Wie wird man eigentlich ... Zirkuspädagoge?

Theresa Ogando

Hört man das Wort "Zirkus", denkt man an Unterhaltung, Rummel und an Clowns, die Quatsch machen – nicht unbedingt an Pädagogik. In Freiburg bildet das Jojo-Zentrum Zirkuspädagoginnen und Pädagogen aus. Was genau macht man in dem Beruf?

Freitagnachmittag in der großen Halle des Haus der Jugend: Etwa 25 Kinder im Alter von zehn bis 15 Jahren trudeln schwatzend ein und setzen sich im Kreis mit ihren Turnschläppchen auf die Matte. Sie warten darauf, dass der Zirkusakrobatik-Kurs "Circus Akrobatini" losgeht. "Ich wollte schon mit 14 Jahren Zirkuspädagogin werden", sagt Isabelle Noel. Die Begeisterung für den Beruf ist der Trainerin anzusehen als sie losrennt, um mit den Kindern zum Aufwärmen Fangi zu spielen.


Isabelle Noel wurde von Bruno Zühlke ausgebildet und arbeitet für ihn im Jojo-Zentrum in Freiburg, einem Ausbildungszentrum für Zirkuspädagogik und bietet außerdem Kurse im Rahmen des Jugendbildungswerks Freiburg an. Der 62-Jährige Zühlke ist schon seit Jahrzehnten im Bereich der Zirkuspädagogik tätig.

Vertrauen und Zusammenarbeit lernen

Aber was kann man sich unter Zirkuspädagogik vorstellen? Verschiedene Zirkus-Elemente werden verwendet, um pädagogische Inhalte zu vermitteln. Wie im Zirkustraining im Haus der Jugend: Hier werden jetzt Räder geschlagen, Judo-Rollen und Handstände gemacht. Anfangs erinnert es an normalen Turnunterricht. Die kleine Kursteilnehmerin Liv aber sagt: "Das ist nicht wie im Turnen, wir haben hier viel mehr Abwechslung."

Das wird nach dem Aufwärmen deutlich. Die Kinder sollen verschiedene Menschenpyramiden bilden. Jeder sucht sich selbst eine Position aus, dabei sitzen manche auf den Knien, nehmen andere auf die Schultern, manche machen einen Handstand oder eine Brücke. Isabelle Noel erklärt: "Die Kinder lernen dabei Vertrauen und Zusammenarbeit." Der improvisatorische Ansatz fördert außerdem die Kreativität. Manche Pyramiden entstehen ohne sprechen – das soll die non-verbale Kommunikation verbessern.

"Es ist relativ schwer, als Zirkuspädagoge oder Zirkuspädagogin eine Festanstellung zu finden." Bruno Zühlke
"Dieses unterbewusste, spielerische Lernen ist vor allem bei Kindern beliebt und wird deshalb häufig in Form von Projekttagen, Schul-AGs oder Kinderzirkussen angeboten", sagt Bruno Zühlke. Das war aber noch nicht immer so: "Wir waren Pioniere im Kinderzirkus-Bereich. Das war in den 80er Jahren - damals gab es kaum Kurse für Zirkusartistinnen und -artisten. Zirkusse waren Familienbetriebe, gelernt hat man die Zirkusartistik in der Familie", sagt Bruno Zühlke.

Heute gibt es viele Angebote, ein Beispiel dafür sind die verschiedenen Kurse, die im Zusammenhang mit dem Freiburger Kinder-und Jugendzirkus Harlekin stehen. Dort gibt es festangestellte Zirkuspädagogen wie Isabelle Noel. "Es ist aber relativ schwer, als Zirkuspädagoge oder Zirkuspädagogin eine Festanstellung zu finden, aber das ist nicht anders als für andere Freiberufliche," sagt der Zirkuspädagoge Bruno Zühlke.

