Wie wird Krieg in Videospielen dargestellt?

Manuel Fritsch

Der Politikwissenschaftler Michael Schulze von Glaßer ist Gamer – und Fachmann für Videospiele über Krieg. Wir haben mit ihm darüber geredet, wie Krieg in Erfolgsspielen "Call of Duty" oder "Battlefield" dargestellt wird.

Was versteht man unter dem Begriff "Militainment"?

Michael Schulze von Glaßer: Der Begriff setzt sich auf "Military" und "Entertainment" zusammen und steht für militärische Unterhaltungsmedien: Also sowohl Medien, die einfach nur militärische Themen behandeln als auch solche, an denen das Militär oder die Rüstungsindustrie mitgewirkt haben. Der Begriff stammt aus den USA, wo von Medienwissenschaftlern teilweise von einem militärisch-unterhaltungsindustriellen Komplex gesprochen wird, da die Zusammenarbeit von Hollywood und dem Pentagon teilweise schon institutionalisiert ist. Der Komplex ist aber teilweise auch bei Videospielen auszumachen.

Wie reagieren Gamer und Spielende darauf, wenn Du Politik und Spiele miteinander verbindest?

Manche sind erstaunt, da sie die politischen Aussagen der Spiele, die sie spielen, noch nie bewusst wahrgenommen haben – nicht selten sind sie dann auch erschrocken, was ihnen da eigentlich zum Beispiel als Feindbild im Shooter präsentiert wird. Andere reagieren auf meine Videospiel-Kritik sehr ablehnend, da sie ihr Medium angegriffen meinen und mir unterstellen Videospiele verbieten zu wollen. Wenn sie dann aber merken, dass ich ja selber gerne spiele und natürlich nicht verbieten möchte, was ich selber mag, legt sich ihre Skepsis meist.

Was sagst Du Menschen, die sagen "Ist doch nur ein Spiel" und finden, dass man doch nicht alles politisch aufladen müsse?

Frei nach Willy Brandt sage ich dann oft "Politik ist nicht alles, aber Politik ist in allem". Natürlich vermitteln Medien wie Videospiele immer auch politische und gesellschafts-kulturelle Aussagen – manche mehr und manche weniger. Aber es ist eben gerade diese Unauffälligkeit der verbreiteten Aussagen, die ich dabei aufdecken und den Spielenden bewusst machen möchte: Warum gab es lange Zeit keinen virtuellen Frauen-Fußball in Sportspielen? Warum gibt es im Landwirtschaftssimulator keine Massentierhaltung? Und warum keine Kinder in der offenen Spielwelt von GTA V?

"Der Krieg sollte so dargestellt werden, wie er eben ist: schrecklich."

Was entgegnest du Kritikern, die wiederum entgegnen, dass das virtuelle Nachspielen von Kriegen, in denen Millionen von Menschen gestorben sind, nicht als interaktive Unterhaltung dienen sollte?

Es ist immer die Art, wie beispielsweise Kriege in Unterhaltungsmedien behandelt werden. Zwar gibt es nur wenige Spiele, die Krieg abstoßend und also realistisch darstellen, doch es gibt sie! Wichtig ist dabei nicht einfach alle Spiele oder ein bestimmtes Genre wie etwa First-Person-Shooter über einen Kamm zu scheren: Selbst klassische Shooter wie die der "Call of Duty"-Reihe hatten in den letzten Jahren durchaus einige kriegs- beziehungsweise waffenkritische Aspekte und haben etwa vor Bio- und Weltraum-Waffen gewarnt.

Mit dem Erscheinen des Spiels "Battlefield 1" wurde nach etlichen Spielen im Zweiten Weltkrieg und fiktiven Schauplätzen mit einem Millionen-Budget auch der Erste Weltkrieg "in Szene" gesetzt. Der Einsatz von Giftgas auf dem Schlachtfeld wird vom Hersteller EA als besonders spannendes und herausforderndes Spiel-Feature beworben. Wie stehst du dazu?

"Battlefield 1" hat einige gute Ansätze, um junge Menschen, die das Spiel mit seiner Einstufung "ab 16 Jahren" spielen, mit dem Ersten Weltkrieg zu konfrontieren. Das sie im Spiel auch mit virtuellem Giftgas in Berührung kommen ist bei diesem Setting nur richtig. Aber "Battlefield 1" ist in vielen Aspekten auch haarsträubend und verzerrt die Historie. Die tatsächliche Grausamkeit von Giftgas wird natürlich nicht dargestellt und auch insgesamt ist das Spiel sehr kriegsverharmlosend.

