Wie wird die Examensarbeit zum Buch?

Paula Scheidt & Silke Kohlmann

Bachelor-, Master-, Magister und Diplomarbeiten: egal wie die Prüfungsleistung heißt, viel Arbeit steckt meistens drin. Doch ist der Abschluss geschafft, verschwindet das gute Stück ungelesen im Regal. Wie kann man seine Examensarbeit veröffentlichen? Und was bringen Print-on-Demand-Verlage?



Um das Geld sei es ihr nicht gegangen, sagt Eva Bötschi. Die 27-jährige hat vor zwei Jahren ihre Abschlussarbeit an der Universität Basel eingereicht. Im Fach Soziologie hatte sie untersucht, wie zufrieden und wie gesund Mitarbeiter in Betrieben sind und welche Faktoren das beeinflussen. „Ich habe mir einfach gewünscht, dass meine Arbeit gelesen wird“, sagt sie. Während des Studiums hatte sie für die Recherche oft Texte von anderen Studenten über das Internetportal hausarbeiten.de heruntergeladen und dachte sich nun: Warum nicht auch den eigenen Text hochladen?


Als Patrick Hammer 1998 das Internetportal hausarbeiten.de zusammen mit seiner Schwester Tanja gründete, ging er selbst noch an die Uni. Er studierte Kommunikationswissenschaft, seine Schwester Rechtswissenschaften. Und wie Eva Bötschi fand er es schade, wenn seine Arbeiten von niemandem gelesen würden. Inzwischen ist aus hausarbeiten.de der Grin-Verlag geworden, zu dem auch das Portal diplomarbeiten24.de gehört. Das Unternehmen sitzt in München, richtet sich aber an den gesamten deutschsprachigen Raum. Jedes Jahr steigt Hammer zufolge die Zahl der veröffentlichten Arbeiten aus Deutschland, der Schweiz und Österreich um rund 30 Prozent.

Kritiker zweifeln an der Seriosität der Print-on-demand-Verlage

Das Erfolgsrezept des Verlages: Das Veröffentlichen ist kostenlos und geht blitzschnell. Jeder Interessierte kann Seminar-, Bachelor- oder Masterarbeiten über die Internetseite hoch laden. Damit tritt er die Verwertungsrechte an seinem Text ab. Der Verlag legt den Verkaufspreis fest, der Autor erhält beim Verkauf seiner Arbeit als elektronische Datei 40 Prozent des Verkaufspreises, beim Verkauf als gedrucktes Buch zehn Prozent. Die Texte können entweder online beim Grin-Verlag erworben oder über den Buchhandel bestellt werden.

Durch das digitale Druckverfahren „Print on demand“ gibt es keine Mindeststückzahl mehr, sondern jedes Buch wird erst hergestellt, wenn es bestellt wird.

Eva Bötschi hat neben ihrer Abschlussarbeit auch sechs Seminararbeiten veröffentlicht. Ein Profil auf der Verlagsseite stellt sie als Autorin außerdem kurz vor. Eine Abschlussarbeit kostet den Leser als elektronische Datei rund 35 Euro, als gedrucktes Buch fast das doppelte. Wer Seminararbeiten lesen will, muss im Schnitt elf Euro für die Datei und etwas mehr für das gedruckte Buch bezahlen. Autorin Bötschi schätzt, dass sie damit im Quartal etwa 20 Euro verdient. Nicht gerade viel, wie Kritiker finden.

Claus-Heinrich Daub, Präsident der in Basel ansässigen Gesellschaft für Wissenschaftspublizistik (Gesowip), sagt: „Es ist illusorisch, mit Abschlussarbeiten etwas verdienen zu wollen.“ Von den meisten Print-on-demand-Verlagen hält er deshalb wenig, sie würden ihre Autoren Geld abknöpfen, ohne wirkliche Aussicht auf Verdienst. Tatsächlich ist die Veröffentlichung bei den meisten Print-on-demand-Verlagen, anders als beim Grin-Verlag, kostenpflichtig. Und der relativ hohe Verkaufspreis bremst unter Umständen die Verkaufszahlen.

