Start-up

Wie zwei Freiburger das Plastikproblem der Weltmeere lösen wollen

Charlotte Janz

Ihr Ethnologiestudium an der Uni Freiburg hat sie nach Indonesien geführt. Nun leben Roger Spranz und Paritosha Kobbe dort – und wollen sich nützlich machen: mit Schlüsselanhängern gegen Plastikmüll.

Juli 2013, Bali, Indonesien. Zwei Freunde aus Freiburg sitzen am Strand, trinken Bier und bohren mit ihren Zehen im Sand. Einer buddelt zu tief. Statt auf feine Sandkörner stößt sein Fuß auf eine Plastiktüte. Es ist der Beginn einer langen Nacht. Reden macht durstig, trinken macht redselig, Worte werden zu Ideen, Ideen zu Visionen.


Am nächsten Tag haben Roger Spranz und Paritosha Kobbe dicke Schädel. Und einen Plan. Sie wollen gegen die Plastikmüllverschmutzung in Indonesien vorgehen – mit knalligen Schlüsselanhängern.

Indonesien ist für die beiden mehr als ein Urlaubsland. Es ist ihre zweite Heimat. 2006 führt ihr Ethnologiestudium an der Uni Freiburg die beiden zum ersten Mal nach Java. Roger und Paritosha nehmen an einer zweimonatigen Lehrforschung in Yogyakarta Teil. Weiße Forscher des imperialistischen Westens untersuchen fremde Ureinwohner: Das war einmal. In dem Freiburger Projekt arbeiten deutsche mit indonesischen Studenten zusammen. Roger und Paritosha schließen Freundschaften, die über Jahre und Kontinente hinweg halten und schließlich in ein gemeinsames Start-up münden werden.

Sie kennen Indonesien, die Kultur, die Sprache

Nach ihrem Forschungsaufenthalt 2006 sind Paritosha und Roger angefixt. Indonesien wird zum Schwerpunkt ihres Studiums, ihrer Abschlussarbeiten, ihrer Auszeiten. Immer wieder kehren sie zurück zum größten Inselstaat der Welt. 2013 sogar wieder langfristig. Unabhängig voneinander haben beide angefangen zu promovieren. Paritosha betreibt Feldforschung über Migrationsbewegungen innerhalb Indonesiens. Roger forscht über die mögliche Reduzierung des Gebrauchs von Plastiktüten in Indonesien.

Als die Freunde sich also an jenem Abend im Juli 2013 am Strand von Batu Bolong, Bali, über ihr Lieblingsland und sein Plastikproblem unterhalten, wissen sie, wovon sie sprechen. Sie kennen Indonesien, die Kultur, die Sprache. Und dass einer von ihnen sogar in dem Feld promoviert, ist natürlich kein Zufall.

Youtube: Tasini: the key to break the plastic bag habit


Die Idee, die sie gemeinsam entwickeln, dreht sich um wiederverwendbare Einkaufsbeutel aus Fallschirmseide und recyceltem Plastikmüll, die sich in einem Kuscheltier-Schlüsselanhänger verstecken.

Wiederverwendbare Einkaufstaschen an sich sind kein neuer Einfall. In Deutschland bieten viele Supermärkte an der Kasse Kunststofftaschen an, die sich nicht selten in praktische kleine Hüllen stopfen lassen.

Indonesien ist der zweitgrößte Verschmutzer der Weltmeere

In Indonesien gibt es bisher nichts dergleichen. Plastiktüten kosten keinen Cent und werden großzügig an jeder Ecke ausgegeben, ob im Supermarkt, am Kokosnuss-Karren oder auf dem Markt. Indonesien ist der zweitgrößte Verschmutzer der Weltmeere nach China. Laut Berechnungen der Weltbank werden in Indonesien täglich rund zehn Millionen Plastiktüten verbraucht. Das wollen Roger, Paritosha und ihre zwei indonesischen Partner ändern.