Die meisten bei uns erfolgreichen Spiele mit Kriegsthematik sind meist von westlichen Militärmächten und lang zurückliegenden Auseinandersetzungen geprägt. Mit "Syrian Warfare" ist nun jüngst ein Spiel eines russischen Programmier-Teams erschienen, das den Krieg in Syrien thematisiert. Wie blickst du auf solche aktuellen Entwicklungen?

Man könnte das natürlich als gerechten "Ausgleich" sehen: Mal die russische Sicht nachspielen, statt immer nur die westliche, die übrigens durchaus aktuelle Konflikte in Spielen thematisiert. Allerdings würde ich mir eher wünschen, insgesamt alle Konfliktseiten in einem Spiel präsentiert zu bekommen – das wäre bei dem Medium ja problemlos möglich. Und der Krieg sollte so dargestellt werden, wie er eben ist: schrecklich.

Gibt es äquivalent zu Anti-Kriegsfilmen auch so etwas wie "Anti-Kriegsspiele"?

Es gibt Spiele, die Spielende dazu bringen Militäreinsätze abzulehnen. Das Problem ist allerdings, dass über neunzig Prozent der aktuellen Kriegsspiele, wenn man sie mit Filmen vergleichen will, relativ geistlose Rambo-Action sind. Ein kriegskritisches Spiel, das ich hier lobend erwähnen will ist "Spec Ops – The Line", welches die Shooter-Mechanik mit kritischem Inhalt verbindet: So spricht das Spiel die Shooter-Zielgruppe an, vermittelt ihnen aber Inhalte, die sie sonst so nicht kennen. Das halte ich für einen besseren Weg als Spiele, die zwar kriegskritisch sind, dies aber mit erhobenem Zeigefinger und langweiliger Spielmechanik versuchen. Ein richtiges Antikriegsspiel ist wiederum "This War of Mine", in dem man eine Gruppe von Zivilisten in einer umkämpften Stadt am Leben halten muss. Das ist an die Belagerung Sarajevos angelehnt und zeichnet viele Dramen. Der Krieg ist in dem Spiel wirklich bedrückend und man bekommt einen Eindruck davon, wie schrecklich er tatsächlich ist.

Wie siehst du die Weiterentwicklung von Kriegsspielen in Verbindung mit der Weiterentwicklung von Virtual Reality, wenn die Technik den Krieg noch intensiver erlebbar machen wird?

Da die Immersion, das Eintauchen ins Spiel, größer ist, wirkt die virtuelle Gewalt auch heftiger. Selbst gestandene Videospiel-Journalisten berichten, dass sie auf einmal ein mulmiges Gefühl hatten, wenn sie in einem Shooter virtuelle Personen töteten. Es wird aber wohl so sein wie es schon heute ist: Insgesamt werden die kriegsverherrlichenden Spiele, die den Spielenden sanfte Unterhaltung bieten wollen, überwiegen. Wobei sich der Markt halt langsam hin zu mehr kriegskritischen Spielen bewegt. Es wird auf jeden Fall spannend zu beobachten, was tatsächlich passiert – auf dem gesamten Feld der Virtual Reality wird ja noch extrem viel experimentiert.

In welchem Shooter trifft man Dich online an und - warum macht es überhaupt so viel Spaß, sich gegenseitig virtuell abzuschießen?

Ich habe eine Zeit lang mal viel "Battlefield 3" online gespielt. Ich denke vor allem der Wettbewerb ist attraktiv: Wer hat die bessere Reaktion? Wer verhält sich intelligenter? Bei Shootern interessieren mich aber vor allem die Aussagen und die finden sich meist in den Einzelspieler-Kampagnen, weshalb ich nicht mehr häufig online Spiele – zumindest keine Shooter. Gerade haben es mir Rennspiele eher angetan und zudem probiere ich verschiedene Virtual-Reality-Spiele aus – mit Lenkrad, Pedalen und Virtual-Reality-Brille ist die Immersion wirklich enorm!
Der Politikwissenschaftler Michael Schulze von Glaßer, Jahrgang 1986, ist Beirat der "Informationsstelle Militarisierung e.V." und hat 2014 das Buch "Das virtuelle Schlachtfeld – Videospiele, Militär und Rüstungsindustrie" veröffentlicht. Auf seinem YouTube-Kanal "Games and Politics" setzt er sich mit politischen Themen und Hintergründen von und in Videospielen auseinander.

http://schulze-von-glasser.eu

  • Was: Vortrag "Das virtuelle Schlachtfeld – Videospiele, Militär und die Rüstungsindustrie"
  • Wann: 27. April 2017, 18 Uhr
  • Wo: Raum KA 101, Pädagogische Hochschule Freiburg