Berufsaussichten

Aufgrund der großen Nachfrage sehen die Berufsaussichten aber nicht schlecht aus. Freiberuflich tätig zu sein hat seine Vor-und Nachteile. Man hat viel Abwechslung mit mehreren Projekten, reist viel herum, andererseits bietet es weniger Stabilität als dauerhaft angestellt zu sein.

Im Haus der Jugend darf jetzt jeder trainieren, was er möchte. "Im Zirkus findet jeder seinen Platz, die Abwechslung macht es für viele Kinder so besonders", sagt die Zirkuspädagogin Isabelle Noel. Die Kinder balancieren auf Gymnastikbällen, fahren Einrad oder schleudern Diabolos in die Luft. Außerdem hängen zwei Tücher von der Decke, an denen sich einige Kinder an der Luftakrobatik versuchen. "Beim Zirkus macht man viel zusammen, das gefällt mir besonders", sagt die 11-Jährige Antonia.

"Solche Zirkuspädagogik-Workshops machen den Kindern Spaß und haben eine integrative Kraft", sagt Bruno Zühlke. Denn wenn Kinder zusammen Zirkus machen, verschwinden sprachliche Barrieren und es gibt negativ auffallenden Kindern ein Ventil, um überschüssige Energie kreativ zu kanalisieren. Genau das erzählt auch Lasse, der einzige Junge im Zirkuskurs: "Beim Zirkus machen kann man schön die Energie raus lassen."

Wie kommt man darauf, Zirkuspädagoge zu werden?

Bruno Zühlke sagt: "Mit Mitte zwanzig stieß ich ganz zufällig auf die Zirkusartistik. Ein Kollege von mir war Clown und hat meine Leidenschaft für die Clownerie entfacht. Da ich Sozialpädagoge war entwickelte ich relativ früh den Wunsch dafür, die Clownerie damit zu verbinden." Bruno Zühlke tritt nebenberuflich als Clown Jojo auf und sagt: "Wenn man einen Clown spielt, dann zeigt man etwas, was die meisten nicht zeigen möchten: Eine kindliche Seite, scheitern und Schwäche. Das nimmt einem viel Angst und ist vor allem bei Lampenfieber hilfreich."

Ob die Arbeit als Zirkuspädagoge zu einem passt, sollte man erst erproben. " 95 Prozent unserer Lehrlinge haben schon Erfahrungen mit dem Zirkus gemacht. Die meisten waren schon in einem Kinder- und Jugendzirkus aktiv", sagt Bruno Zühlke. Es braucht eine Mischung an zwei Dingen, wenn man in das Berufsfeld einsteigen will: Begeisterung für den Zirkus und Spaß am unterrichten.

Verlauf der Ausbildung

Bruno Zühlke hatte das und hat, da es in Deutschland kaum Möglichkeiten für eine zirkuspädagogische Ausbildung gab, einfach sein eigenes Ausbildungszentrum gegründet. Seine Auszubildenden trainieren zwei Jahre lang in den baden-württembergischen Ferien in der Wiehremer Waldorfschule, danach sind sie von der "Bundesarbeitsgemeinschaft Zirkuspädagogik" anerkannte Zirkuspädagogen. Diese Ausbildung kann man ab dem 18. Lebensjahr absolvieren, andere formale Voraussetzungen gibt es nicht. Kostenpunkt: 5100 Euro. Am Ende der Ausbildung gibt es eine Aufführung, die nächste findet im August statt.

Nach zwei Stunden Akrobatik rollen die Kinder die Matten auf und setzen sich zum Abschlusskreis hin. Sie trommeln auf den Boden und rufen "Tschüss", dann geht das Gewusel wieder los und für Isabelle Noel geht es mit dem nächsten Kurs weiter.
Für alle Interessierten: Ab März gibt es im Jojo-Zentrum die Möglichkeit eine Clownerie-Fortbildung zu absolvieren.

Webseite: www.jojo-zentrum.de

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