlaf lag. Was war das Problem?

Jan-Philipp: Die jungen Verlagsmenschen direkt in und um Freiburg haben einfach nicht mehr weiter gemacht. Das ist kein Vorwurf, sondern Alltag in Vereinen. Es gibt die Aktiven und eine große Menge Passiver. Wenn die Aktiven weniger werden, sich niemand Neues engagieren möchte und immer weniger Leute zu Stammtischen, Ausflügen und anderen Veranstaltungen kommen, dann schläft so ein Angebot ein.

Wie bist Du zu den JVM gekommen?

Ich weiß noch, dass während des Volontariats ganz viele Fragen bei mir auftauchten, die ich mit anderen nicht klären konnte. Und mit diesen Fragen bin ich dann mal zum Stammtisch gekommen – und da an einen sehr sympathischen, illustren Tisch geraten. Er bot einen Anknüpfungspunkt, wo man sich austauschen konnte: Wie läuft das bei euch eigentlich? Was erwartet ihr von einem Verlag? Ich bin dann einfach dabeigeblieben und habe es über die Jahre in Freiburg sehr genossen, da immer wieder hinzugehen.

"Meist sitzt man beisammen, trinkt was, isst was und tauscht sich einfach aus."

Wie kann man sich so einen Stammtisch vorstellen?

Der Klassiker ist, dass der Städtegruppenleiter oder die Städtegruppenleiterin viel zu spät kommt. Meist sitzt man beisammen, trinkt was, isst was und tauscht sich einfach aus. Es gibt keine feste Struktur für die Stammtische, keine Tagesordnung, die man durcharbeiten muss. Die kann es natürlich mal geben, wenn das nächste halbe Jahr geplant werden soll. Dann werden die Aufgaben verteilt. Oder wenn vom Vorstand mal was runterkommt, wie zum Beispiel der CityGuide für Freiburg und die Regio, das muss dann eben auch angesprochen werden. Wir laden auch manchmal jemanden ein, einen Autor oder Lektor, aber es ist immer eine lockere Atmosphäre.

Warum ist die Nachwuchsarbeit gerade in der Buchbranche so wichtig?

Ich weiß zwar von ordentlichen Gehältern für Volontäre und gute Ausbildungspläne, das ist allerdings nach wie vor nicht der Normalzustand. Viele Verlage bewegen sich immer noch in einem künstlerischen Feld, da ist das Geld immer ein bisschen knapper. Das Schlimme ist: Es macht ja auch immer jemand für so wenig Geld. Nicht-Geld im Grunde, denn vierhundert Euro ist nichts. Es tut mir immer ein bisschen weh, wenn ich mitkriege, dass junge Menschen in Verlage reingehen und gerade im Digitalbereich mit anpacken sollen. Sie kriegen aber überhaupt nicht die Ressourcen dafür. Sie sollen gleich drei Jobs in einem machen, werden nicht entsprechend bezahlt, sollen aber das Rad neu erfinden und kriegen dann noch Ärger, wenn das eben nicht klappt. Da haken die JVM dann mit ihrem Gütesiegel für Volontariate ein. Wir gucken: Was wird gemacht, hat das Hand und Fuß? Die Verlage haben sonst keinen Handlungsdruck.

"Die Buchbranche ist eine sehr althergebrachte Branche, die ihre Riten hat, aber auch sehr experimentierfreudig ist."

Wie kann man Berufseinsteiger dazu ermutigen, sich nicht unter Wert zu verkaufen?

Man sollte sich immer die Frage stellen: Ist das, was ich als Lohn erhalte, für mich gerechtfertigt? Kann ich das noch für mich vertreten und wenn ja, für welchen Zeitraum? Auch das Volontariat macht man nicht für immer. Heutzutage werden wir ohnehin nicht auf ewig unsere Jobs machen. Alles ist in Bewegung. Die Buchbranche ist eine sehr althergebrachte Branche, die ihre Riten hat, aber auch sehr experimentierfreudig ist. Es gibt Verlage, auch hier in Freiburg, die sehr mutig sind und sich neu aufstellen. Die nach vorne wollen. Sie suchen neue Formen, um Inhalte besser zu verkaufen. Denn natürlich geht es auch darum, Gewinn zu machen.
Jan-Philipp Goslar, 1986 in Wolfenbüttel geboren, studierte Literary, Cultural and Media Studies in Siegen und Medienkultur in an der Universität Bremen. Ein Volontariat im Bereich Medienmanagement verschlug ihn nach Freiburg, wo er zu den Jungen Verlagsmenschen stieß. Als er wegen seiner Arbeit für einen Fachbuchverlag nach Heidelberg zog, wurde er Städtegruppenleiter für die Region Rhein-Neckar, seit 2018 ist er Leiter der Freiburger Städtegruppe – allerdings nur vorübergehend, denn eigentlich wohnt er gar nicht mehr hier.

Wie gehen die JVM mit diesen Veränderungen in der Buchbranche, mit Digitalisierung und Globalisierung um?

