Wie wird man eigentlich Fernsehredakteurin?

Cristina Morales

Zlatina Hinkers, 29, ist Fernsehredakteurin der Kölner Fernsehproduktionsfirma benstarmedia. Arbeitszeit: in der Redaktion von halb zehn bis achtzehn Uhr. fudder-Autorin Cristina Morales hat Zlatinas Arbeitstag in der Redaktion und live am Set der Sendung "Mieten, Kaufen, Wohnen" begleitet:



Berufsalltag

Es ist 8 Uhr morgens. Ich treffe mich mit dem Kamera-Team vor dem Filmgeräteverleih Atelier Screen TV in Köln-Mülheim. Gemeinsam geht es weiter nach Dortmund. Dort soll heute der zweite Teil einer Folge mieten, kaufen, wohnen aufgenommen werden.

Nach einer Stunde Fahrt holen wir Zlatina ab. Sie ist für die Vorbereitungen schon einen Tag eher angereist. Während sie im Auto noch schnell belegte Brote frühstückt, fahren wir zum ersten Drehort: einem Möbelhaus. Die 29-Jährige organisiert seit fünf Jahren den Dreh von Fernsehformaten. Die meiste Zeit verbringt sie dafür im Großraumbüro. Ungefähr einmal die Woche begleitet sie den Ablauf des Drehs in verschiedenen Städten Deutschlands.

Vor dem Möbelhaus warten bereits der Makler und die Home Stagerin (bereitet die Verkaufspräsentation von Immobilien vor) auf ihren Einsatz. Die beiden Protagonisten haben sich sichtbar herausgeputzt. Auch Zlatina ist wie immer topgestyled und könnte glatt selbst vor die Kamera treten.

Die Disposition (Drehplan) ist minutengenau durchgetaktet. Um keine Zeit zu verlieren, werden die Eigentümer des Geschäft nur kurz begrüßt und schon kann es losgehen.

Nach einer kurzen Besprechung des heutigen Einrichtungskonzepts "New York Style", begeben sich alle auf Ihre Position. Die Kamera läuft. Die Anfahrt der Hauptdarsteller ist nach zwei Versuchen bereits im Kasten.

Danach werden die O-Töne (Kommentare der Darsteller) aufgenommen. Zlatina gibt während des Drehs immer wieder Anweisungen und macht auf die Anforderungen des Fernsehsenders Vox aufmerksam. Mit einem Blick wendet sie sich an die Immobilienstylisten und sagt: "Bitte erkläre beim Aussuchen der Möbel, warum dir etwas gefällt!"

Die Besitzer des Möbelhauses verfolgen den Besuch vom Fernsehen voller Neugierde. "Ruhe bitte", ruft der Kameramann und unterbricht damit das Tuscheln des Verkaufsteams. Eine Mitarbeiterin hält die Dreharbeiten mit einem Schnappschuss auf ihrem Smartphone fest und eilt dann wieder ins Büro. Zwischen dem eigentlichen Dreh macht der Kameramann Schnittbilder.

Um halb elf geht es mit den ausgesuchten Möbeln direkt zu der Wohnung, die verkauft werden soll. Vor der ersten Aufnahme steht für die Home Stagerin ein Outfitwechsel an. Nach einem Blick in den Spiegel und einigen Schichten Make-Up später steht die Kamera wieder auf Action. Das Dekorieren der Wohnung wird Raum für Raum mit der Kamera begleitet.

Zlatina steht die ganze Zeit hinter dem Kameraassistenten und macht sich auf einem kleinen Zettel Notizen. Es sind 38 Grad und die Konzentration aller Beteiligten lässt mit jeder verstrichenen Stunde deutlich nach. Zlatina bewahrt trotz der erschwerten Bedingungen einen kühlen Kopf.

Sie beobachtet die Homestagerin genau und versucht mit wilden Gesten das Beste aus den Darstellern herauszuholen. Der Makler sorgt für einige Lacher und verschweigt nicht, dass er sich reif für die Mittagspause fühlt.

Allerdings muss das ganze Team auf die Zustimmung von Zlatina warten. Diese kommentiert den Wink des Maklers nur mit einem Satz: "Wir machen alle gemeinsam Mittagspause." Der Zeitplan hat sich fast um eine halbe Stunde nach hinten verschoben und die Stimmung ist angespannt. Denn um sechzehn Uhr dreißig soll die Besichtigung mit den Kaufinteressenten stattfinden. Nach jedem Raum geben der Immobilienkaufmann und die Innenarchitekten ihre Meinung zur Einrichtung in Kurzinterviews preis.

Zlatina stellt dabei gezielt Fragen und bittet das ein oder andere Mal um einen weiteren Versuch.
Sie vermittelt nicht nur zwischen den Fernsehgesichtern, sondern dem ganzen Team. Endlich ist der Großteil der Aufnahmen abgedreht und es geht für eine Stunde in das Restaurant um die Ecke.

