Selbstversuch

Wieso ein Freiburger Taucher ehrenamtlich Müll aus dem Flückigersee birgt

Johannes Ioannu

Der Flückigersee in Freiburg verspricht im Sommer Abkühlung. Sauber ist er aber lange nicht mehr. Alex Jaffke will das ändern. Bei Freediving-Runden räumt er auf dem Grund des Sees auf. Unser fudder-Autor hat ihn unter die Wasseroberfläche begleitet.

Langsam wird es dunkel. Im Dämmerschein der Abendröte entfaltet der Flückigersee, von manchen liebevoll als "Flücki" bezeichnet, erst seine wahre Pracht – das ist heute jedoch nicht der Fall. Mehrere Wolken nehmen der Sonne die Sicht auf den Seepark; es wird später wohl noch regnen. "Wird schon halten", verspricht Alex, während wir in Neopren gehüllt mit Flossen an den Füßen und Brille auf der Stirn ans Ufer waten. Unser Ziel für heute: Möglichst viel Müll aus dem See zu fischen.


Alex Jaffke ist darin mittlerweile Experte. Schon etwas mehr als ein Jahr sammelt er bei seinen Tauchgängen den Müll, den er findet, ein. Angefangen hat alles ganz klein. Bei einem Tauchgang entdeckte der 27-jährige technische Produktdesigner auf dem Grund des Flückigersees einen Autoreifen. "Damals hatte ich nur eine Brille und meine Badehose an", sagt Alex, "den Reifen zu bergen, habe ich deswegen nicht geschafft." Angestachelt von diesem gescheiterten Versuch kaufte er sich danach ein paar Flossen und probierte es erneut. Diesmal klappte es. Seine "Goldgräbermentalität", wie der gelernt e technische Produktdesigner es selbst scherzhaft bezeichnet, war geweckt. Nun geht Alex drei bis vier Mal in der Woche tauchen. Morgens vor der Arbeit oder zum Abschalten nach dem Feierabend. Er hat sich einen Neopren-Anzug, Tauchbrille und Flossen und auch eine Tauchuhr, die Alarm schlägt, falls er tiefer als sechs Meter taucht oder länger unter Wasser ist, gekauft.

Abtauchen wie eine Ente

Auch ich bin schon richtig heiß darauf, endlich zur Tat zu schreiten. Doch erstmal erklärt mir Alex die Grundlagen beim Freediving – die Kunst, beim Tauchen nur mit dem eigenen Atem auszukommen.
Wir fangen klein an. Alex erklärt mir, wie man einen Druckausgleich macht, wie die richtige Atemtechnik funktioniert und wie man am besten abtaucht – das ist mit Neoprenanzug nämlich gar nicht so leicht. "Mach es, wie eine Ente", sagt er und grinst, "Arsch nach oben und dann gerade runter." Gesagt getan.

Nach einigen Versuchen klappt das schon ganz ordentlich, und ich komme mir nur noch etwas lächerlich dabei vor. Eine kurze Sicherheitseinweisung später sind wir dann endlich beim praktischen Teil angelangt. Ich schlage einen Wettkampf vor: Wer mehr Müll in der Zeit sammelt, gewinnt. Alex willigt ein. Zuvor aber hat er noch einen Tipp für mich: "Spuck in die Maske", sagt er, "das ist das große Geheimnis klarbleibender Taucherbrillen." Irritiert folge ich seiner Anweisung, und tatsächlich wird meine Brille heute nicht mehr beschlagen. Jetzt kann es endlich losgehen: Mein Tauchabenteuer beginnt.

Ein Corona-Kronkorken ist das Erfolgserlebnis

Ich halte mich während meiner Tauchgänge eher am Ufer. So richtig tief zu tauchen, traue ich mir noch nicht zu. Acht Meter tief wie Alex taucht, bleiben für mich erstmal nur Fiktion. Meine ersten Tauchgänge fördern nichts zu Tage, während Alex sein Netz schon das erste Mal am Ufer entleeren geht. So langsam wird mir auch, trotz Neopren, kalt und die Sicht da unten ist auch nicht wirklich gut – ob ich es für heute einfach dabei belassen soll?

Doch dann ein Erfolgserlebnis: Ein Kronkorken – Corona Extra. Ich triumphiere! Rückwärts wate ich Richtung Ufer, um meinen Fund in Sicherheit zu bringen – mit den Flossen ist vorwärts laufen im Wasser schier unmöglich. Das Goldgräberfieber hat mich gepackt. Die restliche Zeit im Wasser vergeht wie im Flug. Ich traue mich sogar etwas weiter raus – dahin, wo die "guten Sachen" zu finden sind. Nach einiger Zeit beenden wir unseren Wettkampf und schauen uns unsere Sammlung an.

Alex zeigt seine Funde auch auf Instagram

Auf Alex Seite finden sich Flaschen, ein Seil, eine Ledertasche mit integriertem Stein und sogar einen goldenen Anhänger hat er gefunden. Neben dem Kronkorken ist bei mir noch etwas Aluminium – wohl eine Manschette eines Rothaus Zäpfle – und ein Stück Karotte zu finden. Mein letzter Fund überrascht sogar Alex, obwohl bei seinen vielen Funden ihn wohl kaum mehr etwas überraschen kann. "Viele Funde wiederholen sich, die Grundlage sind aber meist Glasflaschen, würde ich sagen", sagt er. "Manchmal findet man aber auch echt schräge Sachen. Ich hab einmal doch echt zwei Tischtelefone mit WLAN-Router, Netzteilen und Lan-Kabel gefunden. Da fragt man sich schon, welche Geschichte da dahintersteht." Mittlerweile postet er auch Bilder seiner Schätze als Wasserputze auf Instagram. Neben schönen Bildern geht es ihm aber auch darum, auf die Folgen unserer Wegwerfkultur aufmerksam zu machen und Menschen zum Umdenken zu bewegen, damit sie ihren Abfall nicht mehr in Gewässern entsorgen.

Auch heut Abend haben sich mittlerweile ein paar neugierige Gesichter in unsere Richtung gewandt. Amüsiert betrachten sie den Müll und uns Entdecker. "Manchmal bin ich schon ne Attraktion hier", er lacht, "macht mir natürlich auch Spaß – als kleine Rampensau." Auch ich sonne mich kurz in der Aufmerksamkeit, bevor wir das Gesammelte zur nächsten Tonne tragen. Zuletzt will ich noch wissen, ob es schon Nachahmungstäter gibt, oder ob er der einzige Mülltaucher im Seepark ist – mal abgesehen von gelegentlichen Aufräumaktionen des 1. Tauchclub Freiburg. "Ich glaube jeder ist mein Mittäter", antwortet er, "ich bin halt der einzige, der dafür tauchen geht."

Hat er Recht? Wenn mir Müll ins Auge fällt, schmeiße ich den meist in den nächstgelegenen Mülleimer – wenn sich einer finden lässt. Aus Erfahrung weiß ich, dass das auch andere machen. Klimaschutz beginnt ja damit, dass man die vom Menschen verursachten Schäden an der Natur wahrnimmt; und etwas dagegen unternimmt. Vielleicht entsteht durch dieses Engagement auch ein Trend – ähnlich wie beim Plogging, wo man joggend Müll aufsammelt. Mein Gewissen zumindest ist nach der heutigen Müllsuche fürs Erste beruhigt, und der Flücki ist durch mich etwas sauberer geworden – und sei es nur wegen einem Kronkorken.
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