Mit Zuversicht und Neugierde. Viele von uns Berufsanfängerinnen und Berufsanfängern sowie Young Professionals erledigen tagtäglich Jobs, die es vor ein paar Jahren so noch nicht gab. Und selbst die althergebrachten haben sich verändert. Die Diskussion um unser Selbstverständnis als Verlagsmenschen ist bereits in vollem Gange. Sind wir Medienmenschen? Digitalmenschen? Und wer ist das nicht? Schon jetzt höre ich immer wieder, dass sich beispielsweise Buchhändler und Lektoren nicht angesprochen fühlen. Sie gehören aber auch dazu.

In Zeiten von Social Media, Streaming-Plattformen und Virtual Reality sind Bücher also immer noch angesagt?

Klar, immer mehr Medienkonsumgüter buhlen um unsere Aufmerksamkeit und das gute alte Buch hat starke Konkurrenz. Es wandelt sich selbst allerdings auch. Die passende Ausdrucksform muss nicht immer bedrucktes Papier sein oder die plumpe digitale Fassung als PDF, sondern vielleicht ein Podcast, eine Videoproduktion.

Im Gegensatz zu Regionen wie Berlin, Köln-Bonn, Hamburg oder München häufen sich in Freiburg aber nicht gerade die großen Medienunternehmen. Warum kann es dennoch interessant sein, gerade hier in die Verlagswelt reinzuschnuppern?

Freiburg ist klein, aber fein. Besonders interessant sind hier die Haufe- und die Rombach Gruppe. Haufe hat sich neu erfunden, erfindet sich auch weiterhin neu und probiert aus. Rombach wiederum vereint Verlage, Druckerei und Buchhandlung.

"Ich sehe kleinere Großstädte immer insofern eher als Vorteil an, als dass man durch die Übersichtlichkeit besser in die Branche reinkommen kann."

Hat Freiburg in dieser Hinsicht vielleicht sogar Vorteile gegenüber den großen Städten?

Ich sehe kleinere Großstädte immer insofern eher als Vorteil an, als dass man durch die Übersichtlichkeit besser in die Branche reinkommen kann. Der Standort Freiburg ist gerade durch die Nähe zur Schweiz und nach Frankreich interessant. Man sollte nicht denken, wir seien hier unten im Eck und hier gebe es nichts. Wir sind ein vereintes Europa, wir haben die Möglichkeit, über die französische Grenze zu fahren und auch mit den Branchen dort in Kontakt zu kommen.

Bei den JVM treffen Menschen mit ähnlichen Interessen aufeinander, die alle in die gleiche Branche wollen. Führt das nicht zu Konkurrenzdenken?

Das habe ich so noch nicht wahrgenommen. Dieses ganze Konkurrenzdenken kenne ich eher aus dem Studium. Es ist Menschensache, ob man Dinge als Konkurrenz betrachtet oder ob man da nicht fairerweise sagt – wenn der oder die andere den Job bekommen hat –, dass die einfach ein bisschen mehr Expertise mitbringen, die ich in dem Bereich nicht habe. Ich habe andere Vorzüge und der passende Job ist irgendwo. Und wenn er gerade nicht da ist, dann klappt es vielleicht über Seiteneinstiege. Und der Vorteil, der dann durch den Austausch entsteht, ist, dass der Bewerber, die Bewerberin viel informierter in ein Bewerbungsgespräch gehen kann.

Zu guter Letzt noch eine Literaturempfehlung von Dir: Welches Buch sollten literaturinteressierte Freiburger dieses Jahr auf jeden Fall noch lesen?

Von den Büchern, die ich zuletzt gelesen habe, kann ich guten Gewissens Bestseller von Beka Adamaschwili und ein wirklich erstaunliches Ding von Hank Green empfehlen. Das erste ist skurril, witzig und anders. Humor für Literaturwissenschaftler und Literaturwissenschaftlerinnen. Und das zweite ist irre rasant, spannend und ehrlich.
Info

Für die Freiburger Städtegruppe plant Goslar für dieses Jahr noch einen Ausflug nach Offenburg und in die Schweiz; in der Adventszeit soll es ein Get-Together auf dem Weihnachtsmarkt mit Pizza und Glühwein geben – denn auch informelle Aktivitäten stehen auf dem Programm der Städtegruppen. Wenn er sich etwas wünschen darf, dann das: Regelmäßige Stammtische und gemeinsame Besuche von Verlagen, Druckereien, Agenturen, Literaturfestivals und Lesungen, Theaterbesuche und Escape Rooms. Alleine schaffe er das wegen der Distanz nicht, dafür brauche es jemanden in Freiburg oder der Regio, sagt er.
Für die Aufnahme bei den JVM gibt es weder Voraussetzungen noch Verpflichtungen. Goslar persönlich sei es wichtig, den Interessierten – egal welchen Alters – Orientierung zu bieten, erklärt er. Die jungen Verlagsmenschen seien so gut vernetzt, dass es immer jemanden gebe, der jemanden kennt, der über die Unternehmen Bescheid weiß oder mit Rat zur Seite stehen kann. Wer interessiert ist und die Arbeit des Vereins unterstützen möchte, kann daher jederzeit Mitglied werden. Aber auch Nicht-Mitglieder können zu den Veranstaltungen kommen. Die Mitgliedschaft bietet wiederum Vorteile: Rabatte bei Fortbildungsangeboten, Veranstaltungen wie der future!publish oder die Arbeit als Messereporter in Frankfurt und Leipzig.

Weiter Infos unter: https://www.jungeverlagsmenschen.de/