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Wieso sich eine 25-jährige Freiburgerin als Trauerrednerin selbstständig macht

Anika Maldacker

Laura Schröer ist 25 Jahre alt, trifft sich gern mit Freunden – und macht sich bald als Trauerrednerin in Freiburg selbstständig. Wieso will sich eine junge Frau so intensiv mit dem Tod beschäftigen?

Mitte März fasste Laura Schröer einen Entschluss. Sie kündigte bei der Freiburger Schule, wo sie seit einigen Monaten als Lehrerin Religion unterrichtete. Ende Juli soll das Unterrichten ein Ende finden – damit sie selbst sich mehr mit dem Ende befassen kann. Die 25-jährige macht sich gerade als Trauerrednerin in Freiburg selbstständig. Bisher geht sie der Arbeit nur in dem Freiraum, den ihr ihre Teilzeitstelle als Lehrerin am Angell erlaubt, nach. Ab August will sie das Thema zu ihrem Beruf machen. Das sei ihre Bestimmung, ist sie sich sicher. Wenn sie bisher in ihrem Nebenjob mit Bestattern oder Hospizmitarbeiterinnen zu tun hat, ist sie meistens die Jüngste. Doch Laura Schröer sagt über sich selbst: "Trauer und Tod sind ein Teil von mir." Sie sagt diesen schweren Satz mit einem Lächeln und strahlt eine innere Ruhe und viel Kraft aus.

Themenwoche

fudder beschäftigt sich in dieser Woche mit jungen Menschen, die sich beruflich oder ehrenamtlich mit dem Tod befassen. Damit möchte die Redaktion einem Thema, über das selten gesprochen wird, Raum geben. Von Montag bis Freitag stellen wir jeden Tag einen jungen Menschen vor, der auf eine bestimmte Art und Weise mit dem Sterben in Berührung kommt.

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Die an der Freiburger Evangelischen Hochschule ausgebildete Lehrerin kam schon als Kind mit dem Tod in Berührung. Als 13-Jährige wurde sie von der Evangelischen Kirchengemeinde in ihrem Heimatort gefragt, ob sie bei Messen Orgel oder Klavier spielen könnte. In dem Dorf in der Pfalz, Bruchmühlbach-Miesau, fehlten Organisten. Fortan saß Laura Schröer bei sonntäglichen Gottesdiensten, Hochzeiten und Trauerfeiern auf dem Organisten-Stuhl. Manchmal sang sie dazu. Liebeslieder für Hochzeiten oder Lieblingslieder und Trauerlieder bei Bestattungen. Dadurch sei der Tod für sie ein stückweit vertrauter geworden, ist sie sicher. "Andere jobbten am Fließband oder im Supermarkt, ich spielte Orgel", erinnert sich Laura, "für mich war das ein angenehmer Nebenjob".

Laura hospitierte schon im Studium bei einem Bestatter

Nun, mehr als zehn Jahre später, will sie ihre Rolle bei Trauerfeiern ändern. Sie tauscht den Organisten-Hocker gegen die Rolle am Mikrofon ein. "Freunde haben schon zu mir gesagt, dass ich in solchen Trauermomenten eine Kraft und Wärme ausstrahle", sagt Laura Schröer über sich selbst. "Ich sehe es als meine Aufgabe, das in die Welt einzubringen." Schon als sie im März 2018 ihr Bachelor-Studium in Religionspädagogik an der Evangelischen Hochschule in Freiburg beendete, spielte sie mit dem Gedanken, voll und ganz in die Trauerarbeit einzusteigen. Während des Studiums hospitierte sie bei einem Freiburger Bestattungsunternehmen. Im Herbst vergangenen Jahres begann sie, nebenberuflich als Trauerrednerin zu arbeiten. Ihr Projekt heißt Anvertraut. Bisher hat sie auf sieben Trauerfeiern gesprochen.

