Wiegen und Wildschweingulasch

Eva Hartmann

2007 steckt noch in den Kinderschuhen. Eva hat zum Jahreswechsel eine neue Küche und neue Regale bekommen. Sie hat die Wollvorräte sortiert und Bilanz gezogen über ihre bisherigen Abnehmerfolge. Evas Trainer jedoch bremst ihre Euphorie und tadelt sie wegen ihrer Austrocknung.



Bei der Abnehmbilanz hatte ich mir die Unterstützung meines Trainers geholt, mit dem ich vor etwa einer Woche gemeinsam über drei Auszügen der Körperfettwaage brütete und mir erklären ließ, was sich während der letzten drei Monate getan habe. Mein Trainer, nennen wir ihn mal M., legt die drei Ausdrucke nebeneinander und überträgt die wichtigsten Ergebnisse auf ein Blatt Papier. Aus dieser Tabelle geht, so M., hervor, dass insbesondere der prozentuale Anteil von Wasser in meinem Körper katastrophal niedrig sei. Normal sei ein Wasseranteil von 50 bis 60 %, wohingegen mein Wert irgendwo in den 40ern liegt. Was ich aus der folgenden Standpauke heraushöre ist in etwa, dass ich quasi die wandelnde Inkarnation der Wüste Gobi sei und nicht viel fehle, dass man mich als Kulisse für die Dreharbeiten von „Laurenz in Arabien II“ verwenden könnte.


Laut M.s Analyse der vorliegenden Daten habe ich während der ganzen letzten drei Monate ausschließlich Wasser abgenommen, während der prozentuale Anteil von Fett in meinem Körper zugenommen und meine Muskelmasse angeblich sogar abgenommen hat. Ein Resultat, dass ich vom ersten Moment an kaum glauben kann: All die ganzen schönen Muckis soll ich mir nur eingebildet haben? Die sind doch tatsächlich da und sie sind deutlich mehr geworden! „Nee“, sagt M., „die sind nur deutlicher definiert. Und die Gewichtsreduktion? Immerhin trage ich doch jetzt eine Kleidergröße kleiner! „Du hast ja auch abgenommen – nur leider eben Wasser und kein Fett“, erklärt M. Ich bleibe skeptisch. Meine Zweifel wachsen, als M. mir im Folgenden erklärt, ich solle mich ab sofort ganz gezielt auf den Muskelaufbau konzentrieren und den Ausdauersport weglassen – kein Laufband mehr, kein miha-Zirkel – und, für mich am allerschlimmsten: Meine heißgeliebten Tae Bo- und BodyPUMP!- Kurse Sollen ab sofort auch gestrichen werden!



Begründung: Hier würde ich zuviel schwitzen und somit ja schließlich noch mehr von meinem eh schon nicht ausreichend vorhandenen Körperwasser verlieren. Stattdessen sollte ich besser ins Spinning gehen. Die Logik dahinter kann ich nicht nachvollziehen: Bei den 25 Minuten Spinning, die ich bislang durchgehalten habe, habe ich nicht weniger geschwitzt als beim Tae Bo. Ich musste das Spinning sogar abbrechen, weil mir so dermaßen schwindelig geworden ist, dass ich fast vom Rad gefallen bin. Okay – während Tae Bo letzterem läuft mir die Brühe wirklich nur so runter, aber dafür trinke ich während dieser einen Stunde auch mindestens einen, nicht selten auch anderthalb Liter Wasser. Und hier halte ich immerhin eine volle Stunde durch! Weshalb sich Spinning besser für mein Training eignen sollte, leuchtet mir einfach nicht ein und es gelingt meinem Trainer auch nicht, mir das plausibel zu erklären.

Wenn es nach ihm ginge, sollte ich außerdem täglich zwischen drei und viereinhalb Litern Wasser trinken und so lange auf jeden Ausdauersport außer Spinning verzichten, bis die Körperfettwaage einen Wasseranteil von 60% anzeigt. Da meine Werte laut M. außerdem für einen ziemlich miserablen Stoffwechsel sprechen, soll ich mich von einem Arzt auf eine potenzielle Schilddrüsenunterfunktion untersuchen lassen. Alles schön und gut – aber dass ich auf PUMP! und Tae Bo verzichten soll, macht mich wirklich ziemlich traurig, und so verlasse ich das Studio an diesem Abend in einer sehr niedergeschlagenen Stimmung.



