fudder-Themenwoche

Wieso eine 23-jährige Studentin ehrenamtlich Sterbende im Hospiz betreut

Bernhard Amelung

Manchmal hält sie auch nur ihre Hand und hört ihnen zu: Patricia Vorderegger ist 23 Jahre alt und arbeitet im Ehrenamt im Hospiz Karl Josef. Sie möchte die Lebensqualität der Menschen verbessern, die am Ende ihres Lebens stehen.

Mittagszeit im Hospiz Karl Josef in der Wiehre. Zwei betagte Frauen sitzen mit ihren Pflegekräften an einem Tisch im Wohnzimmer. So heißt der Raum im ersten Stock des Hauses, in dem die Mahlzeiten gemeinsam eingenommen werden. Im Flur riecht es nach Essen. Es gibt Geschnetzeltes mit Spätzle und Gemüse. Zum Nachtisch wird Karamellpudding gereicht.


Am liebsten esse sie jedoch Vanilleeis mit Eierlikör, sagt eine der Frauen. "Ein Schuss Verpoorten muss sein". Ein vertrauter Geschmack. Er erinnere sie an eine Zeit, in der sie gesund war und feste Nahrung zu sich nehmen konnte.

Das geht jetzt nicht mehr. Ihr Körper ist ausgemergelt. Ihre Arme und Beine sind streichholzdünn. Sie hat eine lange Leidensgeschichte hinter sich und weiß, dass sie bald sterben wird. Jetzt aber leuchten ihre Augen. "Vanilleeis habe ich schon als Kind geliebt. Damals gab’s noch keinen Eierlikör für mich", sagt sie und lacht.

Auch Patricia Vorderegger lacht. Sie sitzt neben der Frau und schenkt ihr Mineralwasser nach. Sie ist 23 Jahre alt. Einmal in der Woche arbeitet sie ehrenamtlich im Hospiz Karl Josef. Sie ist eine von rund 20 ehrenamtlichen Hospizkräften, die die 16 hauptamtlichen Mitarbeiter bei ihrer Arbeit unterstützen.
Themenwoche

fudder beschäftigt sich in dieser Woche mit jungen Menschen, die sich beruflich oder ehrenamtlich mit dem Tod befassen. Damit möchte die Redaktion einem Thema, über das selten gesprochen wird, Raum geben. Von Montag bis Freitag stellen wir jeden Tag einen jungen Menschen vor, der auf eine bestimmte Art und Weise mit dem Sterben in Berührung kommt.

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Patricia Vorderegger deckt den Tisch ein, räumt ab, kocht Kaffee. Sie kümmert sich um die Gäste des Hauses. So nennen sie die Menschen, die hier leben. Mittags besucht sie sie in ihren Zimmern. Sie holt sie zum Essen ab.

Manche Gäste können das nicht mehr. Sie haben keine Kraft, um zu sitzen. Andere sind auch dafür zu schwach. Sie bleiben in ihren Zimmern. Sie essen und trinken im Liegen, so gut das geht. Patricia Vorderegger geht dann in die Knie und reicht ihnen ein Glas Wasser. Sie will den Menschen auch körperlich auf Augenhöhe begegnen. Sie sollen sich nicht mehr anstrengen müssen. Manchmal hält sie auch nur ihre Hand und hört ihnen zu.

Worüber sprechen Menschen, die bald sterben werden?

"Über das Leben", sagt sie.

Das Leben?

"Sie erinnern sich an das, was sie gerne gemacht haben, als sie jung waren. Sie erzählen von ihren Kindern und Enkelkindern, von guten Freunden, von Ausflügen und Reisen. Manchmal sprechen sie auch nur über das Wetter und das Essen."

Und die großen Fragen?

"Alle wissen, dass sie sterben werden. Der Tod ist deshalb kaum Thema. Es geht um das Leben. Viele sprechen auch über Entscheidungen, die ihr Leben geprägt haben. Einige haben auch Angst. Um sie kümmern sich die Seelsorge und ein Sozialdienst."

