Interview

Wieso es ein Kompetenzzentrum für Intersexualität in Freiburg braucht

Luisa Joa

Nach Schätzungen werden weltweit 1,7 Prozent der Menschen mit einer Variation des Geschlechts geboren. fudder hat mit Tatiana Graf vom Freiburger Verein Fluss über die Notwendigkeit von Kompetenzzentren gesprochen.

Männlich oder weiblich? Ein binäres Geschlechtsverständnis gilt in vielen Ländern noch als die Norm. Dabei ist dieses so vielfältig, wie die Menschen. Schätzungen zufolge werden weltweit 1,7 Prozent der Menschen mit einer Variation des Geschlechts geboren.



In Freiburg gibt es mehrere Organisationen, die sich für die Rechte intergeschlechtlicher Menschen einsetzen. fudder hat mit Tatiana Graf gesprochen, die sich ehrenamtlich bei dem Verein Fluss engagiert, die vor allem an Schulen durch Bildungsarbeit über geschlechtliche Identität aufklären will.

Wieso ist es wichtig, dass innerhalb unserer Gesellschaft auf die Situation intergeschlechtlicher Menschen aufmerksam gemacht wird? Was kann man selbst dafuer tun?

Ich denke, dass es wichtig ist, sich ins Gedächtnis zu rufen, was inter*geschlechtlichen Menschen immer noch an Diskriminierung angetan wird. Intersexuelle werden in unserer Gesellschaft immer noch nicht die gleichen Rechte zugesprochen, wie Heterosexuellen. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns vernetzen, Strukturen angreifen und so inter*sexuellen Personen Gehör verschaffen. Sei es durch das Nachfragen bei Regierungsinstitutionen, Druck aufzubauen in Kliniken, oder Aufklärungsarbeit zu leisten, indem man mit der Familie und Freunden ins Gespräch kommt.
Gendersternchen*

Normalweise verzichten wir für bessere Lesbarkeit auf das Gendersternchen. Weil es unseren Gesprächspartner*innen wichtig war und wir unsere Lesegewohnheiten überdenken wollen, handhaben wir es dieses Mal etwas anders. Die Gendersternchen symbolisieren, dass nicht nur Mädchen im biologischen Sinne gemeint sind.

Wie beurteilst du die aktuelle Situation von Intersexuellen in Freiburg und allgemein in Deutschland?

Eigentlich sollte man inter*geschlechtliche Menschen danach zuerst fragen. Außerdem sind Inter*geschlechtliche und die Probleme, mit denen sie zu kämpfen haben, vielfältig. Ich habe selber im Rahmen meiner Ausbildung für zehn Tage in einer Kinderklinik in der Kinderurologie gearbeitet. Dort habe ich mitbekommen, wie inter*geschlechtliche Kinder, die unter zwei Jahre alt waren, auf Grund ihres non-binären Geschlechts operiert wurden. Bis dahin hatte ich völlig unterschätzt was für ein massiver Eingriff das in das Leben der Kinder ist. Meistens wird nicht hinterfragt, ob das Angleichen der Geschlechtsmerkmale überhaupt notwendig ist. Dabei können die OPs zu schmerzhafter Narbenbildung, Libidoverlust, Unfruchtbarkeit, Depressionen und lebenslangen Schmerzen führen. Auch die Uniklinik in Freiburg führt solche Operationen durch. Offizielle Zahlen hat sie dazu bis jetzt nicht rausgegeben. Unsere Gesellschaft lässt sich immer noch nicht von der strikt binären Geschlechterordnung abbringen. Inter*sexuelle Menschen werden, sobald sie äußerlich nicht binär gelesen werden, immer noch in der Öffentlichkeit diskriminiert. So zeigt die LGBTIAQ*-Gesundheitsforschung, dass die Depressionsrate der Betroffenen durch gesellschaftlichen Druck höher ist. In Deutschland sowie Freiburg fehlen Beratungsstellen massiv. In Freiburg gibt es Organisationen wie den Verein Fluss oder die Rosa Hilfe, welche LGBTIAQ*-Menschen bei Beratungsbedarf zur Seite stehen. Es kann aber nicht sein, dass die Uniklinik keinerlei spezialisierte, interdisziplinäre Beratungsstellen – auch für die Eltern der Kinder – hat, um diese über die OP aufzuklären.