Weil ich möglichst schnell zu weiteren – eventuell positiveren – Ergebnissen gelangen will, rufe ich gleich am nächsten Morgen bei meinem Hausarzt an. Statt der Sprechstundenhilfe habe ich den Anrufbeantworter an der Strippe, der mir mitteilt, das die Praxis erst in der zweiten Januarwoche wieder öffnet. Ärgerlich – aber da ich meinen Hausarzt seit über zehn Jahren kenne, will ich nicht auflegen, ohne wenigstens einen guten Rutsch ins nächste Jahr gewünscht zu haben. Während ich selbigen brav aufsage und nebenher andeute, dass ich aus diesen und jenen Gründen noch mal wegen eines Termins anrufen werde, nimmt mein Hausarzt dann plötzlich den Hörer ab.

Er sei gerade in der Praxis und mache Medikamenteninventur – wenn ich jetzt gerade Zeit hätte, könnte ich für einen Schnelltest vorbeikommen. Bingo! In solchen Momenten weiß man dann wieder, weshalb es sich lohnt, einem guten Hausarzt treu zu bleiben. 20 Minuten später lasse ich mir an vier Fingerkuppen ein paar Blutstropfen abnehmen und pinkle anschließend in einen Plastikbecher. Mein Arzt verschwindet mit meinen Körperflüssigkeiten in sein winziges Labor und kehrt einige Minuten später mit ein paar handschriftlich notierten Zahlen zurück. „Anhand dieser Schnelltests“, erklärt er, „kann man keine genauen Werte ablesen, wohl aber Tendenzen. Man kann erkennen, ob ein bestimmter Wert in Ordnung ist oder nicht, aber das reicht uns fürs Erste ja“. Mit meinem Wasserhaushalt sei jedenfalls alles in Ordnung, auch mein Cholesterin scheint wohl im Rahmen zu liegen. „Viel trinken schadet sicher trotzdem nichts und du sollst ruhig kräftig Muskelaufbau betreiben“, sagt er, „aber mit dem Ausdauersport solltest du auf keinen Fall aufhören“. Mir fällt ein ganzer Felsklumpen vom Herzen! Ich darf offiziell weiterhin PUMP! und Tae Bo machen! Juhu!



Völlig im Glückstaumel höre ich mir die weiteren Erklärungen meines Arztes an – er versucht, mir zu verdeutlichen, weshalb diese Arten von Körperfettwaagen, wie sie im Studio verwandt werden, keine repräsentativen Ergebnisse über die individuelle Körperkonstitution liefern können. Zugegebenermaßen habe ich von den physikalischen und biologischen Details seiner Ausführungen zu wenig verstanden, als dass ich sie hier wiedergeben könnte – aber ein Satz ist mir noch sehr deutlich: „So lange du kein Normalgewicht hast, wird dir eine solche Waage niemals normale Werte anzeigen.“

Seine abschließende Empfehlung lautet: „Achte auf deine Ernährung, trinke ausreichend und mach den Sport, auf den du Lust hast und der dir gut tut!“ Das heißt für mich: Weitermachen wie bisher und vor allem: Eine medizinische Bestätigung dafür zu haben, weiterhin Ausdauersport machen zu dürfen. Als ich M. einige Tage später davon erzähle, wirkt er geknickt – er mag nicht recht einsehen, warum seine Waage aus medizinischer Perspektive nicht tauglich sein soll. „Wenn jemand meine Waage beleidigt, fühle ich mich auch schlecht“, sagt er halb im Spaß, halb ernst. Anschließend führt er mich in den Switching-Zirkel ein – ein weiterer Gerätezirkel, der allerdings dem reinen Muskelaufbau dient und in den keine Ausdauerstationen integriert sind, wie beim miha-Zirkel. Der ist schon ziemlich anstrengend und es wird wohl einige Wochen dauern, bis ich mich richtig an ihn gewöhnt habe. Aber solange ich mich mittwochs weiterhin in meinen beiden Lieblingskursen auspowern darf, kann ich das locker aushalten.

Wie viel ich über die Feiertage zugenommen habe, weiß ich übrigens nicht. Seit dem weihnachtlichen Wildschweingulasch, dem Tiramisu und den Schnitzeln am ersten Weihnachtsfeiertag traue ich mich nicht mehr auf die Waage. Mal sehen, wie lange ich das durchhalte – vielleicht ist es gar nicht schlecht, wenn ich mich nur noch ein- bis zweimal pro Monat wiege. Nachdem 2006 also mit einem vermeintlichen Downer endete, kann nun mit Vollgas und umso motivierter in 2007 gestartet werden. Frohes Neues!