Was bleibt am Ende?

"Beziehungen. Viele Menschen werden ruhig, wenn sie ihre Angehörigen noch einmal sehen. Die allermeisten Gäste finden ihren Frieden."

Die Themen Tod, Sterben und Trauer begleiten Patricia Vorderegger von Beginn ihres Studiums an. Sie hat in Freiburg Religionspädagogik studiert. Aktuell ist sie im Studiengang Soziale Arbeit eingeschrieben. Ein Seminar zur Palliativpflege bestärkt sie in ihrer Entscheidung: Sie will sich ehrenamtlich engagieren und sterbenskranke Menschen am Ende ihres Lebens begleiten. Sie möchte die Lebensqualität dieser Menschen verbessern, zumindest für die Zeit, in der sie mit ihnen zusammen ist.
Palliativpflege

Palliativpflege, international auch Palliative Care genannt, konzentriert sich auf die letzte Lebensphase von Menschen, die unheilbar erkrankt sind. Diese Menschen sollen ganzheitlich betreut und begleitet werden. Die Palliativpflege berücksichtigt dabei körperliche Beschwerden, aber auch psychosoziale Belastungen und spirituelle Bedürfnisse. Maßstab sind Lebensqualität und Selbstbestimmung der Menschen. Sie sollen bis zuletzt erhalten werden. Deshalb arbeiten in der Palliativpflege verschiedene Berufsgruppen zusammen: Ärzte, Pflegefachkräfte, Psychologen, Seelsorger und ehrenamtliche Begleiter.

Patricia Vorderegger spricht von einem großen Schritt in ihrem Leben, der nicht spontan kam. Lange habe sie überlegt, ob sie sich bewerben soll. An einem Tag im Herbst 2018 schreibt sie eine E-Mail an das Hospiz Karl Josef. Sie bekommt sofort Antwort und wird zu einem unverbindlichen Kennenlerngespräch eingeladen. Wenige Tage später hospitiert sie zum ersten Mal. Seit Januar dieses Jahres arbeitet sie einmal in der Woche als ehrenamtliche Hospizhelferin.

Manche der Gäste wird sie nie sehen. Sie sterben, bevor sie ihren Dienst in der Woche antritt. So wie ein Mann Anfang 60. Er liebte den Schwarzwald und die Berge. Am Tag nach seiner Ankunft wollte er noch einmal in die Höhe. Das Hospiz hat ihm diesen Wunsch ermöglicht, ganz nach dem Grundsatz von Cicely Saunders, der Begründerin der modernen Hospizbewegung: "Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben." Am Tag nach dem Ausflug in die Berge war der 60-Jährige tot. Friedlich entschlafen. Ganz so, wie es in vielen Todesanzeigen geschrieben steht.

Stirbt ein Gast, zündet man eine Kerze für ihn an

Immer wenn ein Gast im Hospiz Karl Josef stirbt, zünden die Pflegekräfte eine Kerze für ihn an, die im Hauseingang steht. "Sie erinnert, dass ein Mensch von uns gegangen ist und mahnt uns zum Innehalten", sagt Patricia Vorderegger. Die Kerze hat seit einer Woche nicht mehr gebrannt. Das ist außergewöhnlich. Die Menschen, die ins Hospiz Karl Josef kommen, bleiben durchschnittlich zehn Tage. Die wenigsten bleiben mehrere Monate. Sie alle sind austherapiert. So nennt es die Medizin, wenn die Menschen auf keine Therapiemöglichkeiten mehr ansprechen.
Hospiz Karl Josef

Das Hospiz Karl Josef wurde 2001 dank einer Spende der Freiburger Unternehmerfamilie Leibinger eröffnet. Es wird getragen von einer gemeinnützigen GmbH, an der die Familie Leibinger und der Regionalverband kirchlicher Krankenhäuser (RKK) je zur Hälfte beteiligt sind. Das stationäre Hospiz bietet acht Einzelzimmer für unheilbar kranke und sterbende Menschen. Das Hospiz ist benannt nach seinem Förderer Karl Leibinger und dem heiligen Josef, dem Patron der Sterbenden. Seit 2016 wird es von Schwester Miriana Fuchs geleitet.