"Ich möchte erinnern, dass trauernde Menschen auch lebende Menschen sind." Laura Schröer

Hinter Laura Schröers Motivation und Leidenschaft für das Thema Trauer steckt aber auch ihre eigene Vergangenheit. Mit 17 Jahren hat sie ihren Vater verloren. Er nahm sich nach langjährigen Depressionen das Leben. Danach, sagt sie, habe sie gemerkt, dass die Themen Tod und Trauer belastet und angstbesetzt seien. Freunde und Verwandte reagierten mit Floskeln, änderten ihr Verhalten ihr gegenüber, gingen gar auf Abstand. "Dabei wollte ich gerne so behandelt werden, wie zuvor", sagt Laura. Der Schulalltag habe ihr damals Halt und Stabilität gegeben. Aber auch dort merkte sie, dass Mitschüler und Lehrer sie anders anschauten als zuvor. Die mitleidigen Blicke erinnerten sie immer wieder an ihre Trauer.

Sie entschied sich bewusst gegen die Kirche

"Für mich ist der Umgang mit Trauer und Tod verstaubt", sagt Laura heute. "Ich möchte erinnern, dass trauernde Menschen auch lebende Menschen sind, dass man Trauer auch ausdrücken kann." Nach dem Tod ihres Vaters stellte sich Laura Fragen: Was sagt mir der Tod übers Leben? Da entschied sie sich, dem Thema nicht aus dem Weg zu gehen. "Indem ich mich mit dem Ende beschäftige, nehme ich das Leben anders wahr", bekräftigt Laura.



Sie entschied sich allerdings bewusst dagegen, ihre Trauerarbeit an die Kirche zu verknüpfen – obwohl sie mit der Institution gute Erfahrungen in ihrer Jugend verbindet. "Viele Menschen wollen heutzutage keine kirchliche Trauerfeier mehr", erklärt Laura, "aber dennoch eine würdige Zeremonie." Darin meint sie, eine Lücke gefunden zu haben. "Ich habe außerdem gemerkt, dass manche kirchlichen Trauerfeiern an den Leuten vorbei gehen", sagt sie.

Über Instagram und Facebook will sie für das Thema sensibilisieren

In den vergangenen Monaten hat Laura gemerkt, dass es schwierig ist, ihre Trauerarbeit und das Lehrerinnen-Dasein unter einen Hut zu bringen. "Viele Trauerfeiern in Freiburg finden vormittags statt, wo ich aber unterrichte", sagt sie. Laura will mehr anbieten als Trauerfeiern zu organisieren und zu gestalten und Reden zu halten. Workshops für junge Erwachsene und Schülerinnen und Schüler sollen dazu kommen. Auch ein Buch, das bei der Bewältigung von Trauer helfen soll, will sie schreiben. Durch ihre Instagram- und Facebook-Auftritte will sie das Thema moderner angehen. Auch bei dem Podcast "Tod unplugged" hat sie schon über ihr Projekt gesprochen.

"Ich will niemandem den Tod erklären." Laura Schröer

Bevor sie eine Rede für eine Zeremonie schreibt, fragt sie sich: Was tut den Angehörigen gut? Die Angehörigen fragt sie: Wer war dieser Mensch? Wie war sein Lebenslauf? Was war ihm wichtig? Was hat er erreicht? In Trauerfeiern organisiert sie gern Rituale, die den Hinterbliebenen Trost spenden, wie bemalte Steine ans Grab legen, Luftballons mit Wünschen fliegen lassen. Nach der Zeremonie erhalten die Angehörigen die Rede per Post und als Audiodatei. Eine ihrer Trauerfeiern kostet 450 Euro. Separate Urnenbeisetzungen noch 150 Euro. Wünschen die Kunden noch Live-Musik zur Feier, berechnet sie mindestens weitere 80 Euro.





"Ich will niemandem den Tod erklären", sagt Laura. Den kann sie selbst ja auch nicht erklären. "Ich denke nicht permanent über meine eigene Vergänglichkeit nach", sagt sie. Das zu begreifen, schiebt sie nach, sei ein lebenslanger Prozess. "In manchen Momenten wird es einem krass bewusst. In so einem Moment überdenke ich mein Leben und frage mich, ob ich gerade das mache, was ich will."

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