Heikler als die Bezahlung findet Daub aber die Seriosität der Verlage. Wolle man seiner Oma oder Tante die eigene Arbeit in Buchform schenken, mache das Angebot noch Sinn. „Im wissenschaftlichen Bereich bringt einem eine solche Veröffentlichung aber nichts, im Gegenteil, sie kann sogar den Ruf versauen“, sagt Daub. Er hat 1999 zusammen mit drei anderen Sozialwissenschaftlern die Gesowip aus dem gleichen Grund ins Leben gerufen, aus dem Hammer das Portal hausarbeiten.de gegründet hat: um wissenschaftliche Arbeiten einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.

Allerdings müssen die Arbeiten bei der Gesowip die kritische Hürde einer Prüfung durch zwei externe Experten überwinden. Das hat bisher noch keine Abschlussarbeit geschafft. Jährlich veröffentlicht die Gesowip drei bis vier herausragende, wissenschaftliche Arbeiten, meist Doktorarbeiten oder wissenschaftliche Studien. „Abschlussarbeiten liefern nur selten neue Erkenntnisse“, sagt Daub. Das sei aber die Voraussetzung für einen Erfolg am Markt. Außerdem müsse der Text vor einer Veröffentlichung entschlackt werden, was viele Autoren abschrecke.

Eine kritische Qualitätsprüfung existiert bei Print-on-demand-Verlagen nicht. Auch ein Lektorat wird bei den meisten Fällen höchstens als kostenpflichtige Zusatzleistung angeboten. Auffällig schlechte Arbeiten werden zwar abgelehnt,  alle anderen Texte aber nur stichprobenartig kontrolliert. Als Gütesiegel soll vor allem die Note des Professors dienen. Da kann schon mal ein Plagiat durchrutschen: Beim Grin-Verlag hat vor kurzem ein Universitätsdozent dreißig fremde Arbeiten hochgeladen. Der Betrug flog auf, als sich einer der echten Autoren meldete. Unternehmensgründer Hammer hält solche Vorfälle aber für extrem selten.

Im Vorstellungsgespräch wurde Eva nach ihrer Abschlussarbeit gefragt

Der Freiburger Christoph Müller-Stoffels hat seine Magisterarbeit im Fach Vergleichende Religionswissenschaft lieber einem Fachverlag anvertraut. Der Diagonal-Verlag in Marburg wird in den kommenden Wochen Christophs Werk über die „Formen individualisierter Religion in der virtuellen Welt ‚Second Life‘“  veröffentlichen.

„Die Arbeit wollte ich veröffentlichen, weil es die erste Magisterarbeit in Religionswissenschaft zu einem solchen Thema ist. Meine Professorin sah das genauso und bemühte sich nach Kräften, mich zu unterstützen“, sagt Christoph Müller-Stoffels. Die Publikation erfolgt in einer Reihe, in der ausgezeichnete Abschlussarbeiten (Christoph hat eine glatte 1 für seine Arbeit bekommen) Platz finden sollen. Auch er hat die Publikation nicht wegen des Geldes angestrebt.

„Ich verdiene nichts damit, habe aber auch keine Kosten, sondern eher den Vorteil, dass ich eine Publikation auf meinem Lebenslauf habe.“ Dabei setzt er auf den guten Namen seines Verlegers.

Aber auch Eva Bötschi sagt, sie habe bisher ausschließlich positive Erfahrungen mit ihren Veröffentlichungen gemacht. Schon mehrfach ist sie auf die Arbeiten angesprochen worden. Im Vorstellungsgespräch wurde sie nach ihrer Abschlussarbeit gefragt – der Arbeitgeber hatte ihren Namen vorher im Internet gesucht. Den Job hat sie bekommen.

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