Und in anderen Ländern? Wie wird da mit Menschen umgegangen, die sich weder der männlichen noch der weiblichen Kategorie zuordnen?

In nicht christlich geprägten Kulturen wird Inter*sexualität vereinzelt akzeptiert. Indigene Völker in Nordamerika zum Beispiel haben den Begriff der "Two Spirits" geprägt. Menschen, die sich dem dritten Geschlecht zuordnen haben dort einen besonderen Status. Da diese das Weibliche und das Männliche in sich vereinen wird inter*geschlechtlichen Menschen oft eine heilende Eigenschaft zugesprochen. Es ist interessant zu sehen, dass andere Kulturen teilweise eine viel positivere Sicht auf non-binäre Geschlechter haben, als unsere westliche Kultur.

Ist "Queer-Sein" das Thema einer Minderheit oder betrifft es vielmehr die ganze Gesellschaft?

Man darf nicht vergessen, dass queere Menschen immerhin etwa zehn Prozent unserer Gesellschaft ausmachen. Eine neue Studie aus Großbritannien hat Jugendliche nach ihrer sexuellen Orientierung gefragt. Zum ersten Mal gaben 53 Prozent der Befragten an, dass sie sich nicht als strikt heterosexuell bezeichnen würden. Ich habe das Gefühl, dass das Thema wichtiger wird. Die Jugend identifiziert sich immer mehr als queer, dennoch ist Queer-Sein im Alltag immer noch nicht normal. Deshalb muss es unbedingt ein gesamtgesellschaftliches Thema werden. Eine marginalisierte Gruppe sollte nicht alleine die Verantwortung tragen müssen.
Fluss

Der Verein Fluss leistet seit 1996 Bildungsarbeit in Freiburg, um über geschlechtliche Identität und sexuelle Orientierung aufzuklären. Dafür bietet die Organisation Schulbesuche, Beratung für Lehrer*innen und Seminare an.

Wie geht die Politik auf Intergeschlechtlichkeit ein? Siehst du da irgendwelche Fortschritte? Und was muss noch passieren um intergeschlechtliche Menschen zu unterstützen?

Seit 2018 gibt es den positiven Geschlechtseintrag "divers". Das ist grundsätzlich ein Fortschritt. Dieser wurde seitdem aber nur von sehr wenigen Personen genutzt. Das liegt mitunter daran, dass die Dritte Option Menschen nur offensteht, wenn sie ein medizinisches Gutachten vorlegen um zu belegen, dass sie inter*sexuell sind. Das ist einfach nicht niederschwellig genug. Für die geschlechtliche Identität eines Menschen gibt es keine bessere Expert*innen als diesen Menschen selbst. Deshalb darf es keinen ärztlichen Gutachterzwang geben. Generell braucht es viel mehr Beratungsstellen. Vereine wie "Intersexuelle Menschen" fordern schon länger deutschlandweite LGBTQI-Kompetenzzentren. Jedoch hat sich in der Hinsicht noch nicht so viel getan. Vor allem in Kliniken wären spezialisierte Fachkräfte mit psychologischem und pädagogischem Background nötig. Auch Peer-Beratungsstellen wären angebracht. Wenn Politiker*innen Witze über Inter*sexuelle machen, so wie auch unsere Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer, weiß ich nicht, was ich dazu sagen soll. Ich frage mich dann immer mit welcher Intention sich Personen abfällig äußern. Tolerant zu sein, bringt doch keinerlei Nachteile. Im Gegenteil.