"Wir können nicht wie in Deutschland mit erhobenem Zeigefinger daherkommen und ans Umweltbewusstsein der Leute appellieren", sagt Roger Spranz. Das habe sich in Indonesien noch gar nicht entwickelt. Und da kommen ihre Kuscheltier-Schlüsselanhänger ins Spiel: die Schildkröte, der Hai, die Krake, der Manta-Rochen. Alle mit großen Disney-Tier-Augen und in knalligen Farben. Die Menschen sollen sie haben wollen. "Schlüsselanhänger sind in Indonesien ein ganz großes Ding", sagt Paristosha. "Die Leute hier sind sehr Accessoire verliebt", ergänzt Roger. Und, fast entschuldigend: "Gerade in Asien ist ein quietschiges Design wichtig." Die praktische Tüte im Körper des Kuscheltiers soll ganz nebenbei an den Schlüsselbund vieler Indonesier gelangen.

"Plastikmüll in Indonesien existiert nicht losgelöst von uns. Die Verschmutzung der Weltmeere geht die ganze Menschheit etwas an", Paritosha Kobbe
In einem zweiten Schritt wollen die Doktoranden eine Aufklärungskampagne starten, um Umweltbewusstsein zu kreieren. Dazu sollen die Meeresbewohner aus Plüsch animiert und in einer landesweiten Kampagne zu Öko-Botschaftern werden. An Kontakten in die Umweltszene mangelt es den Freiburgern nicht. Sie selbst haben die Initiative "Making Oceans Plastic Free" ins Leben gerufen, die sich Forschung und Projektentwicklung rund um das Thema Meeresverschmutzung widmet.

Roger lebt nun seit mehr als drei Jahren auf Bali. Er hat eine indonesische Freundin und arbeitet bei Eco Bali, einem grünen Abfallunternehmen. Paritosha verbringt etwa die Hälfte des Jahres in Indonesien, den Rest in Freiburg.

In Yogyakarta auf der Insel Java steuern ihre indonesischen Partner das Geschehen. Adith Nugroho ist Entwicklungshelfer und ein alter Freund von jener Studienfahrt vor über zehn Jahren. Lia Nirawati ist eine befreundete Designerin. In Yogyakarta werden die Einkaufstaschen produziert. Tasini heißen sie, indonesisch für "diese Tasche".

Umweltschutz soll keine Frage des Geldes sein.

Die erste Tasini näht Paritosha 2013 selbst. Als ehemaliger Waldorf-Schüler kann er das. Seine Liebe zum Meer und dessen Bewohnern hat er als Nationalparkranger im nordfriesischen Wattenmeer entdeckt. Am anderen Ende der Welt nimmt die gemeinsame Idee erstmals Gestalt an.

Seitdem ist viel Zeit vergangen. Zeit, in der "Making Oceans Plastic Free" Müllsammelaktionen am Strand organisiert hat. Zeit, in der 1000 Tasini-Prototypen angefertigt wurden. Zeit, in der ein Imagefilm entstanden ist. Paritosha und Roger haben den Anspruch, die Taschen so günstig wie möglich zu verkaufen. Damit Umweltschutz keine Frage des Geldes ist.

Bisher werden Tasini aus Fallschirmseide hergestellt, zwar nachhaltig und fair, aber nicht upgecycelt. Das soll eine Crowdfunding-Kampagne nun ändern. Mit dem gesammelten Startkapital wollen die Freunde die Taschen aus recycletem Plastikmüll (PET) produzieren, ein Material, das man in Indonesien allerdings nur als Massenbestellung beziehen kann. Und die Umweltkampagne soll dadurch finanziert werden.

Bis 2050 könnte der Plastikmüll der Meere mehr wiegen als alle Fischschwärme zusammengenommen, warnt eine Studie des Weltwirtschaftsforums. Das Problem, das vier Freunde am anderen Ende der Welt bekämpfen wollen, ist ein globales. Dieser Aspekt ist den beiden Freiburgern wichtig. "Plastikmüll in Indonesien existiert nicht losgelöst von uns. Die Verschmutzung der Weltmeere geht die ganze Menschheit etwas an", sagt Paritosha Kobbe.

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