Pünktlich um halb vier treffen die beiden Kaufinteressenten ein. Bevor die letzten Szenen für den Tag verfilmt werden können, gibt Zlatina den beiden Laien noch eine kurze Einführung in die Fernsehsprache.

Die Zusammenarbeit mit den potenziellen Käufern läuft gut und gegen halbsechs Uhr werden die letzten Schwenks vom Kamerateam durchgeführt. Zlatina sichtet bereits erstes Material vom Drehtag und überprüft noch einmal alle Punkte auf ihren Notizen.

Ein langer Tag geht zu Ende, doch die Arbeit an der Episode ist noch nicht vorbei. In den folgenden Tagen verbringt Zlatina ihre Arbeitszeit im Schnittraum der Firma. Nach der Abnahme der Folge von Vox, verfasst sie einen passenden Pressetext zur Geschichte. Außerdem nimmt sie Vorschläge für neue, verfilmbare Immobilienverkäufe entgegen und bespricht diese mit den verschiedenen Home Stagern.

Berufseinstieg

Um Fernsehredakteurin zu werden, gibt es keinen klar definierten Ausbildungsweg. Zlatina selbst hat erst als Redaktionsassistentin gearbeitet, um in den Berufsalltag einzusteigen.
Danach folgte eine Tätigkeit als Jungredakteurin. "Ich habe nach dem Medienwissenschaftsstudium nicht den klassischen Weg, das Volontariat, gewählt. Aber ich habe meine Zeit als Assistentin in der Redaktion und als Jungredakteurin als eine Art Fortbildung betrachtet", sagt sie.

Viele ihrer Kollegen hingegen haben ein Journalistik-, Publizistik- oder ein Studium der Film¬
und Fernsehwissenschaften absolviert. Dennoch geht es auch ganz ohne Studium. In der Fernsehbranche sei es am Wichtigsten Erfahrung zu sammeln, um etwas vorweisen zu können.

"In diesem Business zählt primär die Erfahrung und nicht der Hochschulabschluss!" Leuten, die ihre berufliche Zukunft als Fernsehredakteur sehen, empfiehlt sie vor allem eines: Praktika, Praktika, Praktika!

Zlatina konnte bei Praktikas für Formate wie Frauentausch und beim Fernsehsender 3Sat erste Einblicke in die Arbeit einer Fernsehredaktion gewinnen. "So kann man am Besten herausfinden, was einem Spaß macht", fügt sie hinzu.

An ihrem Job mag sie am liebsten, dass sie täglich im Kontakt mit neuen Menschen steht.
Außerdem gefällt ihr, aus Rohmaterial eine tolle Geschichte zu schneiden. Die langen Fahrten, die man oft wegen Drehs auf sich nehmen muss, mag sie allerdings weniger. Sie hat zwar einmal für ein Projekt in Miami drehen dürfen aber sie bevorzugt es in NRW zu arbeiten.

Fähigkeiten

"In diesem Beruf muss man spontan auf Situationen reagieren und sofort darauf eingehen können", erklärt Zlatina. Außerdem muss eine Fernsehredakteurin kommunikativ und kreativ sein.
Zudem sollte man keine Angst haben auf Leute zuzugehen. Besonders wichtig ist es ein Gespür für Geschichten zu haben. Geschichten die der Sender aber auch der Zuschauer sehen will.

Zukunftsperspektiven

Wenn alles gut läuft, kann man den Beruf sein ganzes Leben lang ausüben. Aber ein Wechsel innerhalb der Branche ist nicht ausgeschlossen. "Ich persönlich interessiere mich für den Schnitt. Vielleicht kann ich eines Tages meine Geschichten komplett alleine schneiden...", sagt Zlatina.

Welche Möglichkeiten gibt es allerdings, falls man eines Tages nicht mehr so viel unterwegs sein möchte, weil man zum Beispiel Kinder hat? "Dann kann man genug redaktionelle Aufgaben vom Büro aus erledigen. Im Moment möchte ich aber die spannenden Produktionen und Drehs nicht missen", gibt sie zu.

Die Ablösung des Fernsehens durch das Internet ist ein viel diskutiertes Thema. Die Vorteile des Web-TVs sind offensichtlich: Auf kürzere Werbeblöcke und den Zugriff auf die Lieblingssendung zur gewünschten Uhrzeit will wohl kaum einer verzichten.

Privat nutzt auch Zlatina das Internet als Hauptmedium, um Fernsehen zu schauen. Dennoch ist sie optimistisch: "Fernsehen an sich hat trotzdem eine Zukunft, wenn auch nicht im klassischen Sinne. Denn die Sendungen im Internet müssen trotzdem produziert werden."

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[Foto: Cristina Morales]