Wie begegnet man Menschen, die man nur einmal sieht?

"Man weiß doch nie, ob man einen anderen Menschen ein zweites Mal sieht. Deshalb möchte ich die Menschen im Jetzt wahrnehmen. Ich möchte mich ganz auf sie und ihre Bedürfnisse einlassen", sagt sie.

Wie spricht man mit Menschen, die man nur einmal sieht?

"Ich öffne mich ihnen und gehe freundlich auf sie zu. Wenn ich mich von ihnen verabschiede, sage allerdings nie ’bis nächste Woche’ oder ’auf Wiedersehen’. Stattdessen wünsche ich ihnen einen schönen Nachmittag."

Und wenn es doch zu einem Wiedersehen kommt?

"Ich freue mich über ein Wiedersehen. Ich frage mich auch, ob ich die Menschen bei meinem nächsten Besuch noch einmal sehen werde. Das geht mir vor allem bei Menschen so, die bereits mehrere Wochen im Hospiz leben. Ich weiß aber auch, dass sie alle am Ende ihres Lebens stehen."

Fällt Abschied nehmen schwer?

"Loslassen fällt immer schwer. Wenn Menschen sterben, die ich mehrere Wochen begleitet habe, denke ich zuhause noch ein Weilchen an sie."

Die Schwere des Abschiednehmens überwiegt jedoch nicht. Kleine Rituale des Erinnerns machen sie leichter. Angehörige und Pflegekräfte können in einem besonderen Andachtsraum, dem Raum der Stille, innehalten. Er ist jederzeit geöffnet und überkonfessionell eingerichtet. Das Hospiz Karl Josef steht offen für Menschen ohne Ansehen ihrer Religion und kulturellen Herkunft. An jeden Gast erinnert außerdem ein Erinnerungsbuch, das im Raum der Stille aufgeschlagen in einer Nische liegt. Ein Buch zum Loslassen und Festhalten. Es ermöglicht ein bewusstes Erinnern an die Verstorbenen.

Wenn Patricia Vorderegger über Loslassen und Abschied spricht, fallen auch Begriffe wie Zuwendung, Nähe, Betreuung und Umsorgung. Danach sehne sich doch jeder Mensch in jeder Phase seines Lebens, sagt sie. Erst recht, wenn ein Mensch unheilbar erkrankt sei.

Einen Kontrapunkt zur Anonymität in der Gesellschaft setzen

Was lernt sie bei der Arbeit über sich selbst? "Ich wusste schon davor, dass das Leben endlich ist. Ich möchte es noch bewusster angehen", sagt sie. Gemeinschaft leben und einen Kontrapunkt zur Anonymität in der Gesellschaft setzen, sind ihr zu einem wichtigen Anliegen geworden. Kraft und Halt findet sie selbst in der Natur, im Gespräch mit Freunden und in der Musik. Sie spielt Klavier und Gitarre in ihrer Wohngemeinschaft. Auch der christliche Glaube spielt in ihrem Leben eine Rolle. "Ja, ich würde sagen, dass ich religiös bin. Schließlich habe ich auch Religionspädagogik studiert", sagt sie und lacht.

Auch im Wohnzimmer des Hospiz Karl Josef steht eine Gitarre. Auf dieser hat sie allerdings noch nicht gespielt. Aus der Küche dringt wieder Geschirrklappern. Am Nachmittag werden Kaffee und Kuchen serviert. Was für Außenstehende oft unverständlich ist: Im Hospiz Karl Josef geht es vor allem um das Leben im Jetzt.
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